SP-Nationalrat Wermuth aus dem Homeoffice: «Es kommt mir auch absurd vor»

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Arbeitet in Zofingen im Homeoffice: SP-Nationalrat Cédric Wermuth. (Bild: zvg)

Diesen Dienstagmorgen wären Sie eigentlich seit 8 Uhr im Parlament in Bern gewesen. Jetzt ist alles anders. Was haben Sie stattdessen gemacht?

Cédric Wermuth: Im Moment bin ich zu Hause und betreue hauptsächlich die Kinder. Die Session fällt nun aus, die Kinder gehen nicht in Kita und Kindergarten. Gleichzeitig gibt es sehr viele Anfragen per Telefon und Mail von Bürgerinnen und Bürgern und laufend Telefonkonferenzen mit der Partei und der Verwaltung. Wir versuchen, die Anliegen der Menschen so schnell wie möglich aufzunehmen. Daneben versucht man herauszufinden, wie man sich organisieren kann für die Lockdown-Zeit.

Sie stellen sich wohl die gleichen Fragen, wie alle anderen Familien: Wie organisiere ich nun in den nächsten Wochen die Kinderbetreuung?

Wir sind noch nicht so weit. Meine Frau ist Lehrerin. Sie muss eventuell teilweise Betreuungseinsätze leisten. In der Kommunikationsagentur, in welcher ich arbeite, haben wir schon seit zwei Wochen Homeoffice, das klappt gut. Daher wird es gehen mit der Betreuung der Kinder. Wir haben aber auch Kontakt mit Nachbarn. Zudem gibt es ja in Zofingen das Notfallbetreuungsangebot.

Wir sollen zu Hause bleiben. Da stellen sich aber ganz praktische Fragen: Mit wem sollen die Kinder noch spielen dürfen?

Ja, gemäss Einschätzung des BAG dürfen Kinder miteinander weiter spielen. Das Problem sind eher sind die Eltern untereinander. Das Verhalten ist entscheidend. Jeden körperlichen Kontakt zwischen Erwachsenen und unter den Generationen, den man vermeiden kann, den soll man vermeiden. Halten Sie Abstand untereinander! Es ist zentral, dass wir in den nächsten Tagen nun die Weisungen des Bundesrates so konsequent wie nur möglich beachten. Ich weiss, das ist schwierig. Es kommt mir auch völlig absurd vor. Aber es nun sehr wichtig.

Sehen Ihre Kinder die Grosseltern noch?

Nein, damit haben wir schon zu Beginn der Krise aufgehört. Wir pflegen nun den Kontakt über Video-Anrufe.

Wir sind derzeit zahlenmässig in einer Art Blindflug. Aber die schwierige Lage wird Wochen bis Monate andauern. So lang kann man die Kinder aber nicht einsperren.

Das sind gute Fragen. Wir müssen es nun Tag für Tag nehmen. Es ist wahnsinnig, wie schnell das jetzt ging. Ich hätte am Freitag noch nicht auf die Situation gewettet, die wir heute haben. Innert Tagen kann sich viel ändern. Kinder sollen spielen, aber man muss Hygieneregeln beachten und die Kontakte einschränken. Man muss nun den Behörden auch ein paar Tage Zeit geben, um alle Fragen zu klären. Ich erwarte, dass Bund und Kantone ihre Kommunikation nochmals intensivieren.

Sie sprechen die spärliche Information an. Der Bundesrat hat Pressekonferenzen abgehalten. Es gab aber keine Videoansprache von Bundespräsidentin Sommaruga. Müsste da nicht mehr kommen?

Man kann sicher nicht zu viel informieren in einer solchen Lage. Es ist eine Situation, die schneller da war, als man erwartet hat. Ich verstehe, dass es Unzufriedenheit gibt. Ich appelliere aber, dem Bund und den Kantonen ein paar Tage Zeit zu geben, die Notfallinfrastruktur auf die Beine zu stellen. Wir haben als Parlamentarier auch ganz viele Anfragen von KMU, von Eltern, von Leuten im Ausland, die heim wollen. Wir versuchen so gut zu helfen, wie es geht. Ich bin im ständigen Kontakt und weiss, dass die Verwaltungen mit Hochdruck an Lösungen arbeiten. Aber es braucht etwas Zeit.

