Zwei Gläser Bier täglich sind auch für Männer eines zu viel – aber immer noch besser als gelegentliches Rauschtrinken

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Drei Bier für einen Mann: Das sind laut neusten Erkenntnissen aus den USA zwei zu viel. © Keystone / Urs Flüeler

Männer können sich glücklich schätzen: Sie dürfen pro Tag zwei Gläser Wein oder Bier trinken, doppelt so viel wie Frauen, ohne sich um ihre Gesundheit sorgen zu müssen. So legt es zumindest die «Orientierungshilfe zum Alkoholkonsum» der Eidgenössischen Kommission für Alkoholfragen nahe. Doch nun kommen Zweifel an dieser Faustregel auf. In den USA, wo bislang eine ähnliche Empfehlung gilt, will eine Fachkommission die Grenze für Männer nach unten korrigieren. Gemäss wissenschaftlichen Erkenntnissen sollte auch Männern nur noch ein alkoholisches Getränk pro Tag zugestanden werden, heisst es im Expertenbericht, der vergangene Woche erschienen ist.

Muskeln nehmen Alkohol auf – Fett hingegen nicht

Was unterscheidet die Frau vom Mann, wenn es um Alkohol im Körper geht? Da ist einmal das Gewicht. Im Schnitt wiegt die Schweizer Frau 65 Kilogramm, der Mann dagegen gut 80 Kilogramm. Bei ihm verteilt sich der Alkohol also schon mal auf einen Viertel mehr Körpermasse. Hinzu kommt, dass beim Mann der Anteil Muskeln grösser ist, während die Frau mehr Fett am Körper hat. Die Muskeln enthalten Wasser, das den Alkohol aufnimmt. Das Fett nimmt hingegen keinen Alkohol auf. So wird der Alkohol im männlichen Körper auch deswegen stärker verdünnt als bei der Frau.

Männer können Alkohol besser aufnehmen als Frauen.

Männer können Alkohol besser aufnehmen als Frauen.© Lisa Jenny

 

Dass Frauen nicht dieselbe Empfehlung erhalten wie Männer, hat also durchaus einen medizinischen Hintergrund. Auch Jean-François Dufour, Klinikdirektor und Chefarzt Hepatologie am Inselspital Bern, hält die Unterscheidung für gerechtfertigt. Er sagt: «In der Praxis zeigt sich, dass Frauen bei gleichem Alkoholkonsum eher Probleme mit der Leber haben als Männer.»

Zwar unterscheide sich die Verträglichkeit für Alkohol stark von Mensch zu Mensch. Zum Beispiel habe die Darmflora einen Einfluss, der aktuell intensiv erforscht werde. Doch im Durchschnitt vertragen Frauen den Alkohol tatsächlich schlechter als Männer. «Nebst dem Gewicht und den unterschiedlichen Anteilen von Fett und Muskulatur könnte auch der Magen eine Rolle spielen», sagt er. Der weibliche Magen reagiere anders auf Alkohol als der männliche.

Der Alkohol hat auch einen Einfluss auf die Darmflora.

Der Alkohol hat auch einen Einfluss auf die Darmflora. © Keystone / Alexandra Wey

Trügerische Schlüsse punkto Herz-Kreislauf-Krankheiten

Trotzdem wollen amerikanische Fachleute jetzt aber den Männern maximal dieselbe tägliche Menge zugestehen wie den Frauen: ein Glas Bier à 3,5 Deziliter oder ein Glas Wein à 1,5 Deziliter oder ein Gläschen Spirituosen à 4 Zentiliter. Wieso wollen sie auf die Differenzierung nach Geschlecht verzichten? Frauen reagieren stärker auf Alkohol, so steht es auch im US-Bericht. Idealerweise würden denn Frauen auch nur ein halbes Glas pro Tag trinken. Aber erstens wäre das eine unpraktikable Empfehlung – halbe Gläser können im Restaurant oder der Bar nicht bestellt werden. Und zweitens ist das Gesundheitsrisiko nicht allzu viel grösser, wenn eine Frau statt eines halben ein ganzes Glas trinkt. Bei den Männern hingegen schlägt sich das zweite Glas Bier, Wein oder Schnaps gegenüber dem ersten schon deutlich auf die Gesundheit nieder. Das zeigen Untersuchungen zur Sterblichkeit.

Ob man auch ein halbes Glas hätte bestellen können?

Ob man auch ein halbes Glas hätte bestellen können? © Keystone

Moment mal – hiess es nicht immer, eine geringe Menge Alkohol wirke sich sogar positiv auf die Gesundheit aus? Besonders Rotwein senke den Blutdruck und verringere das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen? Tatsächlich gibt es Studien, die einen solchen Zusammenhang zeigen. Menschen, die eine geringe Menge Alkohol konsumieren, scheinen weniger Herz-Kreislauf-Probleme zu haben als abstinente. Doch die Zahlen haben einen Haken: Sie zeigen nicht, ob der Alkohol tatsächlich die Ursache dafür ist. So gehören Menschen, die gerne ein gepflegtes Glas Rotwein zum Abendessen geniessen, oft einer Gesellschaftsschicht an, die sich auch gesunde Ernährung leisten kann – letzteres könnte der tatsächliche Grund sein für die selteneren Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Tatsächlich verschwinden fast alle Vorteile des Alkohols, wenn die Studien mit statistischen Methoden auf mögliche Fehlschlüsse geprüft werden.

