«Am Bahnschalter kaufte ich ein Billett ‹Zofingen rückwärts›»

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Aufnahme vom 21. Februar: Der Bahnhof und der Güterschuppen wurden für das Infrastrukturprojekt der SBB abgerissen. (Bild: Marc Benedetti)

ZT-Leserin Ruth Clavadetscher-Walter ist in Reiden aufgewachsen und hat uns diesen schönen «Nachruf» auf den mittlerweile verschwundenen Bahnhof Reiden zukommen lassen:

Vermutlich gibt es dich schon nicht mehr, vertrauter Bahnhof aus meinen Kindertagen, und auch dem Güterschuppen auf der anderen Seite der Geleise soll es an den Kragen gehen. Mit etwas Wehmut denke ich an euch zurück, denn ihr wart ein paar Jahre lang eine Zwischenstation auf meinem Weg von der Mühle im Unterwasser in den Kindergarten und später in die Schule. Ich erinnere mich lebhaft an das Vieh, das oft stundenlang am nördlichen Ende des Güterschuppens angebunden war und erbärmlich schrie, weil es ohne Futter und Wasser aufs Verladen warten musste. Auch die Dampflokomotive, die noch zum Rangieren in Betrieb war und der ich oft dabei zuschaute, ist mir im Gedächtnis geblieben. Funken, die aus dem Kamin stoben, fielen einmal auf einen Torfballen, kamen so in den Holzschopf unseres angebauten Nachbarhauses und motteten dort weiter. Mitten in der Nacht riss uns der Feueralarm aus dem Schlaf. Zum Glück hielt sich der Schaden in Grenzen, aber zwei Kaninchen verloren ihr Leben. An Bahnübergang und Unterführung habe ich nicht besonders gute Erinnerungen. Über die Geleise rannte ich immer, weil ich befürchtete, die Barrieren könnten sich senken und mich einsperren oder es könnte ein Zug kommen und mich überfahren. Die Unterführung war dunkel und gefährlich, denn da gab es ein etwas älteres Mädchen aus der Nachbarschaft, das mir ständig auflauerte und mir den Weg versperrte. Heute noch sind mir sein Name und die Angst einflössenden Begegnungen präsent.

Am 29. April 1958 gegen Abend wurde meine jüngste Schwester geboren. Mein Vater fuhr täglich mit dem Zug nach Zofingen zur Arbeit und kam am späten Nachmittag pünktlich nach Hause, aber ausgerechnet an jenem Tag führte er mit dem Bahnhofvorstand ein längeres Gespräch, sodass es später wurde. Wir drei Geschwister rannten zum Güterschopf und forderten ihn über die Geleise rufend auf, sofort heim zu kommen, es pressiere! Meine kleine Schwester benötigte schon bald eine spezielle Milch, die man nur in Zofingen kaufen konnte. So erhielt ich als Zehnjährige einmal den Auftrag, allein dorthin zu fahren und sie zu besorgen. Am Bahnschalter löste ich ein halbes Billett «Zofingen rückwärts», weil mir das Wort «retour» gerade nicht einfiel. Der Bahnhofvorstand teilte mir schmunzelnd mit, dass man nur vorwärts fahre, und zwar in beide Richtungen. Ich muss ziemlich verdutzt dreingeschaut haben, denn er half mir in den Zug mit der Bemerkung, sonst fahre dieser ohne mich ab, egal ob vor- oder rückwärts ... An den Sonntagen wurde die Rampe des Güterschuppens in unsere Spiele einbezogen, denn es war niemand da, um uns wegzujagen wie unter der Woche. Der Sprung von der rückwärtigen Rampe auf den unebenen Vorplatz galt vor allem bei den Buben als Mutprobe. Es kam immer wieder vor, dass einer von ihnen hinkend, blutend und heulend nach Hause schlich. Wir Mädchen fuhren lieber mit den Puppenwagen auf der langen Rampe hin und her und spielten «Familie». Schliesslich machte ich auf dem Bahnhofplatz noch eine prägende Entdeckung: Dort stand ein Baum, an dessen Stamm ein Plakat mit der Aufschrift «Rock ’n’ Roll» befestigt war! Immer wieder musste ich das mit wenigen Strichen gezeichnete Tanzpaar betrachten, bis es eines Tages verschwunden war – so wie es dir nun auch ergangen ist, alter, überflüssiger Bahnhof Reiden.

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