Keine Hilfe in Krisenzeiten für Spielgruppen: Manche denken übers Schliessen nach

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Die Spielgruppe Märliwald in Aarau steht vor einer ungewissen Zukunft. © Zur Verfügung gestellt

«Die Kitas bekommen viel Hilfe, das ist toll», sagt Lina Martinez Waltenspül, «aber es wäre schön, wenn die Spielgruppen auch ein Hilfspaket erhalten würden.» Die Leiterin der Spielgruppe Märliwald aus Aarau hatte ihre Spielgruppe während des Corona-Lockdowns geschlossen und musste somit auf die Elternbeiträge in dieser Periode verzichten. Sie konnte zwar beim Kanton Kurzarbeit für ihre beiden Mitarbeiterinnen und Entschädigungszahlungen für sich selbst anfordern.

Diese Hilfe sei jedoch erst spät gekommen und genüge nicht, sagt Martinez Waltenspül, die nebst den Löhnen auch noch die Miete ihres Spielgruppenlokals bezahlen muss. Sie sei dankbar für die Hilfe, aber fühle sich im Vergleich zu den Kindertagesstätten (Kitas), für welche der Bund ein Hilfspaket geschnürt hat, nicht gleich stark unterstützt: «Wir sind die Vergessenen.» Sie hat gehört, dass gewisse Leiterinnen sich sogar die Schliessung ihrer Spielgruppe überlegten.

Finanziell schwierig ist es vor allem für Selbstständige

Ähnlich wie ihr dürfte es den meisten Leiterinnen und Leitern von Spielgruppen im Aargau ergehen. Der Kanton hat zwar für 200 Spielgruppen Kurzarbeit bewilligt. Aber besonders in ländlichen Gebieten bestehen die Spielgruppen häufig aus einer einzigen Privatperson, sagt Monika Häusermann, Präsidentin des Vereins Spielgruppen Aargau. Diese selbstständigen Leiterinnen haben laut Bund ein Anrecht auf Erwerbsausfallentschädigung. Aber da Spielgruppen die Kinder nur sechs Stunden pro Tag betreuen dürfen, sind die Erwerbsentschädigungen eher gering.

Problematisch ist die Lage laut Häusermann besonders für selbstständig erwerbende Spielgruppenleiterinnen mit sehr wenigen Wochenstunden. Sie haben kein AHV-pflichtiges Einkommen und deshalb keinen Anspruch auf Entschädigung, ausser bei direkter Gefährdung ihrer Existenz via Swisslos-­Fonds. Vom Hilfspaket des Bundes für Kitas sind Spielgruppen ausgeschlossen, weil sie keine familienergänzende Kinderbetreuung anbieten, sondern einen Bildungsauftrag haben. Der Bund wollte mit seinem Paket aber vor allem berufstätige Eltern entlasten.

Weniger von solchen Geldsorgen betroffen ist Ursi Spinnler, Geschäftsstellenleiterin des Dachvereins Spielgruppen Baden: Baden gehört zu den Gemeinden, die Spielgruppen finanziell unterstützen. Und da diese in der Stadt Baden in einem Dachverband mit Angestellten organisiert sind, konnten sie Kurzarbeit für die Leiterinnen beantragen. «Wir sind daher weniger von Erwerbsausfällen betroffen», so Spinnler.

Weniger Anmeldungen aus Angst vor neuer Welle

Generell bereitet auch das kommende Jahr den Spielgruppen Sorgen. Häusermann hat von vielen Leiterinnen die Rückmeldung erhalten, dass sie bis jetzt weniger Anmeldungen als üblich fürs neue Schuljahr erhalten haben. Das kann Martinez Waltenspül bestätigen. Viele Eltern hätten ihr gesagt, sie hätten Angst vor einer zweiten Corona-Welle: «Die Eltern wollen nicht, dass das Virus in die Familie eingeschleppt wird wegen der Spielgruppe.» In Baden wurden ebenfalls weniger Kinder fürs nächste Jahr angemeldet. Spinnler kann sich vorstellen, dass das Homeoffice eine Rolle spielt: Solange Eltern zu Hause arbeiten, möchten gewisse vielleicht ihre Kinder selbst betreuen. Angst vonseiten der Eltern habe sie bis jetzt noch nicht gross gespürt. Die Spielgruppenleiterin aus Baden bleibt optimistisch: «Die Kinder werden wieder kommen, falls es keine zweite Welle gibt».

Corona verschärft Armut bei Kindern

in finanzieller Bedrängnis können bei der Stiftung Soliday Hilfe beantragen, wenn sie ihren Kindern keinen Spielgruppenplatz bezahlen können. Der Besuch einer Spielgruppe soll diesen Kindern eine bessere soziale Integration und einen vereinfachten Schuleinstieg ermöglichen.
Das führe zu mehr Chancengleichheit und sei deswegen ein wichtiges Mittel im Kampf gegen die steigende Armut im Kanton und der Schweiz, sagt Marianne Binder, Stiftungsratspräsidentin von Soliday und CVP-Nationalrätin. Die Stiftung übernimmt einen Teil der Kosten und hat in den letzten zwölf Jahren 2000 Kindern geholfen, eine Kindertagesstätte oder eine Spielgruppe zu besuchen.

Die Stiftung, die sich mehrheitlich durch Spenden finanziert, steht vor der Herausforderung, die benötigten Gelder für das steigende Bedürfnis nach Unterstützung aufzutreiben. «Als das neue Kinderbetreuungsgesetz angenommen wurde, hatte dies einen Einfluss auf das Spendenverhalten», so Binder. Gemäss Gesetz beteiligen sich die Gemeinden an den Kita-Kosten, wenn die Eltern finanzielle Hilfe brauchen. «So entstand der Eindruck bei vielen Spendern, der Stiftungszweck für Soliday sei erfüllt.» Das Gesetz schliesst allerdings die Spielgruppen aus. Soliday ermöglicht deswegen armutsbetroffenen Kindern weiterhin den Besuch einer Spielgruppe und ist nach wie vor auf Spenden angewiesen.

«Die aktuelle Corona-Krise verschärft die Situation der Armut», betont Binder. «Zusätzlich konnten wir verschiedene Spendenaktionen aufgrund des Lockdowns nicht wie in anderen Jahren durchführen.» Für dieses Jahr stellt sie eine Zunahme an Gesuchen fest. Gemäss Caritas waren 2019 schweizweit etwa 144000 Kinder von Armut betroffen. Die Stiftungsratspräsidentin geht davon aus, dass sich diese Zahl in diesem Jahr wegen Corona massiv erhöht. Um den betroffenen Kindern im Aargau zu helfen, hofft sie trotz der schwierigen Situation auf Spenden.

Ihr Eintrag wird nach einer Überprüfung online gestellt.

Schliessen?

Ueli Bühler
schrieb am 20.07.2020 11:35
Wie viele andere Firmen und Bildungseinrichtungen, werden sie wohl oder übel die Mittel für den Betrieb nicht mehr aufbringen können. Leider ist es abzusehen, dass es noch viele treffen wird.
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