Oftringen, der wahre Mittelpunkt des Landes

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Autobahnkreuz Oftringen (Archivbild Andi Leemann)
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Am Kreuzplatz in Oftringen treffen vier wichtige Hauptstrassen des Mittellands aufeinander. Bild: Janine Müller

Oftringens Kartenbild hiess unter den Stadtforschern vor 20 Jahren ‹Arolfingen› – zusammengesetzt aus Aarau, Olten, Zofingen. Eine richtige Stadt mit 100 000 Einwohnerinnen und Einwohnern sollte hier werden, zwei Kantone übergreifend, mit Stadtmitte, zentraler Regierung und allem Drum und Dran, vom Stadttheater über das Spital bis zur Hochschule – und mittendrin die Gemeinde Oftringen. Die Idee der Forscher ist versandet – immerhin gab sie einem Tierheim den Namen. 

Statt der Stadt Arolfingen gibt es nun das ‹Aareland›, einen losen Verbund aus 65 Gemeinden in drei Kantonen, von Kienberg bis Dagmersellen, von Auenstein bis Oensingen – und mittendrin Oftringen. Gut 240 000 Menschen leben im ‹Aareland›. Diese Institution koordiniert die grossräumige Planung. Vor allem ist ‹Aareland› die Tankstelle für die vielen Millionen Franken, mit denen der Bund mit den Agglomerationsprogrammen den Ausbau von Strassen und Eisenbahnen vorantreibt – und auch für die Fussgänger- und Velowege etwas hergibt. Über 120 Mio. Franken kamen bisher so in die Region. Nach Oftringen 0,8 Millionen für die neue Haltestelle der SBB im Ortsteil Küngoldingen oder 9 Millionen für den Neubau der Wiggertalstrasse, der Zufahrt zu den grossen Gewerbegebieten. 

Ein Preusse zeichnete das wichtige Kreuz auf die Karte 

Mag die geografische Mitte der Schweiz auf der Älggialp im Kanton Obwalden liegen; mag die ideologische Mitte der Nation das Rütli, ihre politische Mitte in Bern sein und die Mitte der Macht am Zürcher Paradeplatz – die wahre Mitte der Schweiz ist Oftringen. Hier ist ihr Kreuz. Schon der Urgrossvater der Landkartenzeichner im Aargau, der preussische Ingenieur Ernst Heinrich Michaelis, hat es in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf seine Karte zeichnen können. Am Ende der Kreuzstrasse, am Kreuzplatz, trafen sich fünf Strassen, vier davon die wichtigen Hauptstrassen des Schweizer Mittellandes aus Zürich, Bern, Basel und Luzern. Und um die Kreuzung zeichnete Michaelis einen stattlichen Haufen aus roten Rechtecklein für die Höfe und Häuser, so den ‹Löwen›, eine grosse Wirtschaft mit Tanzsaal. Napoleon soll hier übernachtet haben und auch Fürst Bismarck. Hier hielt die Postkutsche an, hier war das Postbüro untergebracht. 

Die grossen Buchstaben, mit denen der Landvermesser Michaelis ‹Kreuzstrass› in sein Blatt setzte, nahmen vorweg, dass die Ströme auf diesen vier Strängen Oftringens Raumgeschichte schreiben werden. Und so ist es folgerichtig, dass 1970 an diesem Kreuz der Immobilienunternehmer Rüegger mit den Architekten Lehmann Spögler Morf das EO-Hochhaus aufgestellt hat. EO steht für Einkaufszentrum Oftringen. Darum herum viele Parkplätze, im erhöhten Sockel eine grosse Migros und weitere Läden und oben drauf ein eleganter, 67 Meter hoher Turm mit 71 Wohnungen auf 20 Stockwerken. 

Auf den Turm hinauf zu fahren, gehört zum Heimatkundeunterricht der kleinen Oftringer. Imran, Arlind und Matteo brachten als Bericht zurück: «Mit dem Lift fuhren wir aufs Dach. Als wir oben waren, hatten wir einen herrlichen Ausblick. Wir hatten alles gesehen, sogar den Jura und manche Schüler entdeckten ihr Haus. Wenn man da oben ist, hat man ein sehr cooles Gefühl. Später sind wir nicht mehr mit dem Lift runtergegangen, sondern über die Treppe. Es war mega toll. Das werden wir nie vergessen!» 

