Wenn das Immunsystem überkocht – und was das Coronavirus damit zu tun hat

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Fieber ist eigentlich eine gute Abwehrreaktion. Aber teilweise ebbt die Entzündung nicht ab. © Getty

Das Schlimmste scheint überwunden. Der Covid-Patient ­atmet wieder ruhiger, das Fieber ist abgeklungen, und die Lebensgeister kehren langsam zurück. Hoffnung kehrt ein.

Dann nach sieben bis zehn Tagen auf einmal: Schweissausbrüche, wieder hohes Fieber, Atemnot, Schmerzen in der Brust – und dann Bewusstlosigkeit und schliesslich Tod. MODS – multi organ dysfunction syndrome, multiples Organversagen. Mittlerweile sind die Ärzte nicht mehr ratlos, wenn solche Fälle auftauchen. Sie wissen: Das war nicht mehr das Virus, das den Patienten tötete, oder wenigstens nicht direkt. Sondern sein eigenes Immunsystem.

Und dass die Ärzte – wenn nicht mehr viel geht – Corticosteroide geben müssen, entzündungshemmende Mittel, welche die Immunantwort unterdrücken, mag seltsam vorkommen, wenn man einen Patienten wegen einer schweren Infektionserkrankung behandelt.

Überschiessen, Entgleisen oder Stürmen

Warum das Immunsystem so etwas macht, weiss man nicht. «Überschiessende Immunreaktion» oder «Entgleisen des Immunsystems» sind hilflos anmutende Metaphern. «Zytokinsturm» – so nennt man das Ereignis etwas wissenschaftlicher – klingt nicht viel besser.

Kindern, so heisst es, kann das Sars-CoV-2 nicht viel anhaben. Milde oder gar keine Symptome, schnelle Genesung. In der Hauptsache stimmt das. Aber in letzter Zeit sind auch bei Kleinkindern Fälle aufgetreten, die dem sogenannten «Kawasaki-Syndrom» ähneln. (Es ist benannt nach einer Kinderärztin und hat mit dem Motorrad nichts zu tun.)

Auch hier handelt es sich um eine schwere Entzündungsreaktion, die sich besonders auf die Blutgefässe auswirkt. Im schlimmsten Fall kann das die Herzblutgefässe ernsthaft beschädigen. Die Ursache ist nicht bekannt. Die Forschung hat aber einen Verdacht, dass es mit einer Atemwegsinfektion zusammenhängen könnte. Verursacht durch normale Rhino-Schnupfenviren oder dann durch die harmloseren Vettern von Sars-CoV-2, die Betacoronaviren mit den Namen E229, HKU1, NL-63 und OC43.

Körper ist die Burg, das Immunsystem die Polizei

Die Ratlosigkeit der Ärzte angesichts solcher unverständlicher Reaktionen ist verständlich. Aber es ist zu einfach, dem Immunsystem Vorwürfe zu machen. Natürlich, von aussen betrachtet sieht sein Pflichtenheft einfach aus: Erkenne feindliche Eindringlinge und schaue, dass du sie wieder rausbringst.

Das Bild, das ein solcher Satz evoziert, führt leicht zu Missverständnissen: Der Körper ist die Burg, das Immunsystem die Polizei. Leider ist es nicht so einfach. Und gerechterweise müssten wir das Immunsystem loben, was es alles geschafft hat. Dass wir noch leben, ist angesichts dessen, was das Immunsystem alles leistet, viel unwahrscheinlicher als das Gegenteil.

Krankheit ist Reaktion unseres Körpers

Wir wissen, dass sich auf unserer Haut mehr fremde Zellen befinden, als wir selbst sind oder haben. Die wollen alle rein. Alle suchen eine Zelle, wo sie sich vermehren können. Angesichts der vielen, die schon drin sind und mit denen wir ganz gut zurechtkommen, muss man schon fast sagen, dass die meisten Invasionen nichts ausgelöst haben. Auf jeden Fall keine Krankheit. Denn die Krankheit ist nicht immer das Virus, die Bakterie oder das Protozoon. Viel öfter ist die Krankheit die Reaktion unseres Körpers.

1908 erhielten der Deutsche Paul Ehrlich, den wir vom Impfen her kennen, und der Russe Ilja Metsch­nikow den Nobelpreis. Metschnikow erkannte als Erster, dass die Entzündung im Körper, die sich in Fieber, Rötung, Schwellung und anderen unangenehmen Dingen äussert, nicht an sich schädlich ist. Wird ein Pathogen (ein Eindringling, den man nicht haben will) erkannt, geht für ihn die Hölle los. Er wird von allem ­attackiert, was in der Nähe ist. Und weil das meist nicht reicht, treten die Zytokine in Aktion.

Entzündung ist Teil des ­Heilungsprozesses

Zytokine sind Botenstoffe, welche weitere Hilfskräfte herbeirufen. Und nicht nur das. Sie setzen Prozesse in Gang, welche es den herbeieilenden Hilfskräften erleichtern, das Schlachtfeld zu erreichen. Sie machen die Zellwände durchlässiger und erweitern sie, dass das Blut mehr Immunzellen und Plasma herbeitransportieren kann.

Die Biologie kennt mehr als 80 verschiedene Zytokine. Ihre Hauptaufgabe ist vor allem die Koordination des komplizierten Immunsystems. Abwehrzellen werden aktiviert und an den Infektionsherd beordert. Schliesslich sind die Zytokine auch für die Koordination des Eliminationsprozesses (Killerbefehle) und des Aufräumens zuständig. Normalerweise ebbt die Entzündung ab, und es kehrt wieder Ruhe ein. Manchmal aber nicht. Das unkontrollierte Wüten der Zyto­kine kann für den Organismus tödlich enden.

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