Hotelplan-Chef attackiert «egoistisches Verhalten»: «Es ist unglaublich, was sich die Swiss derzeit erlaubt»

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Hotelplan-Chef Thomas Stirnimann ist von der Swiss masslos enttäuscht: «Von der Swiss kommt nichts. Null.» © Christian Beutler / KEYSTONE

Thomas Stirnimann (57) hat seine ganze Karriere in der Reise-Branche absolviert, aber noch nie eine so grosse Krise wie die Corona-Pandemie erlebt. Der langjährige Chef der Migros-Reisetochter Hotelplan mit 900 Angestellten und über 100 Filialen steht vor schwierigen Zeiten.

Seit dem Ende des Lockdowns sind Ihre Reisebüros wieder offen. Strömen die Kunden in die Filialen?

Thomas Stirnimann: Nein, das haben wir auch nicht erwartet. Die Anzahl Kunden, die dieser Tage in ein Reisebüro kommen, lässt sich jeweils an einer Hand abzählen. Vom «Courant normal» sind wir meilenweit entfernt. Aber wir möchten für unsere Kunden da sein und zeigen, dass wir bereit sind. Ich verstehe die Zurückhaltung der Leute. Denn momentan kann man Ferien nur langfristig planen. Für Juni zum Beispiel ist viel zu viel noch unklar.

Was insbesondere?

Alles. Wann gehen welche Grenzen wie auf? Und kann ich dann vor Ort in Restaurants oder in Nationalparks gehen? Muss ich mit Coronatests und Fiebermessen rechnen, oder gar in die Quarantäne nach der Einreise? Die Regeln ändern sich fast täglich. Das ist Gift für unser Geschäft. Hier hätte ich mir zumindest auf EU-Ebene ein einheitlicheres Vorgehen gewünscht.

Tourismus-Destinationen wie Italien oder Griechenland wollen relativ rasch die Grenzen öffnen, um die Saison zu retten. Was wird derzeit überhaupt gebucht?

Da erkenne ich keinen klaren Trend. Ein Sturm auf Griechenland und Italien zeichnet sich jedenfalls noch nicht ab. Es gibt Kunden, die langfristig planen. Wir haben Anfragen für Reisen nach Asien, Afrika oder in die Karibik übers Neujahr oder für den Sommer 2021. Aber das sind leider noch nicht viele.

Hotelplan, Tui und Kuoni Buchungen setzen Buchungen für Auslandreisen bis zum 14. Juni aus. Kommt danach der Boom?

Darüber kann man nur Rätselraten. Ich denke, dass es länger dauern wird und sich Europareisen früher erholen werden als das Überseegeschäft. Gut möglich auch, dass es Kreuzfahrten schwerer haben werden. Aber ganz ehrlich: Ich weiss es nicht. Vieles hängt von den künftigen Vorschriften ab. Und da sind wir bis anhin mit einer grossen Willkür konfrontiert.

Werden Ausland-Ferien günstiger?

Zu Beginn wahrscheinlich schon. Viele Destinationen werden nun um die Reisewilligen buhlen. In Griechenland macht der Tourismus schliesslich rund 35 Prozent vom BIP aus. Da wird es attraktive Preise geben.

Und längerfristig?

2021 rechne ich eher mit steigenden Preisen. Dann dürfte eine erste Marktbereinigung geschehen sein. Nicht alle Hotels und Airlines werden bis dahin überleben oder sie werden ihr Angebot reduziert haben. Ich gehe davon aus, dass die Buchungen für den Sommer 2021 bis zu 30 Prozent tiefer sein werden als im Sommer 2019. Denn auch die Arbeitslosenquote wird überall steigen. Und dann gibt es Themen, die zurückkommen werden, wie der Brexit und die Klimadiskussion, die für uns ebenfalls anspruchsvoll sind.

Der Bundesrat hat zu Ferien in der Schweiz aufgerufen. Waren Sie darüber glücklich?

Für die hiesigen Hoteliers ist das ja schön. Aber für die Reisebüros sind solche Aussagen jedes Mal ein weiterer Nagel in den Rücken. Bei unseren Töchterfirmen Interhome und Interchalet verzeichnen wir indes eine deutliche Nachfragesteigerung von Schweizern für Ferienwohnungen in der Schweiz. Dasselbe gilt für Deutschland oder Frankreich. Sobald die Grenzen offen sind erwarte ich zunehmend auch Buchungen für Ferien im Ausland, denn zur Ferienwohnung kann man selbstständig mit dem Auto oder mit dem Zug anfahren und jederzeit wieder abreisen. Es braucht kein Fiebermessen, keine Masken und man kann selber daheim kochen, falls man Bedenken hat in die «Beiz» zu gehen.

Der Bundesrat will die Lufthansa-Töchter Swiss und Edelweiss mit 1,2 Milliarden Franken an Bankgarantien unterstützen. Die Reisebüros klagen hingegen über zu wenig Unterstützung. Weshalb?

