Sucht macht erfinderisch

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Letzten Sonntag sass ich an der Wärme und blätterte ein wenig in der Sonntagszeitung, bis ich bei einem Interview mit Dr. Wolfgang Siegfried hängenblieb, der in Bayern ein Rehazentrum führt, in dem er Jugendliche mit dem ISO-Syndrom behandelt. Die Abkürzung ISO steht für «Internetsucht», «schulvermeidendes Verhalten» und «Obesitas», also krankhaftes Übergewicht. Die betroffenen Jugendlichen ziehen sich mit fortschreitender Sucht immer mehr zurück in ihre eigenen vier Wände, wo sie nicht viel mehr tun als essen und gamen oder instagrammen, um darüber die eigene triste Realität zu vergessen. Der Arzt berichtet im Interview von wirklich haarsträubenden Fällen: Jugendliche, die bis zu 20 Stunden pro Tag online «zocken», wie er es nennt, die Amok laufen, wenn man ihnen das WLAN abschaltet, die jeden Trick kennen, um zu einer Internetverbindung zu kommen und die notfalls einfach abhauen, wenn es ihnen ausnahmsweise doch nicht gelingen sollte. Siegfried spricht, um das Ausmass der Sucht zu illustrieren, von «Heroin aus der Steckdose». Das ist deftig, dachte ich und war einigermassen erleichtert, dass bei mir diesbezüglich kein Gefahrenpotenzial besteht, weil mir mein Handy, die sozialen Netzwerke und Games sowieso schon immer am Allerwertesten vorbeigegangen sind. Warum mein unproblematisches Online-Verhalten nicht mit einem Bier feiern? Mit wenigen Schritten war ich beim Kühlschrank. Der Kühlschrank war bierleer. Ich fluchte. Schuhe anziehen. Fahrrad holen. Bahnhof Zofingen. Sixpack! Wieder zu Hause öffnete ich ein kaltes, analoges Bier, zündete mir eine nichtelektronische Zigarette an und machte mich daran, den Rest des Interviews zu lesen. Und staunte: In der Therapiestation gibt’s WLAN! Zwar nicht rund um die Uhr, aber doch länger, als man denken würde. Irgendwie hat Dr. Siegfried ja Recht, wenn er sagt, das Internet sei heute nicht mehr aus der Welt wegzudenken und das Ziel müsse deshalb sein, einen Weg zu finden, vernünftig damit umzugehen. Ein wohltuend pragmatischer Arzt, dachte ich und holte noch ein Bier. Vielleicht sollte ich ihn fragen, ob sein Zentrum auch einen Alkoholentzug anbietet, bei dem man sich um fünf Uhr zum Feierabendbier trifft.

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