Wenn das ganze Land plötzlich im Home-Office-Modus ist: Verändert das Corona-Virus unsere Arbeit?

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Der Kühlschrank ist nah, die Lieblingsmusik laut – doch das sind nichtige Vorteile, wenn die Computer Software fürs Arbeiten zu hause nicht gemacht ist. © lechatnoir/Getty

Wegen des Corona-Virus werden plötzlich Hunderttausende Angestellte aufgefordert, von zu hause aus zu arbeiten. Viele von ihnen haben bisher keine Erfahrung mit Home Office. Die meisten Menschen sind sich an einen fixen Arbeitsplatz gewöhnt. Seit dem ersten bestätigten Fall von Covid-19 in der Schweiz Ende Februar ist der Begriff Home Office fast so virulent wie das Virus selbst. Die Arbeitsform erlebt seither einen regelrechten Schub.

Auf Webseiten und in Artikeln gibt es seither zahlreiche Tipps und Ratschläge, wie man zu hause effizient und konzentriert arbeiten kann. Home Office-Neulinge werden über Selbstdisziplin aufgeklärt und dass «Profis» ihre Mails gleich nach dem Aufstehen beantworten.

Gewarnt wird auch vor dem ständigen Gang zum Kühlschrank der sich negativ auf das Körpergewicht auswirken könnte. Auf anderen Seiten wird darüber gestritten, ob es sinnvoll ist nach dem Aufstehen zu duschen und sich so zu kleiden, als ob man ins Büro gehen würde. Diese Sicht ist reichlich naiv. Das Problem bei Home Office ist nicht, ob man im Pyjama arbeitet oder vom Sofa aus seine Mails beantwortet, sondern die mangelnde Kompetenz mancher Arbeitgeber bezüglich Home Office.

Home Office ist mehr als Selbstdisziplin

Das Coronavirus stellt Arbeitgeber vor Herausforderungen: Firmen und öffentliche Verwaltungen seien nur ungenügend auf Home Office vorbereitet, erklärt Marc K. Peter, Professor und Leiter des Zentrums für Digitale Transformation an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Olten. «Zu viele Mitarbeiter in Firmen haben keine Laptops oder es mangelt an Mikrofonen und Webcams.»

Nur gerade zehn Prozent der Firmen in der Schweiz verfügten über eine Strategie, wie sie das Arbeiten unter den Bedingungen der Digitalisierung gestalten wollen, so Peter. Begriffe wie «Arbeit 4.0» oder «New Work» die das Arbeiten im digitalen Zeitalter umschreiben, seien nach wie vor Fremdwörter bei vielen Unternehmen.

Nachholbedarf sieht Marc K. Peter auch bezüglich geeigneten Werkzeugen und entsprechender Computer-Software, die es Mitarbeitern erlaubt, von verschiedenen Standorten aus untereinander zu kommunizieren. Anwendungen wie «Microsoft Skype for Business», «Zoom» oder «Google Hangouts» werden für virtuelles Arbeiten immer bedeutender.

Arbeit im digitalen Zeitalter erfordert mehr Vertrauen

Ein Vorteil von Home Office ist die geringere Belastung der Umwelt, wenn weniger Menschen mit dem Auto zur Arbeit pendeln. Auf der anderen Seite erfordert ortsunabhängiges Arbeiten ein Neu- und Umdenken, ja einen Kulturwandel.

Guido Baldi, Dozent für Volkswirtschaft an der Universität Bern und Projektleiter bei der Ideenschmiede reatch, sieht die Herausforderungen beim Übergang in die Arbeitswelten des 21.Jahrhunderts im Aufbau einer neuen Kultur: «Home-Office erfordert eine neue Art von Vertrauen und Verlässlichkeit innerhalb einer Organisation.» Dieses Vertrauen müsse zuerst gewonnen werden und sich einspielen, so Baldi.

Auch Marc K. Peter stellt in seiner kürzlich publizierten Studie «Arbeitswelt 4.0» eine Verschiebung von «starren Strukturen und Kontrolle hin zu liquiden Netzwerken und einer Vertrauenskultur» zwischen Führungspersönlichkeiten und Mitarbeitern fest.

Isabelle Schemion, Expertin für «virtuelles und gesundes Arbeiten» in Köln sieht vor allem einen entspannteren Umgang mit der Fehlerkultur als zentraler Bestandteil dieses Wandels. Neue Technologien schreckten heute niemand mehr ab.

Die Hürde sei jedoch vielmehr die Angst vor Fehlern, weil kollaborative Softwarelösungen allen Teammitgliedern erlaubten, Notizen und Einträge mitzulesen. «Die Angst davor, sich durch Wissensweitergabe ersetzbar zu machen, etwas Falsches zu tun oder zu schreiben, ist eine der grossen Hürden, die es zu überwinden gilt.»

Während Home Office als Schutz vor einer möglichen Corona-Ansteckung sinnvoll ist, könnte die generelle Ausdehnung von Arbeit in den Privat- oder Freizeitbereich eine zusätzliche Belastung für Angestellte bedeuten. «Unter dem Vorwand der Coronavirus-Krise dürfen Arbeitgeber sicher nicht Kosten oder Büroflächen einsparen», sagt Serge Gnos, Leiter Kommunikation & Kampagnen bei der Gewerkschaft Unia.

Arbeitgeber müssten die gesetzlichen Regeln jetzt unter den Notfallbedingungen des Coronavirus genauso einhalten wie bei Home Office-Tätigkeiten nach dem Ende der Pandemie.

Die Arbeitszeit darf nicht ausgedehnt werden

Es dürfe nicht sein, dass Arbeitgeber die «Flexibilisierung» von Arbeit als eine generelle Möglichkeit verstünden, die Arbeitszeit ihrer Mitarbeiter in die Freizeit auszudehnen. «Wenn ich zuhause um acht Uhr abends das Telefon abnehme, gilt das als Arbeit, die bezahlt werden muss», erklärt Gnos.

Wie das Arbeiten im 21. Jahrhundert unter digitalen Bedingungen aussieht, ist noch längst nicht endgültig geklärt. Das Coronavirus düfte kurzfristig einen Schub in Richtung flexibleres Arbeiten auslösen. Die langfristigen gesellschaftlichen Anforderungen, Richtlinien und gesetzlichen Grundlagen zur flexiblen Arbeit müssen diskutiert werden.

Fachhochschul-Professor Marc K. Peter sieht dabei auch die Volksschulen in der Pflicht. Kollaboration brauche neue Richtlinien und neue Regeln der Kommunikation, die bereits in der Schule vermittelt werden müssten, so Peter. So bedrohlich das Coronavirus für uns Menschen wirkt, vielleicht setzt es die längst überfällige Diskussion in Gang, wie wir in der Zukunft arbeiten wollen.

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