Die Swiss hat sehr früh Alarm geschlagen und betont, sie sei systemrelevant. Wir fanden leider weniger Gehör. Zumindest wurde die Swiss nun verpflichtet, dass sie den Reisebüros die bereits erhaltenen Kundengelder für nicht stattfindende Flüge bis September zurückbezahlen muss, sofern die Kredite an sie fliessen. Das ist das Mindeste. Denn es ist unglaublich, was sich die Swiss derzeit erlaubt.

Inwiefern?

Wir und zahlreiche andere Reisebüros schiessen der Swiss und somit der Lufthansa Millionen von Kundengeldern vor, indem wir unseren Kunden ihr Geld zurückbezahlen, obwohl dieses von der Swiss blockiert wird. Die Kundengelder hat sie abkassiert und dann in ihren Systemen die Rückerstattung einseitig blockiert. Die Reisebüros sind aufgrund des Pauschalreise-Gesetzes indes verpflichtet, den Kunden das Geld bei Annullationen zurückzubezahlen. Aber von der Swiss kommt praktisch nichts. Bis jetzt war es nur ein Bruchteil.

Die Swiss ist ein wichtiger Partner von Hotelplan…

Selbstverständlich. Und darum ist ihr Verhalten umso ärgerlicher. Mit ihrem egoistischen Vorgehen drängt sie die gesamte Branche an den Abgrund und sorgt bei Tausenden von Kunden für grosse Verärgerung. Ich erwarte erste Rückzahlungen sobald die erste Tranche der Bankkredite fliesst, nicht erst im September.

Wie schlimm wäre es für die Schweizer Reiseindustrie, wenn die Swiss Konkurs ginge?

Sehr schlimm, wie seinerzeit das Swissair-Grounding. Darum begrüsse ich, dass der Bund der Swiss helfen will. Denn jedes Land kann sich glücklich schätzen, wenn es eine starke, heimische Airline hat, die hier Stellen schafft, lokale Lieferanten hat und Steuern hier zahlt. Aber es gibt nicht nur die Swiss. Würde sie verschwinden, würde der Flughafen Zürich nicht untergehen. Andere Airlines würden teilweise in die Bresche springen.

Haben Sie mit Swiss-Chef Thomas Klühr gesprochen?

Leider nein, ich habe nie etwas von ihm gehört. Dabei sind wir einer der grössten Umsatzlieferanten der Swiss hierzulande, wenn nicht sogar der grösste.

Was müsste sich ändern?

Das Pauschalreisegesetz muss dringend überarbeitet werden. Und im Zuge dessen müssen die Airlines endlich dazu verpflichtet werden, die Kundengelder abzusichern. Sie haben in den letzten Jahren zu viel Not und Elend bei Reisebüros und Kunden verursacht. Sie behalten Gelder, die den Kunden gehören. Aber irgendwie haben sie es immer geschafft, sich dieser Verpflichtung der Kundengeldabsicherung zu entziehen.

Wie zuversichtlich sind Sie für das Wintergeschäft in der Schweiz?

Ich bin sehr zuversichtlich für den Ferienwohnungsvermittler Interhome, denn da werden nicht nur Schweizer sondern auch viele Gäste aus unseren Nachbarländern Ferien in der Schweiz planen.

Wie viele Annullationen musste Hotelplan seit Ausbruch der Krise tätigen?

In den letzten acht Wochen haben wir Reisen im Wert von 700 Millionen Franken annulliert. Das waren alles getätigte Buchungen, für die wir schon Kosten verbuchen mussten: Marketing, Reisekataloge, Filialangestellte, Buchhaltung, und so weiter. Diese Kosten sind geblieben, die Einnahmen sind weg. Dass die meisten Kunden lieber das Geld zurückwollen als eine Umbuchung ist angesichts der Unsicherheiten nachvollziehbar.

Das alles tönt dramatisch. Wie lange bleibt Hotelplan noch liquide bei so vielen Rückzahlungen?

Wir zahlen alles zurück. Als Migros-Tochter haben wir das Privileg, dass wir auf ihren Cash-Pool zurückgreifen und somit unsere Kunden schadlos halten können.

Wie sieht Ihre Verlustprognose aus?

Die kommuniziere ich nur unserer Eigentümerin. Aber es ist klar, dass es dunkelrote Zahlen sein werden.

Ihre Angestellten arbeiten grösstenteils noch zu 15 Prozent, 85 Prozent ist Kurzarbeit. Können Sie Entlassungen dieses Jahr ausschliessen?

Leider nein.

Rechnen Sie in Zukunft mit weniger Reisebüros?

Ja, es wird zu Schliessungen kommen, das dürfte niemanden überraschen. Denn jede Krise beschleunigt bereits bestehende Prozesse. Wir sind der grösste Betreiber in der Schweiz mit über 100 Filialen, also werden auch wir hier wahrscheinlich Massnahmen treffen müssen. Aber ich bleibe Optimist. Das Bedürfnis, aus den eigenen Vier Wänden auszubrechen, ist nach wie vor da. Die Lust am Reisen und Entdecken steckt in uns allen tief drin. Und es sieht ja jetzt insgesamt schon wesentlich besser aus als noch vor drei Wochen.

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