«Denunziantentum wie in totalitärem Staat»: Tessiner Regierung ruft dazu auf, Quarantänesünder zu melden«

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Ein Plakat weist am Flughafen Zürich darauf hin, dass nach der Rückkehr aus gewissen Ländern eine Quarantänepflicht gilt. © Keystone½Alexandra Wey/

Die Seuchenliste umfasst mittlerweile mehr als 40 Staaten, darunter viele aus dem Balkan. Wer aus einem solchen Land mit erhöhtem Coronaansteckungsrisiko in die Schweiz zurückkehrt, muss sich seit dem 6. Juli bei den Behörden melden und zehn Tage lang in Quarantäne begeben. Bis jetzt haben sich hierzulande fast 8000 Rückkehrer freiwillig abgeschottet. Wie viele Personen sich um die Quarantänepflicht foutieren, können die Kantone kaum einschätzen. Einige Sünder haben sie mit punktuellen Kontrollen bereits erwischt. Fehlbaren drohen Bussen bis zu 10'000 Franken.

In einem Kanton gehen die Wogen derzeit besonders hoch. Grossrat Fabrizio Sirica, Co-Präsident der SP, wirft der Regierung vor, sich Methoden totalitärer Staaten zu bedienen. Stein des Anstosses ist eine Medienmitteilung der Gesundheitsdirektion von letzter Woche. Darin heisst es unter anderem, Privatpersonen sollen mögliche Verstösse der Quarantänepflicht der Polizei melden. Angegeben sind eine E-Mail-Adresse und eine Telefonnummer. Für Sirica handelt es sich um einen Aufruf zum Denunziantentum mit dem Potenzial, das soziale Klima zu vergiften und Misstrauen unter Nachbarn zu säen. Der Kanton funktioniere seine Bürger damit quasi zu Polizisten um. Der SP-Politiker befürchtet, dass einige Bürger ihre Mitmenschen vielmehr wegen persönlichen Animositäten anstatt um Sorge wegen des Gemeinwohls anschwärzen könnten.

In einem Vorstoss will Sirica von der Tessiner Regierung wissen, wie sie diesen Aufruf werte, ob sie diese Praxis weiterführe und wie viele Meldungen durch Bürger bereits eingegangen seien. Unterstützung erhält Sirica von Nenad Stojanovic. Der Politologe und ehemalige Tessiner SP-Grossrat warnte via Facebook davor, eine gefährliche Büchse der Pandora zu öffnen. «Solche Praktiken kennen wir von totalitären und autoritären Staaten», ergänzte er gegenüber dem Portal «Ticinoonline». In der DDR zum Beispiel hätten die Nachbarn einander ausspioniert. Er wünsche sich, dass der Aufruf annulliert werde. Und er hoffe, dass es sich um ein Versehen eines Departementmitarbeiters handle.

Anonyme Meldungen werden nicht berücksichtigt

Regierungspräsident Norman Gobbi weist den Vorwurf zurück, der Kanton rufe zum Denunziantentum auf. «Es gilt, aufmerksam zu bleiben. Es geht nicht um eine Hexenjagd», sagte er gegenüber dem Radio der italienischsprachigen Schweiz. Das Ziel laute keinesfalls, dass die Bevölkerung falsche Anschuldigungen mache und ihre Nachbarn damit in Schwierigkeiten bringe. Wer einen möglichen Verstoss meldet, muss denn auch Name und Adresse hinterlassen. Anonyme Anschuldigungen toleriert das Tessin keine. Auf Nachfrage unserer Zeitung ergänzt Gobbi: «Die Möglichkeit, das Missachten der Quarantänepflicht zu melden, ist kein Aufruf zur Denunziation. Vielmehr erlaubt es diese Massnahme den Bürgern, sich zu schützen, wenn Regeln ignoriert oder willentlich gebrochen werden.»

Schon bevor der Kanton die Nummer bezüglich der Quarantänepflicht kommunizierte, meldeten zahlreiche Bürger potenzielle Sünder – jedoch an viele unterschiedliche Stellen. «Wir wollen diese Anrufe auf eine einzige Stelle kanalisieren, damit nicht Notfallnummern verstopft und überlastet werden», sagt Gobbi. Der Regierungspräsident weist zudem darauf hin, dass die Kantone Ferienrückkehrer aus Risikoländern nur beschränkt identifizieren könnten. In der Tat liegt der Ball beim Bund, der für die Grenzkontrolle zuständig ist. Wer mit dem Auto in die Schweiz einreist, kann die Quarantänepflicht jedoch einfach umgehen. Im Tessin akzentuiert sich das Problem, da viele Ferienrückkehrer im Flughafen Malpensa landen und dann ins Tessin fahren. Im Südkanton befinden sich derzeit 200 Rückkehrer aus Risikoländer in Quarantäne.

Ihr Eintrag wird nach einer Überprüfung online gestellt.

Stimmt.

Felix
schrieb am 03.08.2020 09:15
Sie sprechen mir aus der Seele Herr Oelting

Der schlimmste Feind im Land...

