Roche-Chef Severin Schwan: «Wir fahren alles hoch, was nur möglich ist»

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Severin Schwan sagt, viele glaubten nun, dass Roche dank des neuen Coronatests nun das grosse Geschäft mache. Dem sei aber nicht so. © Sandra Ardizzone / WR

Vor zwei Wochen hat der Pharmakonzern die Zulassung für einen neuen Coronatest erhalten. Roche-Chef Severin Schwan erzählt, wie der Pharmakonzern mit dem Druck der Regierungen umgeht, die möglichst viele Tests wollen. Statt eines persönlichen Treffens führen wir das Interview mit dem 52-jährigen mittels Videokonferenz von Homeoffice zu Homeoffice.

Die Mehrheit der Mitarbeiter von Roche arbeitet zu Hause aus. ­Gehen Sie weiterhin ins Büro?

Hin und wieder gehe ich ins Büro, wenn ich bestimmte Unterlagen brauche. Aber in den letzten Tagen habe ich weitgehend von zu Hause aus gearbeitet, so wie auch jetzt.

Sie haben drei Kinder. Wie organisieren Sie sich zu Hause?

Zwei Kinder sind schon erwachsen, die organisieren sich selber. Das dritte Kind, das zur Schule geht, hat jetzt Fernunterricht von zu Hause aus. Das ist eine ganz interessante Erfahrung.

Fungieren Sie da auch als Lehrer?

Nein (lacht). Wir treffen uns jetzt jedoch mehr zum Essen. Normalerweise bin ich bis spätabends im Büro. Tagsüber ist auch im Homeoffice sehr viel los, da bin ich sehr oft am Telefon oder in Videokonferenzen. Allerdings sind auch die Kinder beschäftigt, sie haben nicht einfach Ferien.

Wie hat sich Ihr Arbeitsalltag mit dem Coronavirus geändert?

Viele Gespräche und Sitzungen führen wir nun mit Videokonferenzen durch, weit mehr als über das Telefon. Ich bin positiv überrascht, wie gut die Systeme funktionieren. Wir hatten diese Woche eine globale virtuelle Veranstaltung mit 26000 Mitarbeitern. Das hat reibungslos funktioniert. Natürlich gibt es aber auch Situationen, wo es besser wäre, wenn man in einem Raum wäre und sich persönlich trifft.

Roche-Chef Severin Schwan arbeitet nun auch im Homeoffice.

Roche-Chef Severin Schwan arbeitet nun auch im Homeoffice.

© Pressedienst

Zum Beispiel?

Wenn Sie Verhandlungen mit einem Partner führen, den sie noch nicht kennen, ist der persönliche Kontakt von Vorteil. So erhalten Sie ein besseres Gespür für das Gegenüber. Oder denken Sie an schwierige Personalgespräche. So etwas würde ich auch heute nicht über den Bildschirm machen.

Normalerweise reisen Sie ja auch sehr viel. Haben Sie das nun komplett eingestellt?

Ich reise im Moment nicht mehr, was ich auch geniesse. Ich bin überzeugt, dass die Coronakrise unseren Alltag über die Pandemie hinaus beeinflussen wird. Wir sehen nun, dass wir problemlos von zu Hause arbeiten und uns mit Videokonferenzen verbinden können. Das wird die Arbeit nachhaltig verändern und zwar zum Bessern. Bei vielen Meetings stellen wir nun fest, dass es nicht nötig ist, sich persönlich zu treffen.

Roche hat vor zwei Wochen die Zulassung für einen neuen, weit schnelleren Corona-Test erhalten. Wie viele Tests können Sie pro Monat ausliefern?

Wir haben in der Schweiz bereits mehrere Zehntausend dieser neuen Tests ausgeliefert. Wir bieten jedoch nicht nur diese Hochdurchsatz-Systeme an, sondern auch Tests mit einem niedrigen Durchsatz. Wir waren in beiden Bereichen die ersten, die weltweit einen kommerziellen Test zur Verfügung gestellt haben. Der grosse Vorteil der Hochdurchsatz-Systeme ist, dass sie voll automatisiert sind. Damit werden die Spitäler und Labore enorm entlastet, weil sie viel weniger Personal benötigen.

Wie viele Tests können Sie weltweit ausliefern?

Das sind mehrere Millionen pro Monat.

Dennoch ist die Nachfrage nach Tests viel grösser als das Angebot.

Genau. Wir fahren nun die Produktion, wo es nur geht, hoch, um mehr Tests zu liefern.

