Philippe Rafeiner, Infektiologe: «Die Influenza ist gefährlicher als das Coronavirus»

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Das Desinfizieren der Hände gehört für Philippe Rafeiner im Spital unbedingt dazu. Bild: kpe

Seit sieben Jahren ist Philippe Rafeiner verantwortlich für die Infektiologie und Spitalhygiene am Spital Zofingen. Der 52-Jährige schätzt die Gefahr des Coronavirus 2019-nCoV ein und klärt auf, wie man sich bei einem Verdachtsfall verhalten sollte.

Was dachten Sie als Erstes, als Sie von der Nachricht des neuen Virus hörten?

Philippe Rafeiner: Nein, nicht schon wieder! (lacht)

Wieso schon wieder?

In den letzten 20 Jahren hatten wir zwei Epidemien mit Coronaviren. Fünf Prozent aller Viren, die zirkulieren und Atemwegsprobleme verursachen, sind Coronaviren. Sie sind also nicht unbekannt.

Sars aus dem Jahr 2002 dürfte wohl vielen ein Begriff sein. Von welcher anderen Epidemie sprechen Sie?

Von Mers aus dem Jahr 2012. Beide Viren sind in Asien entstanden, wobei Mers in der Region geblieben ist und Sars sich bekanntlich ausbreitete und ungefähr tausend Todesopfer zur Folge hatte.

Wie hat das Spital Zofingen auf die Nachricht des neuen Virus reagiert?

Wie alle anderen haben auch wir zuerst abgewartet und uns informiert, bis man mehr darüber sagen konnte. Erst am Montag diese Woche haben wir intern über das Coronavirus informiert und aufgeklärt, welche Massnahmen zu treffen sind.

Unterscheiden sich diese Massnahmen zu denjenigen bei anderen Epidemien?

Grundsätzlich nicht. Zurzeit geht man davon aus, dass sich das Coronavirus vorwiegend mittels Tröpfcheninfektion verbreitet. Also würde das Personal in einem solchen Fall eine Maske tragen, das vor der Tröpfcheninfektion und auch vor der Aerosolinfektion schützen würde. Bei Letzterem handelt es sich um den Erreger, der beispielsweise durch Husten oder Niesen in die Luft kommt und dort wegen seiner leichten Masse während Stunden schwebt. Ausserdem schützt eine Schürze das Personal vor der Übertragung durch direkten körperlichen Kontakt, der sogenannten Schmierinfektion. Internationale Richtlinien empfehlen zudem das Tragen einer Schutzbrille.

Wie schätzen Sie die Gefahr des neuen Coronavirus ein?

Am Anfang ist die Todesrate bei allen Virenausbrüchen vermeintlich hoch. Jemand, der sich mit dem Virus infiziert hat, kommt in ein Spital und stirbt dort. Die Rate liegt bei 100 Prozent. Erst nach Wochen und Monaten kommen alle anderen hinzu, die sich auch mit dem Erreger infiziert haben, aber nicht daran gestorben sind. Gestartet ist das Coronavirus bei ungefähr 20 Prozent, jetzt liegt die Rate bei zwei Prozent.

Also ist das Coronavirus ungefährlich?

Wenn das stimmt, was wir bisher wissen, ist die Influenza, also das Grippevirus, gefährlicher als das Coronavirus. Einer Studie zufolge sind in den Jahren 2018 und 2019 1700 Patienten wegen des Grippevirus in die Kantonsspitäler der Kantone Waadt, Genf, Zürich, St. Gallen und Tessin eingewiesen worden. Gestorben sind sechs Prozent.

Denken Sie, dass das Virus die Schweiz noch erreicht?

Ja. Obwohl China unseres Wissens extrem schnell gehandelt hat, haben sie es nicht geschafft, das Virus einzudämmen. Unklar ist noch, welche Personen eher daran erkranken und sterben. Tendenzen zeigen, dass es vielmehr Ältere und Kranke trifft. Zu sagen, dass es junge, gesunde Personen nicht treffen kann, wäre trotzdem illusorisch.

