Die Zahl der Infektionen geht zurück – Wirtschaftshistoriker Straumann ist zuversichtlich, dass die Schweiz glimpflich davon kommt

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Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann. © Fabio Baranzini

Die Bevölkerung erteilt dem Krisenmanagement des Bundesrats bis jetzt gute Noten. Überrascht Sie das?

Tobias Straumann: Nein. Das Muster ist immer dasselbe: In Krisensituationen übernimmt die Exekutive das Ruder, die Zeit für lange Debatten fehlt – und das Volk schart sich um die Führung. Das war beim Ausbruch der beiden Weltkriege der Fall. Regional zeigt sich die dieses Phänomen bei Naturkatastrophen.

Wie lange trägt die Bevölkerung einschneidende Massnahmen wie die teilweise Lahmlegung der Wirtschaft und die eingeschränkte Bewegungsfreiheit mit?

Das hängt von der wirtschaftlichen Situation ab. Die Schweiz hat zum Glück auf eine Ausgangssperre und einen weitreichenden Shutdown der Wirtschaft wie in anderen Ländern verzichtet. Einen Ausnahmezustand, wie wir ihn jetzt haben, hält eine Gesellschaft nicht während Monaten aus. Die Gesundheit geht nur so lange vor, als sich die Wirtschaft über Wasser halten kann. Wir müssen abwarten, wie sich in der Schweiz die Lage mit dem Notstandsregime bis zum 19. April entwickelt. Die Zustimmung zu den Einschränkungen wird bröckeln, wenn die Ansteckungsrate unter eins fällt. Wir müssen deshalb jetzt schon über Lockerungen nachdenken.

Wie stellen Sie sich das vor?

Die Behörden müssen sich mit den Epidemiologen und Vertretern der Wirtschaft zusammensetzen und entscheiden, welche Branchen und Geschäfte – selbstverständlich unter Einhaltung der Hygiene- und Abstandsregeln – ihren Betrieb wieder aufnehmen können. Beim Einkaufen funktioniert es gut. Laufende Lockerungen scheinen mir zentral. Man muss jeden Millimeter Spielraum nutzen, denn die Wirtschaft benötigt Sauerstoff.

Ist es unethisch, die Interessen der Wirtschaft über jene der Gesundheit zu stellen? Darf man solche Abwägungen machen?

Diese Diskussion wird sich erübrigen, wenn wir einen Mittelweg finden. Es ist durchaus möglich, die Ausbreitung des Virus einzudämmen, ohne die Wirtschaft abzuschnüren.

Wann könnte die Stimmung kippen?

Wenn das Coronavirus eine Konkurswelle provoziert. Die Arbeitslosigkeit würde steigen, die Banken gerieten unter Druck, auch wegen des überhitzten Immobilienmarktes. Bei einer solchen Kettenreaktion würden wir auf eine verhängnisvolle Abwärtsspirale zusteuern. Das Primat der Gesundheit würde nicht mehr gelten. Steht ein Land wirtschaftlich am Abgrund, interessiert sich niemand mehr für überlastete Spitäler. Ich bin aber optimistisch, dass wir kein solches Szenario erleben.

Weshalb?

Die Schweiz hat die Finanzkrise gut überstanden, auch mit Hilfe von Kurzarbeit. Dieses Instrument, auf das der Bundesrat jetzt in der Coronakrise setzt, hat sich bewährt. In Kombination mit den Liquiditätshilfen sollte die Wirtschaft die Krise einigermassen gut überstehen. Möglicherweise braucht es nun noch Zuschüsse an die Firmen, damit sie nicht an den Kapitalkosten zugrunde gehen. Die solide Finanzpolitik mit der Schuldenbremse verschafft der Schweiz Handlungsspielraum.

Wo orten Sie langfristige Gefahren?

Die grössten Gefahren sehe ich in der internationalen Entwicklung, vor allem in den Schwellenländern, die mit den globalen Finanzmärkten verbunden sind. Hier könnte eine Konkurswelle in Gang kommen, die das Bankensystem nochmals stark belasten könnte. Dagegen gehe ich heute davon aus, dass die westliche Welt die Pandemie in den Griff bekommen wird, sogar das hochverschuldete Italien, da es sich zu günstigen Konditionen weiter verschulden kann.