Diese Lage hat niemand vorhergesagt: Was müssen nun Politik und Verwaltung sicherstellen?

Oberste Priorität hat das Gesundheitswesen. Wir müssen dafür schauen, dass die Kurve der Infizierten so flach bleibt wie nur möglich. Nur so schützen wir die Spitäler vor einem Kollaps. Es braucht aber auch sofort eine Klärung, wie man den KMU, Selbstständigen und Arbeitnehmer schützt, die jetzt über Wochen auf Einkommen verzichten müssen. Ich nehme da den Bundesrat beim Wort, der klar versprochen hat, er helfe allen. Da werden wir nicht locker lassen. Dazu kommen die praktischen Fragen: Wie bleibt der Schulunterricht aufrechterhalten.

Was heisst diese Krise für die Demokratie – auch auf der lokalen Ebene?

Im Moment muss man die Situation hinnehmen. Man kann eine Gemeindeversammlung oder eine Parlamentssitzung nicht einfach durch eine Videokonferenz ersetzen. Auf einen Teil wird man verzichten müssen. Die politischen Institutionen werden zu einem gewissen Grad ausser Kraft gesetzt. Dagegen hätte ich mich bis vor wenigen Tagen ganz vehement gewehrt. Aber es wird nicht anders gehen. Das nationale Parlament muss nun einen Ort und Weg finden, unter Einhaltung von Abstands- und Hygieneregeln zusammenzukommen. Bis dahin hat der Bundesrat die Möglichkeit – gestützt auf das Epidemiengesetz – direkt zu operieren. Und das ist derzeit auch o. k.

Sie kritisieren ja gerne grosse Firmen, wie Banken oder Versicherungen. Diese haben aber schnell auf Homeoffice umgestellt, noch bevor der Bundesrat das quasi verordnet hat. Die Wirtschaft scheint da fitter als der Staat.

Das überrascht mich bei grossen international tätigen Firmen nicht. Die haben in ihren Filialen weltweit die Pandemie wohl früher kommen sehen als die meisten. Viele haben gut reagiert. Ich appelliere an alle anderen Arbeitgeber, dem Beispiel zu folgen. Wir haben auch störende Fälle, in denen sich Unternehmen weigern, die Einhaltung des Abstands oder Homeoffice zu ermöglich. Das geht nicht.

Kann man den Abstimmungskampf zur Begrenzungsinitiative noch durchführen?

Im Moment sollte man ihn aufrechterhalten. Alles, was man an öffentlichem Leben aufrechterhalten kann, sollte man. Aber wir müssen natürlich in den nächsten Wochen kritisch hinterfragen: Kann man einen Abstimmungskampf so noch durchführen? Man muss halt mehr im digitalen Raum machen. Aber wir wissen nicht, wie die Lage in zehn Tagen aussieht.

Sie haben übers Wochenende die Facebook-Gruppe «Zofingen solidarisch» gegründet, um Nachbarschaftshilfe zu ermöglichen. Was sind die ersten Erfahrungen?

Wir sind überwältigt. Über 650 Menschen haben sich bereits angemeldet, die meisten bieten Hilfe an. Zum Beispiel Einkäufe erledigen für ältere Menschen oder Hilfe bei der Kinderbetreuung. Viele verteilen auch direkt Flyer in den Quartieren mit dem Hilfsangebot. Das ist gelebte Generationensolidarität!

Ihre Kandidatur für ein Co-Präsidium bei der SP ist weit nach hinten gerückt auf der Pendenzenliste.

Absolut. Das ist jetzt sicher nicht das primäre Problem der Menschen in diesem Land.

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