Die Ansichtskarte idealisierte die Ferien lange vor Instagram

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Mehr als 13'000 Ansichtskarten haben Forscher der Universität Zürich untersucht. Sprachwissenschafter Nicolas Wiedmer ist einer von ihnen. © Severin Bigler

Nun flattern sie wieder in die Briefkästen: von Hand geschriebene Feriengrüsse mit einem Bild, das die Daheimgebliebenen neidisch auf die Karte blicken lässt. Die Sonne knallt, das Meer schimmert türkis, der Ort ist aufgeräumt, und die Pflanzenwelt scheint keine Dürre zu kennen.

Nicolas Wiedmer hielt Tausende solcher Postkarten in der Hand. Er ist Mitarbeiter am Deutschen Seminar der Universität Zürich, wo sich Sprachwissenschafter in den vergangenen vier Jahren über Ansichtskarten gebeugt haben. Gemeinsam mit einem Team der Technischen Universität Dresden wollten sie herausfinden: Haben sich die Feriengrüsse – etwa durch das Aufkommen des Massentourismus – verändert? Und was steckt hinter dem Erfolg der Postkarte?

«Niemand hat aktiv gelernt, was auf eine Ansichtskarte gehört. Dennoch schreiben alle dasselbe. Die Musterhaftigkeit zeichnet sie aus», sagt Wiedmer. Deren Inhalt lässt sich runterbrechen auf: Wetter gut, Essen prima, Strand traumhaft.

Die Ansichtskarte ist auch ein Mittel zur Selbstdarstellung

Schaut man genauer hin, zeigt sich jedoch, dass sich über die Jahrzehnte hinweg Sprache und Inhalt verändert haben. Um dies zu untersuchen, haben die Forschenden mehr als 13'000 Karten ausgewertet. Die älteste stammt aus dem Jahr 1897, die neuste von 2017.

«Bis in die 1950er-Jahre ging es primär um Befindlichkeiten und den Kontakt», sagt Wiedmer. Angehörige oder Bekannte erkundigten sich, wie es den Adressaten ging, und berichteten ihrerseits über ihre Gemütslage. Seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts dominiert hingegen ein anderes Merkmal: die Selbstdarstellung.

Dieser Trend habe über die Jahrzehnte zugenommen: «Schmeckte das Essen früher nur ‹gut›, ist es heute ‹grossartig› oder ‹fantastisch›.» Wiedmer bezeichnet dies als Emotionalisierung der Sprache, die sich auch in der starken Zunahme von Ausdrücken wie «geniessen» oder «Spass haben» zeigt. Ist die Postkarte also der Vorgänger der idealisierten und gegen aussen optimierten Welt von Instagram und Co.? Wiedmer nickt: «Das kann man so sagen».

Knigges zum Postkarten schreiben: Beleidigendes gehört nicht auf eine solche Karte

Neue Kommunikationskanäle wie SMS, Whatsapp oder soziale Medien haben ihrerseits die Ansichtskarten geprägt. Deren Texte wurden kürzer und sind mit Emoticons wie :-) gespickt. «Der Schreibusus des Digitalen fliesst ins Handschriftliche ein», hält Wiedmer fest. Auch inhaltlich stellten die Forschenden Veränderungen fest: «Ausserordentliche Ereignisse wie ein Unfall oder eine Naturkatastrophe finden sich kaum noch auf Ansichtskarten. Um diese mitzuteilen, wird ein unmittelbarer Kommunikationskanal wie SMS oder Whatsapp genutzt.» Auch Aufforderungen wie «es ist kalt, schick mir bitte noch einen Pullover», erreichen die Empfänger – anders als früher – nicht mehr per Postkarte.

Sie feierte im vergangenen Herbst ihr 150-Jahr-Jubiläum. Die erste dieser «Correspondenzkarten» wurde in Österreich verschickt. Damals noch ohne Bild, das Foto kam Ende des 19. Jahrhunderts dazu. Kurz darauf erschienen erste Leitfäden zum Schreiben des Grusses. Wiedmer bezeichnet diese als «Knigges der Ansichtskarten». Diese machten etwa darauf aufmerksam, dass Ehrverletzendes oder Beleidigendes nicht auf die Karten gehörten. Anders als bei den Briefen, die in Couverts steckten, musste bei den Karten damit gerechnet werden, dass jemand mitliest. Der Postangestellte, der Briefträger oder ein Familienmitglied.

Manchmal wurde aber gerade die Unverfänglichkeit des Mediums genutzt, um intime Nachrichten oder geheime Treffpunkte zu übermitteln. Die Sender versteckten solche Informationen beispielsweise unter der Briefmarke, sagt Wiedmer.

Sämtliche Ansichtskarten, welche die Sprachwissenschafter der Uni Zürich untersuchten, haben Privatpersonen gespendet. Dabei zeigte sich: Mit dem Aufkommen des Massentourismus und der Vielfliegerei traten die Schilderungen der Hin- und Rückreise in den Hintergrund. Der Weg zum Ferienziel hatte den früheren Reiz und das Abenteuer verloren. Anders als noch Mitte des letzten Jahrhunderts ist er seither Mittel zum Zweck, meistens nicht mehr spektakulär.

Rassistische Stereotype tauchen seit den 1990er-Jahren nicht mehr auf

Die meisten Karten aus dem untersuchten Korpus berichten von Ferien in der Schweiz, gefolgt von Urlaubszielen in Italien, Deutschland und Spanien. Wer es sich Mitte des 20. Jahrhunderts leisten konnte, den Kontinent zu verlassen, habe umso stärker das Exotische der besuchten Länder herausgestrichen, sagt Wiedmer. Politisch korrekt war das nicht immer.

Seit den 1990er-Jahren seien jedoch rassistische Stereotype verschwunden, sagt er. Diese stammten nicht nur von Reisenden aus Übersee, sondern auch von jenen, die in Nachbarländern Erholung und Zerstreuung suchten. Sätze wie «Du weisst ja, wie die Italiener sind» seien regelmässig in die Schweiz gesandt worden, hält Wiedmer fest.

Er hat gegen 4000 Postkarten untersucht. Formuliert er seine Feriengrüsse nun anders als zuvor? «Nein, nur ertappe ich mich, wie auch ich musterhaft Wetter, Essen und Umgebung aufgreife.» Langweilig sei ihm bei der Auswertung der Kartentexte trotz deren Einförmigkeit nie geworden. «Ich war ja auf der Suche nach Mustern. Was monoton anmuten könnte, war mein Hauptinteresse», sagt er. Zudem sei er immer wieder auf kreative Urlaubsgrüsse in Gedichtform oder als Zeichnungen gestossen. Manchmal brachten ihn das Gelesene zum Schmunzeln. Etwa die Karte, auf der neben der Adresse des Empfängers einzig hingekritzelt wurde: «Da Ferien, kein Text».

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