Viel Zeit, Geduld und Kraft: Wenn eine Aargauer Familie zur Pflegefamilie wird

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Die Pflegeeltern Patricica Capurso und Matthias Burkhardt im Zimmer eines ihrer Pflegekinder. © Severin Bigler

Auf den ersten Blick ist die Familie von Patricia Capurso und Matthias Burkhardt eine ganz normale Familie. Mutter, Vater, mehrere Kinder. Im Unterschied zu anderen Familien wurden sie aber von einem Tag auf den anderen zur Grossfamilie.

Seit fünf Jahren wohnen neben der eigenen Tochter mehrere Pflegekinder bei Patricia Capurso und ihrem Mann. Sie können nicht bei ihren leiblichen Eltern leben, weil es deren familiäre und persönliche Situation nicht zulässt. Beschliesst das Familiengericht nichts anderes, werden die Kinder in der Pflegefamilie bleiben, bis sie volljährig sind.

Wie viele Kinder im Aargau bei einer Pflegefamilie leben, ist unklar. Der Kanton verfügt über keine Zahlen, weil die Kinder von den Gemeinden zugewiesen werden. Der Kanton übt einzig die Aufsicht über die Platzierungsorganisationen aus.

Im Fall von Patricia Capurso und ihrem Mann hat die Fachstelle Pflegekind Aargau die Kinder vermittelt. Sie ist eine von fünf Fachstellen im Kanton und laufend auf der Suche nach geeigneten Pflegeeltern . Bei einer Kindeswohlgefährdung sucht die Fachstelle im Auftrag der Familiengerichte geeignete Pflegefamilien, die zuvor ein Assessment durchlaufen müssen.

Nicht immer bleiben die Kinder in der Pflegefamilie, bis sie volljährig sind. Die Fachstelle sucht auch Pflegefamilien, die Kinder in Notfallsituationen oder vorübergehend aufnehmen, bis die leiblichen Eltern wieder in der Lage sind, sich um ihre Kinder zu kümmern.

Den Alltag der leiblichen Tochter nicht stören

Für Patricia Capurso und ihren Mann war klar, dass sie nur Pflegekinder aufnehmen möchten, die aller Voraussicht nach nicht zu ihren leiblichen Eltern zurückkehren können. «Alles andere wäre uns zu stressig.» Sie wolle und könne nicht so flexibel sein und sich ständig auf etwas Neues einstellen.

Auch weil sie noch als Lehrerin tätig ist und sie ihre Arbeit nicht aufgeben wollte. Die leibliche Tochter spielte beim Entscheid ebenfalls eine Rolle. «Wir wollten nicht, dass sie sich auf immer neue Pflegekinder einlassen muss.»

Als die Pflegekinder in die Familie kamen, haben sie darauf geachtet, dass der Alltag der Tochter so wenig wie möglich tangiert wurde. Für sie sollte es weitergehen wie bisher. Das sei gelungen. «Auch weil wir zusätzlich und bis heute von meinem Vater unterstützt werden. Er ist für alle Kinder der Nonno und Teil des Teams.»

Der Vorteil einer Unterbringung in einer Pflegefamilie sei, dass es weniger häufig zu einem Wechsel der Bezugsperson kommt als in einem Kinderheim und dadurch zwischen Pflegekindern und Pflegeeltern ein enges Verhältnis entsteht, sagt Karin Gerber, Stellenleiterin der Fachstelle Pflegekind Aargau. «Gerade jüngeren Kindern kann das helfen.» Bei anderen sei eine Platzierung in einem Kinderheim besser. Insbesondere weil da der Loyalitätskonflikt weniger spiele.

Pflegeeltern sollen stärken nicht werten

Dieser Konflikt macht vielen Pflegekindern zu schaffen. Sie fühlen sich hin- und hergerissen zwischen den beiden Familien. Auf der einen Seite sind ihre Pflegeeltern, die sich um sie kümmern, ihnen Geborgenheit geben und bei denen sie Kind sein können. Auf der anderen Seite sind ihre leiblichen Eltern, die sie lieben, die aber aufgrund ihrer persönlichen Situation nicht in der Lage sind, genug auf ihre Bedürfnisse einzugehen.

Patricia Capurso kennt diesen Loyalitätskonflikt von ihren Pflegekindern. «Sie würden nie sagen, dass es ihnen bei ihrer Mutter oder ihrem Vater nicht gut geht oder dass etwas nicht wie geplant geklappt hat. Das wäre Hochverrat», sagt die Pflegemutter. Trotzdem gibt es Situationen, in denen sie den inneren Konflikt der Kinder spürt, sagt die Pflegemutter. «Zum Beispiel, wenn mich eines der Kinder fragt, ob es in Ordnung sei, dass es mich gern habe.»

In solchen Situationen merke sie, dass das Kind hadert. Sie sage dann jeweils: «Das ist doch schön. Ich habe dich auch gern.» Als Pflegeeltern gehe es darum, das Kind zu stärken und nicht zu werten. «Ich sage den Kindern oft, dass es nicht ihr Problem sei, sondern das von Mami oder Papi. Sie sollen ihre Eltern gerne haben, aber sie sollen sich nicht für die Eltern verantwortlich fühlen.»

Pflegekinder sollen ihre Wurzeln kennen

Die Pflegekinder wissen, dass Patricia Capurso und Matthias Burkhardt nicht ihre leiblichen Eltern sind. Sie sind ihr Alltagsmami und ihr Alltagspapi. Die Kinder nennen sie beim Vornamen. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie sei wichtig für die Kinder. «Ich schaue mit ihnen regelmässig Fotoalben an und versuche, ihnen ihre Geschichte altersgerecht zu vermitteln», sagt Patricia Capurso.

