Wenn die Grossmutter Hilfe aus Osteuropa erhält

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Wenn sich Ivana die Nägel macht, schaut Frau Hofer immer gespannt zu. Bild: Remo Wyss

Zu Hause bleiben statt ins Heim zu gehen ist der Wunsch vieler Betagter. Möglich machen dies sogenannte 24-Stunden-Betreuerinnen. Diese werden aber nur allzu oft ausgebeutet. Sieben Tage pro Woche im Einsatz, keine Freizeit, in der Nacht alle zwei bis drei Stunden aufstehen – und das alles zu einem Hungerlohn.

Dass es aber auch anders gehen kann, zeigt das Beispiel von Ivana*. Ivana ist 49-jährig, geschieden, zweifache Mutter und stammt ursprünglich aus der Slowakei. Seit vier Jahren betreut sie als Pendelmigrantin eine ältere Frau im Raum Zofingen, die an Demenz erkrankt ist.

Die ersten drei Jahre war Ivana jeweils für drei Monate in der Schweiz. Dann kehrte sie zurück in die Slowakei und betreute dort eine andere Patientin. «Das war sehr anstrengend», erinnert sie sich zurück. Seit Anfang März 2019 arbeitet sie nun im Sechswochen-Rhythmus. «Ich bin sechs Wochen hier, und dann sechs Wochen in der Slowakei. Dort arbeite ich allerdings nicht mehr.» Ist sie in der Slowakei, wird die Kundin von einer anderen Slowakin betreut.

Die Demenz ihrer Patientin ist glücklicherweise noch nicht weit fortgeschritten. «Aber wenn ich Frau Hofer* etwas erzähle, hat sie es oft bereits wieder vergessen, wenn sie sich umdreht», beschreibt Ivana den Zustand. Obwohl ihre Kundin schnell vergisst, ist sie körperlich in sehr guter Verfassung und sehr selbstständig. So kann sie sich selbst duschen und anziehen.

Von der Sekretärin auf Betreuerin umgesattelt

Im Grunde genommen ist Ivana für ihre Tätigkeit überqualifiziert. In der Slowakei arbeitete sie ursprünglich während 18 Jahren als Assistentin und Sekretärin auf einer Gemeindeverwaltung. «Da drehte sich aber alles nur um Zahlen. Irgendwann verleidete mir das Ganze.» Kurzum absolvierte sie einen Pflegekurs und betreute danach eine ältere Frau in der Slowakei. «Das war aber lediglich eine 8-Stunden-Betreuung», so Ivana. Als Lohn gab es etwa 400 Euro, was dem damaligen Mindestlohn in der Slowakei entsprach. Angestellt war sie über die Caritas Slowakei. Eines Tages wurde sie angefragt, ob sie nicht für die Caritas in der Schweiz als Betreuerin arbeiten möchte.

«Mein jüngerer Sohn war damals erst 16 Jahre alt. Deshalb wusste ich nicht recht, ob ich es wagen soll oder nicht.» Als sie ihren Plan mit ihrer Familie diskutierte, stellte diese sich auf ihre Seite. Ihre Eltern boten an, nach den beiden Söhnen zu sehen. Diese ermunterten ihre Mama, es zu versuchen. «Sie sagten: ‹Gefällt es dir nicht, kommst du zurück›», erzählt Ivana. Seither arbeitet sie für Caritas Care in der Schweiz. Heute verdient Ivana genug, um ihrem jüngeren Sohn das Studium zu finanzieren. «Er studiert Wirtschaft und Politologie», erzählt sie stolz.

Obwohl Ivana in der Schweiz gut 1200 Kilometer von ihrem Zuhause weg ist, fühlt sie sich nicht fremd. Im Gegenteil. «Die Familie ist sehr nett, ich gehöre für sie völlig unkompliziert einfach auch zur Familie dazu», so Ivana. Wird die 90-jährige Kundin irgendwohin eingeladen, zum Beispiel zum Essen in ein Restaurant, ist es völlig normal, dass auch Ivana eingeladen wird. Mit der Familie pflegt sie einen regen Austausch. «Das ist wichtig für mich, aber auch für die Familie. Schliesslich wohne ich mit ihrer Mutter zusammen, das erfordert viel Vertrauen.»

Über Weihnachten kann Ivana nach Hause

Am Wochenende wird die Frau von ihren Angehörigen betreut. Ivana hat dann frei und nutzt die Zeit, um die Schweiz zu erkunden. Über Weihnachten hat sie sich mit der Familie der Patientin so arrangiert, dass sie für ein paar Tage in die Slowakei reisen konnte. «Sie sagen mir immer: ‹Weisst du, wir schenken dir nichts zu Weihnachten. Dafür kannst du für ein paar Tage nach Hause.› Für mich ist das aber das allergrösste Geschenk», sagt sie strahlend. Im ersten Jahr war das noch nicht möglich. Eine schlimme Zeit für Ivana, denn so verbrachte sie das erste Mal in 45 Jahren das Weihnachtsfest nicht zu Hause bei ihrer Familie.