Sie befürchten also keine Weltwirtschaftskrise wie in den 1930er Jahren?

Der Vergleich hinkt. Ein grosses Problem war damals der Goldstandard, der zu Liquiditätsengpässen mit all den Folgeschäden führte. Zudem litt Deutschland, schon damals die grösste europäische Volkswirtschaft, unter einem riesigen Schuldenberg. In der Rezession konnte der Staat nicht investieren, senkte die Löhne und erhöhte die Steuern. Das befeuerte die Abwärtsspirale. Die Zentralbanken verfügen heute über bessere Mittel zur Krisenbekämpfung. Die amerikanische Notenbank schiesst aus allen Rohren, um die Märkte mit Liquidität zu versorgen. Bereits bei der Bewältigung der Finanzkrise zeigte sich, dass die Staaten und Zentralbanken im Notfall Tabus brechen. So kaufte die Europäische Zentralbank plötzlich Schrottpapiere. Oder Staaten retteten Banken.

Sehen Sie Parallelen zwischen der Corona- und der Finanzkrise?

In der Finanzkrise rissen die Banken die Realwirtschaft mit. Dieses Mal könnte die Krise der Realwirtschaft die Banken mitreissen. Für die Finanzkrise konnte man jemanden verantwortlich machen: Die Bankmanager und die Aufsichtsbehörden, die versagt haben – oder auch die Bankkunden, die hohe Renditen einforderten. Beim Coronavirus sind die Verantwortlichkeiten nicht klar. Es gibt quasi keine Schuldigen für diese Situation.

Welche Lehren kann die Schweiz aus der Coronakrise ziehen?

Man kann den Blick für die wesentlichen Probleme schärfen. Haben wir als Privatpersonen genügend Reserven, um eine Notlage zu überstehen? Wie sieht das bei den Unternehmen aus? Wie muss der Staat vorsorgen? Sind wir vorbereitet auf eine Krise? Wie managen wir eine ausserordentliche Lage? Wie gehen wir mit grossen neuen Herausforderungen wie dem Klimawandel um?

Ihr Vorschlag?

Wir dürfen uns beim Klimawandel nicht nur auf die Prävention beschränken. Es wird ja äusserst schwierig sein, die Reduktionsziele zu erreichen. Wir müssen immer auch überlegen, wie wir den Klimawandel bewältigen, wenn er sich noch verstärkt manifestiert. In Zeiten der Krise relativieren sich auch Probleme, mit denen hierzulande bisweilen mit Hysterie begegnet wird. Ich denke beispielsweise an eine allfällige Nichtverlängerung der Anerkennung der Schweizer Medizinprodukte durch die Europäische Union.

Der Bundesrat hat viele Grundrechte eingeschränkt und verfügt über weitreichende Konsequenzen. Nach dem Zweiten Weltkrieg brauchte es eine Volksinitiative, um das Vollmachtenregime zu stoppen. Besteht auch jetzt die Gefahr, dass sich der Bundesrat an die Machtfülle gewöhnt?

Da sehe ich keine Probleme. Eine totale Ausgangssperre und Stilllegung der Wirtschaft hat der Bundesrat nicht verhängt. Das ist ein positives Signal. Der Abbau des Vollmachtenregimes nach dem Zweiten Weltkrieg gestaltete sich viel schwieriger. Der Grund ist einfach: Nach dem Ersten Weltkrieg wurde dieser Zustand gar nicht vollständig abgebaut. In autoritären Ländern oder solchen mit autoritären Zügen könnte aber die Demokratie Schaden nehmen. Dass Ungarns Ministerpräsident Victor Orban auf unbestimmte Zeit im Notstandsmodus regierten kann, ist kein gutes Zeichen.

 

Hinweis

Tobias Straumann (53) ist Professor für Wirtschaftsgeschichte an der Universität Zürich. Er ist Autor des Buches «1931: Debt, Crisis, and the Rise of Hitler».

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