«In blinder Wut» mit Scheren auf Mitarbeiter eingestochen: Coiffeur muss sechs Jahre ins Gefängnis

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Das Obergericht beurteilte die Tat im Coiffeursalon als vorsätzlichen Tötung. (Symbolbild) © Getty Images

Der irakische Coiffeur Tarik F.*, welcher im Juni 2016 einen andern Mitarbeiter im Coiffeursalon in Olten mit Scheren verletzte, muss gemäss Obergericht sechs Jahre ins Gefängnis statt bloss vier Jahre und drei Monate. Es sei versuchte vorsätzliche Tötung gewesen statt versuchte schwere Körperverletzung, wie das Amtsgericht Olten-Gösgen im März 2019 geurteilt hatte.

Auch die Staatsanwaltschaft hatte ihn der vorsätzlichen Tötung beschuldigt und eine höhere Strafe gefordert. Alle drei Parteien hatten gegen das erstinstanzliche Urteil Berufung eingelegt.

Angeklagter fehlte vor Gericht

Der 43-Jährige erschien unentschuldigt nicht vor dem Obergericht. Seine von seinem Verteidiger Ronny Scruzzi erzählte Version wich von jener des Geschädigten Jamil B* ab. Die Videoüberwachung, von der am Prozess kein Ausschnitt zu sehen war, zeigte offenbar zunächst eine etwas harmlosere tätliche Auseinandersetzung. Nach einer Pause, als sein Gegner am Boden war, hatte Tarik jedoch seine Fäuste mit Coiffeurscheren bestückt und sie gegen Jamil eingesetzt. Mehrmals traf er dessen Gesicht, Arm oder Oberkörper.

Jamil musste vor dem Obergericht mit Hans-Peter Marti, Daniel Kiefer und Rolf von Felten nur einige Fragen beantworten. Zum Grund für den Streit nannte er religiöse Differenzen. Er erzählte auch, wie Tarik ihm nach dem Streit mit Konsequenzen gedroht haben soll, falls er die Wahrheit über den Vorfall erzählen würde. Seine Rolle im Gefecht sah er so: «Tarik kam auf mich zu, ich sah seine Wut und Aufregung. Ich sass ruhig da auf dem Sofa und wollte nicht, dass es eskaliert.» Er erlitt Verletzungen, nebst Nasenbeinbruch auch eine Stichverletzung über dem Brustbein mit Pneumothorax, Schnittverletzungen am Arm und an der Wange. Davon blieb ihm eine Narbe, und er leide immer noch unter den Verletzungen, besonders im Winter verspüre er «starke Schmerzen». Erst auf Nachfrage bejahte er, wegen der Tat psychische Probleme zu haben.

Staatsanwalt Ralph Müller sagte, Tarik habe im «heftigen Kampf» «in blinder Wut» «mit voller Wucht» zugestochen. «Es war ihm völlig egal, wo es Jamil treffen würde.» Die Situation sei lebensgefährlich gewesen, «es war nur deshalb nicht schlimmer, weil dieser sich wehrte.» Auch bei der ihm vorgeworfenen Nötigung, bei der Tarik Jamil mit einer Drohung davon habe abhalten wollen, die Wahrheit über den Vorfall zu erzählen, plädierte er entgegen dem Entscheid der Vorinstanz nicht auf versuchte, sondern auf vollendete Nötigung.

Die Privatklägerin Sabrina Weisskopf schloss sich Müller an. Sie hob besonders hervor, dass die Scheren fünf- bis sechseinhalb Zentimeter lange Klingen hatten und alle spitz gewesen sein müssten. Nur Zufall verhinderte gravierendere Verletzungen. Ihr Mandant habe «keine Möglichkeit gehabt wegzukommen. Die Hintertür war zu, vorne war Tarik im Weg.» Tarik habe zwar von ihm abgelassen, ihn aber dann warten lassen, habe geputzt und ihn erst anschliessend ins Spital gefahren. Sie forderte eine Verdoppelung der von der Vorinstanz zugesprochenen Genugtuung auf 20'000 Franken sowie volle Haftungspflicht für allfällige Spätfolgen.

Tat geschah aus «Angst und Verzweiflung»

Scruzzi wies darauf hin, das Video enthalte Bilder, aber der Ton fehle. Man wisse nicht, was gesprochen worden sei. Jamil habe zwar ruhig gewirkt, sei aber verbal sehr aggressiv gewesen. Er sei bloss Hilfskraft gewesen und habe auch Haare schneiden wollen. Deshalb habe er zuvor mit dem Chef gesprochen. Jamil sei nervös und «stinkesauer» in den Salon gekommen. «Jamil hat eine Bedrohungslage aufgebaut.» Er sei einen Schritt auf seinen Mandanten zugekommen, der bloss abgewehrt habe. Der Stich sei deshalb nicht tief gewesen.

Tarik habe stets verneint, dass er den andern habe verletzen oder töten wollen.«Er hat die Scheren aus reiner Verzweiflung und Angst genommen», so Scruzzi. Es sei ein «intensiver Notwehrexzess», deshalb sei es bloss einfache Körperverletzung. Eine Nötigung liege nicht vor. Der Salonchef habe Tarik nach telefonischer Rücksprache angewiesen, zu reinigen und habe gesagt, sie verlören beide ihren Job, falls sie die Wahrheit sagten.

Das Obergericht sah bei Tarik aber keine Notwehr. Zudem sei es in einem dynamischen Geschehen nicht möglich zu steuern, wie und wo man den Gegner treffe und verletze. Wenn man so mit einem harten, spitzen Gegenstand wuchtig auf den Körper einsteche, dann sei die Möglichkeit einer Tötung vorhanden. Die Genugtuung, die er Jamil bezahlen muss, blieb bei 10'000 Franken. Für die versuchte Nötigung und die Erwerbstätigkeit ohne Bewilligung kassierte er bedingt 135 Tagessätze à 30 Franken, bei einer zweijährigen Probezeit. Er wird zur Verhaftung ausgeschrieben.

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