Wie rasch können Sie die Menge erhöhen?

Wir bauen die Produktion linear aus, die Zahl der Ansteckungen nimmt jedoch in vielen Teilen der Welt weiterhin exponentiell zu. Entsprechend gross ist der Überhang auf der Nachfrageseite.

Um einen Patienten auf das Virus zu testen, braucht es Diagnosegeräte, den eigentlichen Test und Verbrauchsmateralien, um die Abstriche bei den Patienten vorzunehmen. Wo ist der Engpass am grössten?

Bei den Verbrauchsmateralien, konkret handelt es sich um gewisse Plastikelemente, die zum Testen notwendig sind. Da sind wir abhängig von Dritten. Wir arbeiten mit diesen Firmen zusammen, um sicherzustellen, dass wir die Produktion auch hier hochfahren können.

Bei den Diagnosegeräten sind die Bestellungen sprunghaft gestiegen. Ist hier die Nachfrage auch grösser als das Angebot?

Absolut. Wir produzieren während sieben Tage die Woche rund um die Uhr. Ich muss jedoch sagen, dass wir aus Schweizer Sicht im internationalen Vergleich sehr gut dastehen. Unser Land hat überproportional viele Diagnosegeräte im Einsatz, gerade auch Hochdurchsatz-Systeme. Die Schweiz kann deshalb das Testvolumen hochfahren. Wir sind da in einer absolut privilegierten Situation.

Dennoch empfehlen Sie auch in der Schweiz, nur Hochrisiko-Patienten oder Menschen mit Symptomen zu testen.

Das ist richtig. Denn auch in der Schweiz können wir die Nachfrage nicht komplett abdecken.

Sie sagen, sie würden die Tests dorthin liefern, wo sie am meisten benötigt würden. Wie entscheiden Sie das genau?

Es sind zwei Kriterien, die wir zusammenbringen müssen. Einerseits muss die Infrastruktur vorhanden sein. Wenn in einem Land oder in einem Spital keine Diagnosegeräte oder zu wenig Personal vorhanden ist, dann nützt es nichts, Tests dorthin zu schicken. Andererseits schauen wir uns an, wo der medizinische Bedarf am grössten ist. Zu Beginn war das vor allem in China der Fall, nun stehen Italien, Spanien und gewisse Regionen in den USA wie etwa New York im Fokus.

Dort gehen nun also schwerpunktmässig ihre Tests hin?

Wir arbeiten eng mit den Regierungen und den entsprechenden Behörden zusammen. Diese haben vor Ort die Autorität, die entsprechenden Prioritäten zu setzen. Gleichzeitig wollen wir vermeiden, dass die Tests in Länder oder Spitäler gehen, wo sie gehortet werden.

Wie stark ist der Druck der Regierungen, wenn die Nachfrage so gross ist?

Der Druck ist gross. Gleichzeitig hilft es uns, dass wir in den einzelnen Ländern auf etablierte und vertrauensvolle Beziehungen bauen können, die schon seit Jahren bestehen. Diese Prozesse sind eingespielt, die Leute kennen sich. Gleichzeitig müssen wir auf globaler Ebene zumindest grob festlegen, in welche Weltregionen die Tests gehen. In Asien müssen wir die Lieferungen zurückschrauben, obwohl die Spitäler weiter auf Reserve bestellen. Wir müssen nun die Lieferströme nach Europa und in die USA umlenken.

Forscher möchten nun zunehmend Bluttests einsetzen. Damit kann festgestellt werden, ob eine Person eine Infektion schon durchgemacht hat oder nicht. Haben Sie solche Tests ebenfalls im Angebot?

Viele Firmen und Institutionen sind daran, solche Tests zu entwickeln, so auch wir. Es gibt schon erste Tests, die auf dem Markt sind. Sie sind jedoch noch nicht sehr zuverlässig. Zudem können diese Tests noch nicht mit einem hohen Durchsatz durchgeführt werden. Wir und andere Diagnostikfirmen haben das Potenzial, verlässliche Tests zu entwickeln. Aber wir sind noch nicht soweit.

Eines Ihrer Medikamente namens Actemra zeigte in China erste ermutigende Resultate gegen das Coronavirus. In China wurde das Präparat in die offiziellen Behandlungsrichtlinien aufgenommen. Wieso ist das auf China begrenzt?