Michael Oelting
schrieb am 02.08.2020 14:59
... ist der Denunziant. Und manch ein Bünzlischweizer kommt sich mächtig wichtig vor, wenn einen Menschen verpfeift, der irgend was macht, was dem Bünzli nicht passt. Das fängt damit an, dass ein Mieter die Gemeinschaftswaschmaschine eine Minute zu lange benutzt. Oder ein Auto auf dem Gästeparkplatz vor dem Haus steht, der Fahrer jedoch in ein anderes Haus geht. Oder wenn ein übergewichtiger Mann ausserhalb des Hochsommers in kurzen Hosen den Rasen mäht. Immer wird zum Telefon gegriffen und die Polizei gerufen, die immer sofort bereit ist, speziell im Raum Zofingen mit einer viel zu hohen Polizeidichte. Ich sehe es schon kommen, dass plötzlich bei Leuten, die aus den Ferien zurückkommen, plötzlich die Polizei vor der Tür und man denen lückenlos nachweisen muss, wo man sich während der Ferien aufgehalten hat. Dabei der Denunziant lediglich ein neidischer Nachbar, dem das Geld für Ferien nicht langte. Oder ein neidischer Arbeitskollege der sich am Arbeitsplatz benachteiligt fühlte und sich so rächen wollte.

Fragwürdig

Ueli Bühler
schrieb am 31.07.2020 06:11
Herr Jost Sie kommen mir vor wie der Polizist. Er verkauft einem Menschen Drogen. Um ihn dann später als Besitzer von Drogen zu verhaften. Zudem wird bei einem melden von einer Einreise eines Nachbarn zumindest von den Behörden nachgefragt werden was es damit auf sich hat. Meinen Sie nicht auch. Ihre Methode mir ans Bein pinkeln zu wollen ist demnach mehr als Fragwürdig! Zudem isst bei diesem Thema immer auch die Moralische Frage zu beachten. Sie werden mir zustimmen müssen, wenn ich sage, von dieser Warte aus gesehen ist dieses Vorgehen äusserst Fragwürdig? Diese Meinung wird auch von vielen anderen Menschen so vertreten. Und das habe ich in anderen Foren genau recherchiert!

Besser recherchieren

A. Jost
schrieb am 30.07.2020 17:04
Hr Bühler

Sie sind zumindest auf eine Aussage reingefallen: Es gibt in der Schweiz keine Anzeigepficht von Privatpersonen ;-)
Dachte, Sie recherchieren dies.

Denunzieren

Kurt
schrieb am 30.07.2020 10:12
Meiner Meinung nach ist das Denunzieren eine problematische verhaltensweise. Diese Methoden errinnern doch sehr stark an die DDR Stasi. Da wusste man vom Nachbarn auch nicht ob er einem verpfeifft. Manchmal wurde man sogar innerhalb der Famillie zum verräter. Nur um selber einen Vorteil aus dem geschehen zu ziehen.Wenn jemand dies herbeiruft ist wohl etwas schief gelaufen.

Interessant zu Wissen.

Ueli Bühler
schrieb am 30.07.2020 09:08
Sie scheinen ein Gesetzesgetreuer Mensch zu sein! Manchmal kann diese Haltung allerdings auch zum Problem werden. Ich habe auch meine Enkelin in der Zeit immer gesehen. Sie können mich ja Anzeigen. Das scheint Ihnen ja spass zu machen? Auch meine Nachbarin habe ich regelmässig gedrückt , als sie aus lauter Verzweiflung Heulend auf dem Stuhl sass. Unglaublich diese Einstellung. Ist aber Ihre Sache.

Anzeigepflicht

A. Jost
schrieb am 29.07.2020 19:55
Je nach Schwere eines Vergehens ist es strafbar, bei Wissen dies nicht zu melden. Wie weit diese Unterlassungstat eine Straftat herstellt, weiss ich nicht.

Verharmlost?

Ueli Bühler
schrieb am 29.07.2020 13:29
Das hat aber auch gar nichts mit Verharmlosung zu tun! So weit ist es gekommen. Dass mein Nachbar mich meldet wenn ich gegen die Regeln verstosse. Zum Anfang der Pandemie wurde ich schon mal angezeigt, weil ich mich erdreistet habe Einzukaufen. Nein das ist ganz sicher nicht in Ordnung! Mich wundert es allerdings nicht dass Leute so verängstigt sind und alle Melden die nicht dieser Norm entsprechen!

Leben oder nicht?

A. Jost
schrieb am 29.07.2020 12:20
Es scheint weiterhin verharmlost zu werden, dass dieses Virus tödlich ist. Wer also gegen Quarantänebstimmungen verstösst, nimmt Menschenleben in Kauf. Dies ist kein Kavaliersdelikt. Daher absolut einverstanden, dass solche Menschen gemeldet werden. Oder soll ich mit diesen Leuten zuerst das Gespräch suchen, ob sie sich nicht evtl doch an die Bestimmungen halten wollen?

Kaum zu Glauben!

Ueli Bühler
schrieb am 29.07.2020 10:15
Dass dies in einer modernen Gesellschaft überhaupt möglich ist. Wenn jemand den Nachbar in die Pfanne hauen möchte. Die Gelegenheit war noch nie so günstig wie mit dieser Regierung!

Hurra

Kurt
schrieb am 29.07.2020 08:06
Dieses Denunziantentum ist eine absolut unglaublich ärgerliche Sache. Ich schäme mich für die Leute die andere verpfeiffen. DDR lässt Grüssen!
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