Wie kann man sich davor schützen?

Eine Impfung gibt es bislang bekanntlich nicht. Vor gut einer Woche hätte ich Ihnen vielleicht empfohlen, an Bahnhöfen, Flughäfen und anderen Orten mit Ansammlungen vieler Menschen internationaler Herkunft eine Maske zu tragen, weil man dann noch nicht wusste, wie gefährlich es ist. Allerdings wäre das Tragen einer Maske ausserhalb des Spitals nicht unproblematisch, beispielsweise aufgrund der entstehenden Feuchtigkeit dahinter. Heute würde ich das nicht mehr anraten. Viel wichtiger ist es, die Menschen zur hygienischen Korrektheit zu erziehen. Man soll niemanden anhusten, in die Armbeuge niesen, das Taschentusch nach einmaligem Gebrauch wegwerfen und viel die Hände waschen. Diese sogenannte Hustenetikette würde extrem viel bewirken, egal um welches Virus es sich handelt.

Gab es bislang Verdachtsfälle im Spital Zofingen?

Wir haben niemanden auf das Coronavirus getestet. Aber die Definition eines Verdachtsfalls ändert sich auch regelmässig. Am Anfang waren es Personen mit Atemwegserkrankungen der unteren Atemwege, also Husten oder Atemnot, die in Wuhan waren. Seit Montagabend ist diese Definition auf China als ganzes Land erweitert worden. Ausserdem gelten auch Personen als Verdachtsfälle, die wissentlich Kontakt mit Erkrankten hatten.

Wie soll man sich verhalten, wenn man das Gefühl hat, am neuen Coronavirus erkrankt zu sein?

Zurzeit gibt es keine konkreten Empfehlungen des Bundesamtes für Gesundheit. Das BAG und verschiedene Spitäler haben Hotlines eingerichtet. Zudem sind auf der Website des BAG Antworten zu häufig gestellten Fragen verfügbar. Ich rate Betroffenen, sich bei ihrem Hausarzt oder dem Notfallarzt zu melden. Dieser wird über das weitere Vorgehen entscheiden.

 

Alles zum neuen Virus

Chinesische Behörden berichteten, dass der Ursprung des neuen Coronavirus 2019-nCoV ein Fischmarkt in der Stadt Wuhan sein könnte, auf dem auch Wildtiere wie Fledermäuse gehandelt werden. Laut Bundesamt für Gesundheit (BAG) sind bislang 8000 Erkrankungsfälle bestätigt und über 200 Todesfälle bekannt. Bewiesen ist die Mensch-zu-Mensch-Übertragung des Virus. In manchen Fällen übertrage sich das Virus bereits vor dem Auftreten der ersten grippeähnlichen Symptome (Müdigkeit, Fieber, trockener Husten). Im weiteren Verlauf der Erkrankung kann es zu Kurzatmigkeit und im schlimmsten Fall zu einer Lungenentzündung kommen. (kpe/pd)

In Zofingen ist wenig bis gar nichts zu spüren

Auch in Zofingens Apotheken herrscht wie im Spital keine Panik. Wie ein Augenschein vor Ort zeigt, spüren alle vier Apotheken keine erhöhte Nachfrage nach Mundschutzmasken oder Ähnlichem. Vereinzelt kam es zum Kundenbesuch aufgrund des neuen Virus. Mit fachkundiger Beratung konnten diese Personen jedoch beruhigt werden. Viele Mitarbeiterinnen erzählen von Kolleginnen, die in grossen Städten wie Luzern oder Interlaken arbeiten und die einer immens höheren Nachfrage nachkommen müssen. Angestellte der Löwen-Apotheke geben bekannt, dass die Lager der Mundschutzmasken ausgeschöpft sind und dass sie bis Mitte Februar keine zum Verkauf anbieten können. In der Pfauen- und Linden-Apotheke könne man nicht sagen, wann die Mundschutzmasken eintreffen. Auch bei der Dropa Drogerie/Apotheke sei es schwierig abzuschätzen, wann die gewünschte Ware wieder verfügbar sei. (kpe)

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