Pflegeeltern und Pflegekinder haben sich im Kinderheim kennen gelernt. «Wir haben den Kontakt langsam aufgebaut, nachdem klar war, dass sie zu uns kommen werden», sagt Patricia Capurso. «Als die Kinder ein paar Tage im Heim waren, gingen wir sie zum ersten Mal besuchen. Später durften sie einen Nachmittag zu uns nach Hause, dann blieben sie das erste Mal über Nacht.» Nach zwei Monaten zogen sie fix in die Pflegefamilie.

Zu Beginn hatten die Kinder keinen Kontakt zu ihren leiblichen Eltern. Diese wussten am Anfang auch nicht, wo genau ihre Kinder untergebracht waren. «Das war auch zu unserem Schutz», sagt Patricia Capurso. «Man darf nicht vergessen, dass die Eltern ihre Kinder nicht freiwillig weggegeben haben.»

Erst mit der Zeit wurde der Kontakt langsam wiederaufgebaut. Inzwischen sehen die Pflegekinder ihr Mami und ihren Papi regelmässig und die leiblichen Eltern wissen auch, wo sie wohnen und durften ihre Zimmer und das Haus anschauen.

Es braucht viel Zeit, Geduld und Kraft

Von aussen würde heute wohl niemand mehr auf die Idee kommen, dass nur ein Kind das leibliche Kind von Patricia Capurso und Matthias Burkhardt ist. Trotzdem sagt die Pflegemutter, es habe sicher drei, vier Jahre gedauert, bis sich ein Gefühl von Normalität eingestellt habe. «Wenn man daran arbeitet, geht es lang. Wenn man nicht daran arbeitet, geht es ewig.»

Zurück würde Patricia Capurso trotzdem nicht. «Wir haben es uns lange überlegt, ob wir das wirklich möchten, wir wurden von der Fachstelle auch auf Herz und Nieren geprüft, bevor sie uns in die Kartei aufgenommen haben», sagt die Pflegemutter. Sie fühlt sich von der Fachstelle gut unterstützt. Diese kümmert sich um administrative Fragen und übernimmt die Kommunikation mit der Beiständin der Kinder und den leiblichen Eltern.

Patricia Capurso hält ihre Beobachtungen wöchentlich in einem Bericht fest. Einmal pro Monat kommt jemand von der Fachstelle für ein Beratungsgespräch nach Hause, um aktuelle Anliegen zu besprechen und bei auftauchenden Problemen gemeinsam nach Lösungsmöglichkeiten zu suchen.
Viermal pro Jahr findet eine Supervision auf der Fachstelle statt.

Die Pflegeeltern haben da die Möglichkeit, sich auszutauschen und über schwierige Dinge zu sprechen. «Das hilft extrem, weil man sieht, dass andere Familien auch nur mit Wasser kochen», sagt Patricia CapursoDenn einfach ist es nie. Der Rucksack, den die Pflegekinder zu tragen haben, wiegt schwer und das, was sie in jungen Jahren bereits erlebt haben, lässt sich nicht einfach aus der Erinnerung löschen.

Dringend gesucht: Pflegeeltern

Im Aargau gibt es verschiedene Organisationen, die Pflegeplätze vermitteln. Die Fachstelle Pflegekind Aargau ist eine davon. Sie ist laufend auf der Suche nach geeigneten Pflegeeltern, die im Aargau wohnen. Pflegeeltern müssen nicht zwingend eigene Kinder haben. «Es ist uns aber wichtig, dass bei kinderlosen Paaren der Kinderwunsch abgeschlossen ist», sagt Stellenleiterin Karin Gerber. «Es wäre falsch, sich einen unerfüllten Kinderwunsch durch die Aufnahme eines Pflegekindes zu erfüllen.» Die Fachstelle ist auch offen für gleichgeschlechtliche Paare und alleinerziehende Personen. «Wichtig ist, dass die Pflegeeltern offen sind und die Betreuung der Kinder gewährleisten können. Sich um ein Pflegekind zu kümmern, ist eine soziale Aufgabe mit hoher Verantwortung», sagt Karin Gerber.

Die meisten Kinder haben in ihrem bisherigen Leben schon viel erlebt, nicht selten sind sie traumatisiert. «Das verlangt viel Fingerspitzengefühl und wir müssen sicherstellen, dass wir Pflegeeltern damit nicht überfordern.» Damit das so wenig wie möglich passiert, durchlaufen bei der Fachstelle Pflegekind Aargau alle Interessierten ein Assessment. Das umfasst unter anderem Gespräche, Hausbesuche und mehrtägige Kurse. «Es geht darum, die sozialen und persönlichen Ressourcen sowie die Konfliktfähigkeit potenzieller Pflegefamilien abzuklären», sagt Karin Gerber. Die Fachstelle interessiert sich auch für die Biografie der Pflegeeltern und für ihre Motivation. «Wir müssen zum Beispiel ausschliessen, dass die Motivation finanzieller Natur ist», sagt sie. Zwar werden die Pflegeeltern entlöhnt und erhalten für Kost, Logis und Spesen einen Betrag. «Das Geld ist aber nicht dazu da, die eigene finanzielle Situation zu verbessern.», sagt Karin Gerber. (nla)

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