Etwas ausserhalb des Kreuzplatzes ist ein weiteres Kreuz auf die Landkarte gezeichnet. Es sind, in freier Form, zwei gelb markierte Doppelstränge für die Nationalstrasse. Der eine ist die Autobahn A2. Er läuft seit Anfang der 1960er-Jahre dem Rand Oftringens entlang, von Basel herkommend, nach Luzern und Italien weiterführend. Der andere Strang, die A1, durchtrennt Oftringen auf dem Weg von Bern nach Zürich, St. Gallen und die Weiten des Ostens. Eine verzogene Kreuzfigur aus Bögen, Ellipsen, Spangen und Stäben verbindet die zwei Stränge zur Verzweigung Wiggertal, die im Volksmund auch Autobahnkreuz Oftringen heisst. Dank ihm kann der Autostrom Tag und Nacht von Süden nach Norden und Westen und Osten fliessen und umgekehrt. Oftringen ist an den Doppelstrom mit Auf- und Abfahrten angeschlossen. War das alte Strassenkreuz bis in die 1950er-Jahre die Silberwährung für die Bedeutung des Orts, ist das neue die Goldwährung für die Entwicklung und dramatische Veränderung in den letzten 60 Jahren. Eine imposante Kollektion an Fachmärkten und Einkaufszentren ist am Oftringer Kreuz und am Rand der Gemeinde gewachsen, mit Tausenden Parkplätzen. 

Neben der Kaufhauslandschaft steht ein Band mit Containern für Fabriken, Lagerhäuser und Grossgaragen. Innert einer Stunde können von hier aus die Lastwagen vier Millionen Menschen erreichen, so viele wie von keinem anderen Ort in der Schweiz aus. Und umgekehrt gilt: Kein Kurort in den Alpen hat so viele Gäste pro Saison wie Oftringens Autobahnkreuz. Städtebauer machen sich nun daran, diesen Ort zu ‹entwickeln›, sie legen auf ihren Zeichnungen Platten über die Autobahnschlucht, setzen darauf und daneben Hochhäuser, zeichnen Pärke ein, getragen vom Glauben an Wachstum und Automobil. 

Die Hoffnung der Oftringer ist ein eigener Bahnhof 

Neben Oftringens Kreuzplatz ist auf der Landkarte von 1960 der schwarze Strang der Eisenbahn eingezeichnet. Täglich fahren hier Hunderte Züge – als S-Bahnen, als regionale, nationale und internationale Schnellzüge. Und als lange und laute Güterzüge von Norden nach Süden und umgekehrt – ohne Halt in Oftringen. Ist der schwarze Strang heute Durchgangsstrom, gründete auf ihm im 19. Jahrhundert die Industrialisierung des Orts mit Papier-, Uhren- und Metallfabriken. 

Räumlich bemerkenswert bilden der Eisenbahnstrang und die Kantonsstrasse von Aarburg nach Zofingen miteinander ein spitzes, gleichschenkliges Dreieck, in dem sich die Industrie niedergelassenen hat und bis heute mit markanten Gebäuden präsent ist, mit Namen wie Omya oder Franke. Eine Hoffnung der Oftringer Zukunftsbildner: «Wir wollen einen eigenen Bahnhof, nahe am Kreuzplatz wollen wir eine Drehscheibe bauen für den öffentlichen Verkehr, und rund um das EO-Hochhaus soll die Zukunft aus allen Ritzen spriessen dank noch intensiverer Standortgunst.» 

Köbi Gantenbein

Zeitschrift Hochparterre

Die Architekturzeitschrift Hochparterre gab zu Oftringens Planungsgeschichte und -zukunft ein Heft heraus. Davon ist dieser Beitrag ein Teil. Wer ein Heft möchte, schreibt eine E-Mail an oder er kann es auf der Gemeindeverwaltung Oftringen holen.

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