Unter der Woche bewältigt Ivana mit Frau Hofer den ganzen Tagesablauf. Um 8.30 Uhr weckt sie die Kundin, welche danach selbstständig aufsteht und duscht. In der Zwischenzeit bereitet Ivana das Frühstück vor. «Ich richte das Essen immer schön an, wie im Restaurant. Dazu dekoriere ich den Tisch. Frau Hofer freut sich immer sehr darüber», so Ivana. Den Tag über versucht Ivana, aktiv mit ihrer Kundin zu sein und sie in alles einzubinden. «Die Familie sagte mir gleich zu Anfang, dass ich nicht nur hier bin, um zu putzen und zu kochen. Ihre Mutter soll es einfach schön und interessant haben.» Macht sich Ivana die Nägel, schaut die Patientin interessiert zu. Auch bei Ivanas grossem Hobby, dem Herstellen von Seife, hilft sie mit. «Sie liebt die verschiedenen Düfte und könnte stundenlang an den Fläschchen der ätherischen Öle riechen.»

Zwischen den beiden Frauen entstand in den letzten vier Jahren eine enge Bindung. Ivana erachtet das als besonders wertvoll im Umgang mit einem Patienten. «Wir umarmen uns viel und sagen, wie gerne wir uns haben.» Geht Ivana aus dem Haus, etwa weil sie selbst einen Arzttermin hat, sei die Kundin immer ganz traurig. «Ich muss ihr dann versichern, dass ich schnell wiederkomme», sagt Ivana und lächelt.

In ihrer Betreuung lässt Ivana Frau Hofer viele Freiheiten. «Ich gehe oft um 20 Uhr in mein Zimmer. Dann höre ich, wie sie herumläuft und alle Schränke auf der Suche nach Süssigkeiten öffnet.» Unterbinden will sie das nicht. Schliesslich sei die Patientin kerngesund – bis auf die Demenz.

(*Name der Redaktion bekannt)

Wer sich im Internet über 24-Stunden-Betreuungen informiert, findet eine Vielzahl von verschiedenen Anbietern dazu. Für den Laien unterscheiden sich die Angebote auf den ersten Blick hauptsächlich im Preis. Doch Vorsicht ist geboten, sagt Bernhard Ackermann, Verantwortlicher Marketing bei der Caritas Schweiz.

Bernhard Ackermann, wie viel kostet eine 24-Stunden-Betreuung bei der Caritas?

Bernhard Ackermann: Die Betreuungspauschale pro Monat bewegt sich seit dem 1. Januar 2020 zwischen 6690 Franken und 7440 Franken, je nach individuellem Betreuungsbedürfnis und Region. Hinzu kommen Naturalkosten für Kost und Logis.

Im Internet finden sich bereits Angebote für rund 3000 Franken. Woher kommt der Unterschied? Natürlich kann ich nicht eingehend über Angebote von Mitbewerbern sprechen. Wir orientieren uns allerdings für die Löhne unserer Betreuerinnen an den Lohnvorgaben des Seco, des Staatssekretariats für Wirtschaft. Und als Non-Profit-Organisation erzielen wir keinen Gewinn durch das Betreuungsangebot von Caritas Care. Der Mindestlohn inklusive der obligatorischen Abgaben ist bereits deutlich höher als 3000 Franken. Unser Ziel ist die grösstmögliche Zufriedenheit für Kunden und Betreuerinnen und Betreuer.

Konkret heisst das, dass nicht alle Angebote seriös sind?

Es ist bekannt, dass es in der Branche einen grossen Graumarkt gibt. Bei der Wahl des Angebotes muss man bedenken, was für Qualifikationen die Betreuerin hat, ob sie einen fairen Lohn erhält, wie gut sie Deutsch spricht, wie eng sie selbst von der Organisation betreut und unterstützt wird, was passiert, wenn sie krank wird oder einen Unfall hat und so weiter. Eine seriöse Organisation zahlt faire Löhne, unterstützt die Betreuerinnen, die teilweise zum ersten Mal in der Schweiz sind, eng und ist sowohl für die Betreuerinnen als auch für die Kunden eine kompetente Ansprechperson. Bei einigen Preisen im Netz kann ich mir das nicht vorstellen. Entweder leidet dort der Kundenservice oder der Lohn der Betreuerinnen. Auch die rechtliche Situation sollte im Auge behalten werden.

Was meinen Sie damit?

Eine Anstellung, bei der die Betreuerin sieben Tage lang 24 Stunden da ist, ist arbeitsrechtlich gar nicht möglich. Wir bieten deshalb fünf, maximal sechs Tage an. Konkret teilen wir einen Tag in acht Stunden Arbeitszeit, acht Stunden Bereitschaftszeit während der Nacht und acht Stunden Freizeit ein. Einmal pro Woche ist ein ganzer Tag à 24 Stunden und ein halber freier Tag à fünf Stunden Freizeit zu gewähren. Sollte in Ausnahmefällen die Betreuung an sieben Tagen nötig sein, lösen wir das mit zwei Betreuerinnen. Das ist allerdings nicht einfach zu planen und mit erheblichem Mehraufwand verbunden.

Wie wird sich der Markt für 24-Stunden-Betreuungen weiterentwickeln?

Mit der demografischen Entwicklung im Hinterkopf wird das Interesse sicher noch weiter ansteigen. Denn mit Unterstützung noch einige Jahre mehr zu Hause verbringen zu können ist unserer Meinung nach ein konkretes Bedürfnis der Gesellschaft. Dazu kommt, dass es sich in der Schweiz viele Personen leisten können, so zu Hause betreut zu werden.

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