Mit Hut, Jeans und Lederjacke: Alain Berset war inkognito in Bern unterwegs – warum wohl?

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Mit dunklem Hut, schwarzer Lederjacke und Jeans: Alain Berset. © TeleZüri

Als er den Mann mit dunklem Hut, schwarzer Lederjacke und Jeanshosen in der Berner Amthausgasse zwischen Departement des Innern (EDI) und Bundeshaus erblickte, glaubte er zunächst an eine optische Täuschung. Erst ein zweiter Blick machte ihm klar: Er ist es tatsächlich – Alain Berset, Gesundheitsminister und Corona-Krisenmanager der Schweiz.

«Ich war überrascht, schaltete aber sogleich: Alain Berset will sich möglichst unauffällig ein persönliches Bild machen», sagt Matthias Steimer, Leiter der Bundeshausredaktion von TeleZüri. «Gut so – dieser Bundesrat entscheidet nicht vom Schreibtisch aus.»

Berset undercover: Steimer hielt den Moment auf seinem Handy fest. Es war Dienstag, 14. März, 13:21 Uhr. Am Tag nach der historischen Medienkonferenz, als der Bundesrat die ausserordentliche Lage ausrief. Und drei Tage bevor die Landesregierung Menschenansammlungen von über fünf Personen verbot.

Besorgungen - und ein Bild vor Ort

Recherchen zeigen: Berset wollte in der Stadt Besorgungen erledigen – weil er sein Büro wegen der Krise zum Corona-Virus kaum verlassen hatte. Er übernachtete meist in Bern, war fast nicht mehr bei seiner Familie in Belfaux (FR).

Andererseits wollte sich Berset ein eigenes Bild machen, wie die neuen Anordnungen in Bern umgesetzt werden: Öffentliche und private Veranstaltungen sind verboten, alle Läden mit wenigen Ausnahme geschlossen. Schon am Dienstag schien klar: Am Freitag musste eine weitere Verschärfung folgen. Offen war, ob es die Ausgangssperre benötigte, die härteste Massnahme.

«Ich habe mir in dieser Woche ein- oder zweimal Zeit genommen und spazierte in Stosszeiten in Bern umher», gestand Berset am Freitag. «Ich wollte sehen, wie es ist. Und ich muss sagen: Die Massnahmen werden gut umgesetzt, die Leute haben sie verstanden.»

Er fügte ein «Aber» an: «Es braucht noch etwas für jene, die es nicht verstehen wollen», betonte er an der Medienkonferenz. «Doch das müssen wir mit den Leuten tun – und nicht gegen sie.»

Eine Rede an die Nation

Das «Etwas» war das Verbot von Menschenansammlungen über fünf Personen. Die Medienkonferenz nutzte Berset zu einer Rede an die Nation, wie sie an Neujahr üblich ist. Wort für Wort hatte er sich genau überlegt.

Der Gesundheitsminister hob den Kopf, blickte sehr ernsthaft in die Kameras, schwieg einen Moment. «Die Zeit ist jetzt wirklich gekommen, dass alle Generationen die getroffenen Massnahmen befolgen. Es ist der letzte Moment dazu.» Berset hob die linke Hand, fuhr eindringlich fort: «Ich erinnere daran, dass jede und jeder eine Rolle spielt. Alle sind betroffen.»

Fast 450'000 Zuschauer auf Youtube

Insgesamt fast 450'000 Menschen sahen sich auf Youtube diese Medienkonferenz an. Sie hörten, wie Berset an Bescheidenheit und Demut appellierte. Wie er den Menschen im Pflegebereich und im Detailhandel dankte. Dass sich solche Massnahmen nur mit den Menschen verordnen lassen, hatte er mehrfach betont. Am Freitagabend erhöhte er die Gangart.

 
@alain_berset

Ensemble et solidaires. Et vous, que faites-vous? Racontez-le avec le hashtag et lancez le défi à trois autres personnes. Je défie @christarigozzi, @stressmusic et @rogerfederer. Et n’oubliez pas: restez le plus possible à la maison!

 
Eingebettetes Video
 
975 Nutzer sprechen darüber

Unter dem Hashtag #soschützenwiruns startete er per Video eine Instagram-Challenge. Roger Federer, Stress und Christa Rigozzi sollten ebenfalls aufrufen, die Anweisungen zu befolgen. Das taten sie. Die Kampagne war über mehrere Tage vorbereitet worden – ausgeheckt vom EDI-Generalsekretariat mit dem Bundesamt für Gesundheit und deren Agentur Rod Kommunikation.

Berset nutzt alle Kanäle, um die Botschaften ans Volk zu bringen. Am Samstagabend wurde er live in die SRF-Sendung «Zäme dihei» zuge­schaltet. Nicht von zu Hause aus: ­«Wissen Sie», sagte er zu Moderator Nik Hartmann, «ich bin fast ständig im Büro.»

Es gibt auch Kritik am Krisenmanagement von Berset

In diesen Wochen sei sein Vertrauen in die Politik «erschüttert» worden, schrieb Marcel Salathé, Professor der Lausanner ETH und Leiter Digital Epidemiology Lab, am Samstag auf Twitter. «Nach der Aufarbeitung - was alles falsch lief, und wie total veraltet die Prozesse sind - wird kein politischer Stein auf dem anderen bleiben.» Seine Hoffnung sei, «dass das neue Gebäude von Grund auf solide sein wird».

Am Montag doppelte er nach mit kritischen Tönen. Man könne nur hoffen, dass die Resultate des Epidemologen Christian Althaus in der Schweiz auf offene Ohren stiessen, twitterte er: Heute sei eine Reduktion der Übertragungen um 75 Prozent notwendig, «um nicht schon Anfangs April über 1000 Betten in der Intensivstation zu benötigen».

Salathé war zwar gemäss Recherchen zwischen der Ausrufung der ausserordentlichen Lage vom Montag, 16. März und der Medienkonferenz vom Freitag zum Verbot von Ansammlungen von über fünf Personen mit Wissenschaftern zu einem Austausch bei Alain Berset geladen. Dies änderte aber offensichtlich nichts an seiner Kritik. Immerhin machte Salathé am Samstag auch Hoffnung: «Wie die Zivilgesellschaft jetzt auf den Plan tritt, wie die Wissenschaft und manche Teile der Wirtschaft jetzt zusammen kommen - das macht Mut, und gibt Energie», schrieb er. «Ja, zusammen schaffen wir das, hoffentlich mit nur zwei blauen Augen und nicht allzu vielen Knochenbrüchen.»

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