In der Tat haben Ärzte in China mit Actemra gute Erfahrung gemacht, was die Bekämpfung des Coronavirus anbelangt. Allerdings handelt es sich dabei nicht um klinische Studien. Diese Daten sind noch nicht gesichert.

Sie wollen die Resultate nun mit einer grösseren Studie mit 300 Patienten bestätigen. Wann ist mit ersten Resultaten zu rechnen?

Wir hoffen, dass wir in einem Monat über gesicherte Daten verfügen, ob Actemra tatsächlich hilft oder nicht. Dennoch ist die Nachfrage nach dem Medikament schon stark gestiegen, weil Actemra auch in anderen Ländern wie etwa in Italien eingesetzt wird.

Sollte die Studie ein Erfolg sein, müssten sie die Produktionskapazitäten massiv ausbauen. Wo stehen Sie da?

Wir bereiten uns mit voller Energie darauf vor. Wir fahren alles hoch, was nur möglich ist. Sollte sich der Erfolg von Actemra bestätigen, wird die Nachfrage weltweit sehr stark zunehmen. Auch hier geht es allerdings nicht nur um die blosse Herstellung des Wirkstoffs. Das Medikament muss in Ampullen abgefüllt werden. Wir benötigen also sterile Abfüllanlagen. Auch hier fahren wir die Kapazitäten hoch.

Und wie sieht es mit dem Preis aus? Ist im Erfolgsfall ein Entgegenkommen von Ihnen zu erwarten?

Die Frage hat sich bisher gar nicht gestellt. Wir haben das Medikament für den Notfalleinsatz gratis zur Verfügung gestellt. Wir haben soeben den Amerikanern 10’000 Dosen für ein zentrales Notfalllager geliefert, damit sie schnell auf die mögliche Nachfrage reagieren können. Der Preis wird sicher nicht der limitierende Faktor sein. Wir möchten sicherstellen, dass alle Patienten das Medikament erhalten, die es benötigen. Schon allein aus Sicht unserer Reputation sind Überlegungen zum Preis völlig irrelevant.

Wie stark trifft die Krise Roche finanziell? Profitieren Sie gar davon?

Viele glauben nun, dass wir dank des neuen Coronatests nun das grosse Geschäft machen. Dem ist aber nicht so. Der eigentliche Test ist nicht teuer, das Personal und die Infrastruktur in den Spitälern macht den weit grösseren Teil der Kosten aus. Gleichzeitig werden nun viele andere diagnostische Tests, die wir anbieten, nicht mehr oder nur im geringen Mass durchgeführt. Zudem gehen viele Leute gar nicht mehr in die Spitäler, wenn sie die Möglichkeit haben die Behandlung aufzuschieben. Das spüren wir.

Wie wirkt sich das konkret auf die Zahlen aus?

Je nach Region und Therapiebereich sehen wir grosse Schwankungen. Aber insgesamt ist die Situation recht stabil. Wir sind weniger als andere Branchen betroffen, weil insbesondere lebensrettende Medikamente wie bei Krebs auch weiterhin benötigt werden.

Kommen wir nochmals zurück auf die Schweiz. Wie schätzen Sie die Massnahmen des Bundesrats ein?

Ich finde die Schweizer Behörden machen einen ausgezeichneten Job. Zum einen profitiert das Land von der guten Infrastruktur im Gesundheitswesen. Die Schweiz hat zügig und wo nötig auch mit harten Massnahmen reagiert. Das halte ich für richtig. Wir sollten da keine Risiken eingehen. Man sieht in anderen Ländern, dass das Gesundheitswesen massiv überlastet ist, wenn die Infektionsraten zu gross sind.

Zahlreiche Wirtschaftsverbände, darunter auch jener der Pharmaindustrie, fordern eine rasche Lockerung des Lockdowns. Wie stehen Sie dazu?

Man muss situativ entscheiden und eine Risikoabwägung vornehmen. Schliesslich wird der Entscheid vom Verlauf der Infektionsrate abhängen, aber auch die wirtschaftliche Entwicklung muss berücksichtigt werden. Ich habe da eine pragmatische Haltung. Ich warne davor, jetzt schon davon zu sprechen, was in einem Monat zu tun ist, wenn man gar noch nicht weiss, wie die Situation in einem Monat aussieht. Aber natürlich ist es wichtig, dass es auch wirtschaftlich irgendwann zu einer Normalisierung kommt.

Wagen Sie eine Prognose, wann es zu einer Lockerung kommen könnte.

