Plastik-Recycling – ein Märchen?

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Wir Schweizerinnen und Schweizer sind ein Volk der Abfallsammler und -trenner. Nach Papier – sauber vom Karton geschieden –, Textilien, Glas, Aluminium, Pet und Co. haben wir den Kunststoff «entdeckt». Bereits vor rund zwanzig Jahren gab es in der Region Brugg Container für bestimmte Kunststoffsorten. Die Übung wurde abgeblasen, weil die Vielfalt an Kunststoffen zu gross und der Aufwand, diese zu sortieren, zu kostspielig schien. Zu einem ähnlichen Schluss ist man im Kanton Zug gekommen – dort sammelt man noch, verkauft den Kunststoff aber der Zementindustrie als Brennstoff. CO2 fällt in deren Werken so oder so an. Wird nicht Kunststoff verbrannt, dann Kohle oder Öl.

Dennoch – ist es aus rein ökologischen Überlegungen nicht doch sinnvoll, Kunststoffe zu recyceln? Rainer Bunge ist Professor an der Hochschule Rapperswil und Leiter des Instituts für Umwelt- und Verfahrenstechnik. Er widerspricht dieser Annahme nicht – «aber können wir uns alles leisten, was ökologisch wünschenswert wäre?»

Bunge hat im Auftrag des Bundes abgeklärt, wie es um das Kosten-Nutzen-Verhältnis von Kunststoffsammlungen bestellt ist – wie ihre Effektivität, ihr zusätzlicher Beitrag zur Ökobilanz der Schweizer Abfallwirtschaft aussieht. Auf Zahlen reduziert kostet Kunststoffrecycling rund 500 Franken pro Tonne mehr als die Verbrennung in einer KVA, sagte er letzte Woche vor den Abgeordneten der Entsorgung Region Zofingen (Erzo). «Das Recycling von gemischtem Plastik hat einen sehr geringen ökologischen Nutzen, kostet aber sehr viel.» Das Problem: Viele minderwertige Materialien – zum Beispiel Verpackungen – kann man gar nicht wiederverwerten. Zudem werden auch im Kunststoffbereich immer neue Werkstoffe entwickelt. Ein Beispiel, das Bunge anführt, ist die Klarsichtfolie über der Käse- oder Aufschnittschale, die man beim Grossverteiler kauft: «Sie besteht aus fünf verschiedenen hauchdünnen Schichten – wie diese trennen?

Als Messgrösse für Kosten/Nutzen kennt die Fachwelt den «Specific Eco Benefit Indicator» (SEBI). Aluverpackungen bringen es auf 18 690 SEBI-Punkte – Kunststoffe auf 1070. Wie marginal der Umweltnutzen ist, illustriert Bunge an zwei Beispielen: Derselbe Effekt würde erzielt, wenn jeder Bürger pro Jahr ein Grillsteak weniger essen oder auf eine Autofahrt von 30 Kilometern verzichten würde.

Trotzdem sammeln Schweizerinnen und Schweizer immer fleissiger Plastik. Für Plastikabfälle bieten Privatfirmen vorab in der Ostschweiz und im Mittelland Sammlungen an – nicht zu verwechseln mit den PET- oder den Kunststoffflaschensammlungen der Grossverteiler. Die Kunden stecken das Plastik in einen zu diesem Zweck gekauften Sack, der zwei bis drei Franken kostet. So finanzieren sie das Geschäft der Recycler – im Konsumentenglauben, dass das Plastik wiederverwertet werde. Aktuell wird jedoch das Schweizer Altplastik meist im Ausland sortiert und dann unter enormem Energieaufwand zu Granulat für die Industrie verarbeitet. Die 50 oder mehr Prozent Ausschuss werden oft zurück in die Schweiz gekarrt – und in Zementwerken und Kehrichtanlagen verbrannt

Bunge sagt dazu: «Der Konsument sucht verzweifelt nach einem Weg zur Kompensation seiner ökologischen Sünden.» Der Professor sieht darin durchaus eine Parallele zum mittelalterlichen Ablasshandel.

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