Beda Stadler: «Wenn es wärmer wird, geht die Zahl der Ansteckungen zurück»

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Beda Stadler (69) ist emeritierter Professor und ehemaliger Direktor des Instituts für Immunologie an der Uni Bern. © Keystone

Das BAG hat die Coronavirus-Kampagne auf rot verschärft. Was bedeutet das?

 

Beda Stadler: Das bedeutet an sich nicht viel. Das Bundesamt für Gesundheit muss die Schutzmassnahmen portionsweise kommunizieren, damit diese wirklich alle Leute verstehen. Das macht durchaus Sinn. Man kann nicht alle Infos auf einmal veröffentlichen, dann gehen die Sachen unter.

 

Müssen wir jetzt die Grenzen schliessen?

Italien hat die Lage nicht mehr unter Kontrolle, das ist so. Aber unsere Verflechtung mit dem Nachbarland ist viel zu stark, als dass man die Grenzen schliessen könnte. Wer dies fordert, sollte sich mal die Konsequenzen für das Schweizer Gesundheitssystem vor Augen führen: Gerade die Spitäler im Tessin sind auf die vielen Grenzgänger aus Norditalien angewiesen.

Wenn man die Grenzen dichtmacht, können diese nicht mehr zur Arbeit kommen. Die Spitäler könnten die Pflege nicht mehr aufrechterhalten. So würden auch kranke Leute in Mitleidenschaft gezogen, die nichts mit dem Coronavirus zu tun haben.

Weiss man inzwischen mehr, wie gefährlich das Virus ist?

Panik ist total fehl am Platz. Das Virus ist eigentlich nur für ältere Menschen gefährlich, für Gruftis wie mich. Jüngere Leute, die positiv getestet werden, müssen einfach zu Hause bleiben. Und können Netflix à gogo schauen. Kinder sind eigentlich überhaupt nicht gefährdet. Der Coronavirus ist kein Todesurteil wie AIDS in den 1980er-Jahren, als es noch keine Medikamente dagegen gab.

Wer gesund ist, überlebt das Virus. Das Coronavirus ist nicht gefährlicher als eine starke Erkältung. Das Problem momentan ist vielmehr, dass die Menschen wegen dem kleinsten Halsweh zum Hausarzt rennen und so andere Leute gefährden. Man kann es nicht genug wiederholen: Wer Symptome verspürt, soll zuerst mit dem Arzt oder Spital telefonieren und die weiteren Schritte besprechen.

Wo stehen wir bei der Verbreitungskurve?

In der Schweiz stehen wir mit den bislang 44 Fällen noch ganz am Anfang. Die Zahl kann sich um ein x-Faches erhöhen.

Killt der Frühling das Coronavirus?

Grundsätzlich ist UV-Licht der grösste Feind der Viren. Im Sommer sind die Chancen viel kleiner, dass sich Viren über Tröpfchen verbreiten. Im Winter sitzen die Leute oft eng aufeinander in geheizten Räumen, was eine Verbreitung begünstigt.

Darum wandert die Grippe überall dort um die Welt, wo es Winter ist. Es kommt nicht von ungefähr, dass es in Südamerika und Afrika praktisch keine Coronavirus-Fälle gibt.

Wie lange dauert es, bis in der Schweiz wieder Normalität herrscht?

Diese Frage kann derzeit niemand beantworten. Es gibt vier Möglichkeiten:

  • Wenn es wärmer wird und die Leute wieder mehr draussen sind, geht die Zahl der Ansteckungen wohl massiv zurück. Dies könnte ab Mitte April der Fall sein, je nachdem wie sich das Wetter entwickelt. Voraussetzung ist, dass die Massnahmen zur Eindämmung des Coronavirus greifen.
  • Wenn sich infizierte Menschen nicht an die Quarantäne halten und so das Virus immer weiter verbreiten, dann geht es länger. Dann geht es bis tief in den Sommer hinein.
  • Wir werden das Virus nie mehr los und müssen damit leben.
  • Je mehr das Virus mutiert, desto harmloser wird es. Und verschwindet irgendwann ganz, wie dies bei Sars der Fall war.

Wann gibt es einen Impfstoff?

Impfstoffe gegen das Coronavirus werden bereits erfolgreich bei Rindern, Hunden und Katzen eingesetzt. Es dürfte somit relativ einfach sein, einen Impfstoff für Menschen zu entwickeln, schliesslich existieren bereits mehrere experimentelle Impfstoffe für den Menschen. Damit ist es aber nicht getan. Es braucht klinische Versuche und eine Zulassung durch die Behörden. Das dauert normalerweise mindestens ein Jahr.

Eine andere Möglichkeit ist, dass die Weltgesundheitsorganisation (WHO) experimentelle Impfstoffe erlaubt und die Risiken und Verantwortung für den Impfstoff übernimmt. Einigt sich die Wissenschaft innerhalb von Wochen auf einen theoretischen, gentechnisch produzierbaren Impfstoff, könnte es rascher vorwärtsgehen. Eine Biotechfirma mit grossen Anlagen könnte innerhalb von circa drei Monaten für Europa genügend Impfstoffe herstellen. Das ist aber unrealistisches Wunschdenken.

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