Das ist sehr schwer zu sagen. Selbst die Experten sind da sehr zurückhaltend. Unser bester Anhaltspunkt bisher ist natürlich China. Dort hat es bis zur Normalisierung mehrere Monate gedauert. Wir wissen aber auch, dass China sehr drastische Massnahmen ergriffen hat. Von daher ist ein Vergleich mit Europa und den USA nicht so einfach. Es wird sicher noch einige Woche dauern, wir sind immer noch in der Phase wo die Infektionsraten zunehmen.

Welche Lehren ziehen aus der Krise?

Unsere ganze Lieferkette ist im Stresstest. Wir sehen die Punkte, wo wir anstossen. Das können wir verbessern. Grundsätzlich wird die Pandemie für Portfolioentscheide wichtig sein. Es werden sich nun viele Gesundheitssysteme grundsätzliche Gedanken darüber machen, wie sie in der Routinediagnostik Testsysteme einrichten, die den täglichen Bedarf abdecken, aber zum andern auch besser gewappnet sind, wenn eine Pandemie kommt.

Und über die Diagnostik hinaus?

Ich gehe auch davon aus, dass Telemedizin einen Schub erhalten wird. Wegen der Ansteckungsgefahr versucht man nun Patienten möglichst aus den Spitälern fern zu halten und ist gezwungen, diese neuen Technologien anzuwenden. Und immer wenn man zu etwas gezwungen wird, hilft dies, Neuerungen auch in der Breite zu implementieren. Ich werde künftig sicherlich mehr Meetings auf diese Art machen. Und das wird im Gesundheitswesen ebenfalls passieren.

Die Krise zeigt nun auch die Abhängigkeit von China, was die Produktion von Wirkstoffen für Medikamenten anbelangt. Wird hier nun ein Umdenken stattfinden?

Die Lieferketten funktionieren derzeit eigentlich ganz gut. Es gibt zwar Produkte wie Gesichtsmasken oder Beatmungsgeräte, diagnostische Tests, gewisse Medikamente, wo die Nachfrage viel höher ist als das Angebot. Aber die globalen Lieferketten an sich funktionieren, obwohl die Grenzen weitgehend dicht sind für den Personenverkehr. Alle Grenzen ganz zu schliessen, wäre verheerend. Problematisch sind im Medikamentenbereich einzig die Abhängigkeiten von einzelnen asiatischen Firmen im Generikabereich. Aber das hat nichts mit der Corona-Krise zu tun. Das war schon vor der Pandemie der Fall.

Deutschland hat Lieferungen mit medizinischem Verbrauchsmaterial blockiert, die Schweiz hat darauf die Ausfuhrbestimmungen für solches verschärft.

Genau dies muss man vermeiden. Wenn es ein Land damit anfängt, gibt es sofort Vergeltungsmassnahmen der anderen Länder. Am Ende geht gar nichts mehr. Unsere Diagnostiktests zum Beispiel: Die Instrumente werden in der Schweiz hergestellt, in Deutschland die Verbrauchsmaterialien und die eigentlichen Tests in den USA. Wenn jetzt eines der Länder sagen würde, wir liefern diese Teile nicht aus, dann würden die anderen Länder doch sofort nachziehen. Das wäre eine Katastrophe, da hätte niemand etwas davon.

Wie sieht es generell mit den Lieferstabilität aus?

Abgesehen von diesem Hickhack an der Deutsch-Schweizerischen Grenze sind die Lieferketten erstaunlich robust. Wir müssen zum Teil andere Wege suchen, etwa Flugzeuge chartern, weil die üblichen Wege blockiert sind. Das führt zwar zu etwas höheren Kosten, aber nicht zu Lieferengpässen. Das eigentliche Problem sind die bestehende Infrastruktur im Gesundheitswesen und die Produktionskapazitäten für gewisse Produkte, nicht die internationalen Lieferketten.

Severin Schwan

Der 52-jährige hat sein ganzes Berufsleben bei Roche verbracht. Im Jahr 2006 wird Schwan zum Leiter der Diagnostiksparte befördert und sitzt damit in der Konzernleitung. Bereits zwei Jahre später tritt der gebürtige Österreicher als 40-Jähriger die Nachfolge von Landsmann Franz Humer als Konzernchef an. Schwan sitzt zudem im Verwaltungsrat der Credit Suisse, seit 2017 ist er dort Vizepräsident. Er lebt mit seiner Frau und seinen drei Kindern in Riehen bei Basel. Seit diesem Jahr besitzt Schwan den Schweizer Pass. (mka)

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