Sind Aargauer Mittelschullehrer am Anschlag?

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Schüler brauchen auch in der Mittelstufe individuelle Betreuung. (Bild: Sandra Ardizzone)

Eine Mittelschullehrperson im Kanton Aargau, die in einem 100 Prozent Pensum angestellt ist, arbeitet durchschnittlich sechs Arbeitswochen zu viel. Oder anders: Eine Mittelschullehrperson arbeitet im Schnitt 114 Prozent. Dies zumindest ist das Resultat einer Jahresarbeitszeiterhebung, die der Aargauer Mittelschullehrer Verband (AMV) im Schuljahr 2016/2017 durchgeführt hat.

Anlass für die Erhebung war ein Entscheid des Grossen Rats, der die Zahl der Pflichtlektionen für die Mittelschullehrpersonen in einem Vollpensum auf das Schuljahr 2016/2017 um eine Lektion erhöhte. Michael Bouvard, Co-Präsident des AMV, erklärt die Motivation hinter der Erhebung. «Es geht uns nicht darum, zu jammern. Wir wollen aufzeigen, wie der Alltag für die Mittelschullehrpersonen aussieht. In Zukunft können politische Diskussionen auf Basis dieser Erhebungen geführt werden. Die Erhebung ist quasi eine Schutzmassnahme.»

Jugendliche brauchen Betreuung

An der Erhebung haben 60 Mittelschullehrerinnen und Mittelschullehrer aus dem Aargau mitgemacht. Nicht genug, monieren Kritiker. Zu ihnen gehört die Zofinger FDP-Grossrätin und Fraktionspräsidentin Sabina Freiermuth. «Die Erhebung ist weder objektiv noch repräsentativ», sagt sie. «Allein, dass nur 60 von rund 800 Lehrpersonen teilgenommen haben, spricht Bände und relativiert die Aussagekraft erheblich.» 23 Pflichtlektionen seien keineswegs überrissen, sondern entsprächen den Vorgaben in anderen Kantonen. «Der Aargau liegt im schweizerischen Durchschnitt, was die Zahl der Pflichtlektionen angeht», sagt Freiermuth.

Sie kann sich nicht vorstellen, dass die Erhebung des AMVs im Grossen Rat als Grundlage genutzt wird für künftige Diskussionen um die Pensen von Lehrpersonen. Ihr sei zwar bewusst, dass der Lehrberuf auf der Mittel- sowie der Primarstufe Herausforderungen mit sich bringe. «Hier die Prioritäten richtig setzen zu können, ist eine tägliche Herausforderung. Im Gegenzug können Lehrpersonen aber ihre Arbeitszeit in wesentlichen Teilen selber einteilen.»

An der Erhebung mitgemacht haben unter anderem Manuela Knecht und Fabienne Cherrez. Beide unterrichten Englisch an der Alten Kantonsschule Aarau und sind überzeugt: Die Arbeitszeitenberechnung des Kantons ist unrealistisch. «Die Vor- und Nachbereitungszeit für die Lektionen wird unterschätzt», sagt Manuela Knecht. «Ich will abwechslungsreiche Lektionen gestalten und nicht nur frontal unterrichten, das braucht Zeit», ergänzt Cherrez. Als Klassenlehrpersonen würden sie ausserdem viel Zeit brauchen für die Betreuung der Schüler. Der Zeitaufwand dafür habe in den letzten Jahren zugenommen, viele Schüler würden bei familiären Problemen oder Prüfungsangst Hilfe bei ihren Lehrpersonen suchen. Die beiden Englischlehrerinnen sind sich einig: Wenn sie sich strikt an die vom Kanton vorgesehenen Stunden halten würden, dann würde der Unterricht darunter leiden. «Ich könnte schon ins Schulzimmer kommen und die Schüler Aufgaben im Buch lösen lassen. Da können sie auch gleich daheim bleiben, das wäre aber für mich als Lehrerin nicht befriedigend», betont Knecht.

Mehr Teilzeitpensen

Elisabeth Abassi vom Aargauischen Lehrerinnen- und Lehrerverband ist vom Resultat der Erhebung nicht überrascht. «Schon 2008 gab es eine Erhebung, die zeigte, dass Lehrpersonen massiv Überzeit leisten. Seither ist der Unterricht noch komplexer geworden.» Die Studie wäre bei Primarlehrpersonen nicht anders herausgekommen, ist Abbassi überzeugt. Sie stelle fest, dass immer mehr Lehrpersonen Teilzeit arbeiten, «weil sie ihr Pensum sonst nicht mehr bewältigen können.» Die Überbelastung der Lehrer koste den Kanton viel Geld. 3,5 Millionen Franken seien es im Jahr 2014 gewesen, so Abbassi. Diese Zahl stammt aus dem Bericht «Berufsbedingte Krankheitskosten der Lehrpersonen». Der Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH) hatte den Bericht in Auftrag gegeben. «Das müsste dem Kanton zu denken geben. Er nimmt seine Fürsorgepflicht nicht wahr.»

An diesen Aussagen stört sich SVP-Grossrätin Tanja Primault. So schlimm könne der Alltag als Mittelschullehrperson nicht sein, denn «an Informationsveranstaltungen für den Beruf Mittelschullehrer wird immer gesagt, dass es wenig freie Stellen gebe. Und wer mal eine Stelle habe, bleibe meistens sehr lange. Das sagt schon alles.» Auch sie kann sich nicht vorstellen, dass die Erhebung im Grossen Rat in Zukunft als Diskussionsgrundlage verwendet wird.

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