Besser öfters ein wenig als gelegentlich ein Rausch

Eine «Stange» pro Tag liegt drin.

Eine «Stange» pro Tag liegt drin. © Shutterstock

Die Universität Cambridge hat vor zwei Jahren aus 83 Studien Daten zu 600'000 Menschen zusammengetragen und geprüft. Übrig blieb ein einziger positiver Effekt: ein bisschen Alkohol verringert tatsächlich das Risiko für einen Herzinfarkt. Für alle anderen Herz-Kreislauf-Erkrankungen, darunter Schlaganfall, Herzinsuffizienz und Komplikationen mit Bluthochdruck, gilt dagegen: je weniger Alkohol, desto besser. Wer das Risiko gering halten will, darf demnach höchstens 100 Gramm Alkohol pro Woche zu sich nehmen. Das entspricht sieben Stangen Bier und damit ungefähr der Empfehlung der US-Experten.

Selbst der Rotwein, der gesunde Antioxidantien enthält, schneidet demnach nicht besser ab. Offenbar werden allfällige positive Effekte bei weitem durch die Schädlichkeit des Alkohols wettgemacht. Bei 13 Volumenprozent liegen acht Deziliter Wein pro Woche drin. Diese sollten aber nicht auf einmal getrunken werden. Klinikdirektor Jean-François Dufour sagt: Gelegentliches Rauschtrinken ist viel schlimmer für die Leber als tägliches massvolles Trinken.

Wobei sich selbst bei massvollem Konsum das Einlegen von alkoholfreien Tagen empfiehlt – an diesen kann sich die Leber erholen und zudem sinkt die Gefahr, dass eine Sucht entsteht.

Wer sich an diese Regeln hält, muss sich die Freude am kühlen Blonden oder dem Gläschen Roten nicht verderben lassen. Selbst im Bericht der Fachkommission aus den USA steht: «Alkohol kann in geringen Mengen mit relativ tiefem Risiko konsumiert werden.»

Schweiz hat Alkohol-Richtlinie erst gerade angepasst 

(sva/nsn) Genau zwei Jahre ist es her, seit Schweizer Experten die Empfehlungen für einen verantwortungsvollen Alkoholkonsum nach unten korrigiert haben. Seither gilt: Höchstens zwei Gläser Bier oder Wein für Männer pro Tag (statt maximal drei) und höchstens eines für Frauen (statt zwei). Den Ausschlag dafür gaben «neue wissenschaftliche Erkenntnisse», wie die Eidgenössische Kommission für Fragen zu Sucht und Prävention im Juli 2018 mitteilte. Und nun fordern Fachleute aus den USA – wiederum gestützt auf neuste Erkenntnisse –, dass auch für Männer die Ein-Glas-Empfehlung gelten soll.

Was heisst das für die Schweiz? Wittern die Abstinenzler bereits Morgenluft? Selbst der Präsident des Blauen Kreuzes, einer Organisation, die gegen Alkoholismus kämpft, winkt ab. «Obwohl die Hinweise der Experten aus den USA durchweg stichhaltig sind, kann meines Erachtens in der Schweiz nicht alle zwei Jahre eine Richtlinie angepasst werden», sagt Verbandschef Philipp Hadorn. Zuerst einmal brauche es nun eine wissenschaftliche Auswertung, was die Verschärfung vor zwei Jahren gebracht hat. Dann werde sich zeigen, ob die präventive Wirkung reiche oder ob weitere Verschärfungen angebracht seien.

Vorerst aber setzt der frühere SP-Nationalrat Hadorn lieber auf die Losung «starke Prävention statt verschärfte Regeln». Diese müsse bewusst machen, «dass regelmässiger und exzessiver Alkoholkonsum in Abhängigkeit und soziale Schwierigkeiten führen kann».

Auch die Sucht-Kommission selbst macht derzeit keine Anstalten, die Empfehlungen schon wieder zu ändern. Man verfolge die Entwicklung der Forschung, heisst es lapidar. Definitiv nichts wissen wollen die Schweizer Gesundheitsbeamten von der immer wieder gestellten Forderung, die Trinkempfehlungen spezifisch nach Getränkeart auszurichten. Für den Körper sei es nicht relevant, «welches alkoholische Getränk konsumiert wird, sondern wie viel Gramm reiner Alkohol eingenommen wird», erklärt das Bundesamt für Gesundheit auf Anfrage. Eine Unterscheidung würde nur zusätzliche Verwirrung stiften.

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