Ende des Sonderwegs: Plötzlich sägen die Schweden an ihrem Mister Corona

Anders_Tegnell_EPA.jpg

Der Architekt des schwedischen Sonderweges, Staatsepidemiologe Anders Tegnell, hat seit dem Frühjahr die vergleichsweise lockere Coronapolitik des Landes geprägt. Doch jetzt will die Regierung die Position des Chefbeamten offensichtlich schwächen und das Heft stärker in die Hand nehmen, mit Verboten, Bussen und harschen Worten.

Sie hat eine Obergrenze von acht Personen für Veranstaltungen verfügt – noch nie in moderner Zeit gab es in Schweden eine derartige gesetzliche Einschränkung der Freiheit, erklärte Regierungschef Stefan Löfven.

Gleichzeitig schreckte der Sozialdemokrat in einer Fernsehansprache seine Landsleute mit drastischen Warnungen auf: «Wir entscheiden mit unserem Verhalten jetzt, wie die Weihnachtsfeier aussieht – und wer dann noch unter uns ist.» Die Botschaft war nicht schwer zu verstehen: Schwedens Anzahl an Coronatoten, die deutlich höher ist als in den Nachbarländern, steigt nach einem ruhigen Sommer und Frühherbst jetzt wieder an.

Für schwedische Politexperten ist klar, dass die Regierung das «Leadertrikot überstreifen» und mit politischen Verboten agieren will, statt nur auf Tegnells Empfehlungen zu setzen. «Es geht darum, Handlungskraft zu demonstrieren, und der Kritik zu begegnen, die Regierung stütze sich zu sehr auf die Gesundheitsbehörde», sagt Elisabeth Marmorstein vom öffentlich-rechtlichen Sender SVT.

Ein anderes Verbot, dass nach 22 Uhr kein Alkohol mehr ausgeschenkt werden darf, richtet sich in gewissem Sinn gegen Tegnell, der Restaurants nicht als Treiber der Pandemie angesehen hatte. Zudem muss der Epidemiologe einräumen, dass seine Prognosen zum wiederholten Mal nicht stimmen: Die zweite Welle ist auch in Schweden heftig angekommen, es blieb nicht nur bei lokalen Ausbrüchen.

Die Massnahmen sind trotzdem noch gemässigt

Vergleicht man Schweden mit Lockdown-Ländern, sind die neuen Restriktionen immer noch gemässigt: Die 8-Personen-Regel gilt im privaten Bereich nicht. Die Empfehlungen überwiegen weiterhin. Tegnell hatte diese in den letzten Wochen verschärft, es wird jetzt von unnötigen Besuchen von Museen oder Einkaufszentren und vom Benutzen des öffentlichen Verkehrs abgeraten.

Doch es waren Löfven und seine Minister, die polterten und ermahnten: Seine Landsleute sollten «absagen, stornieren, verschieben» sagte der Regierungschef, die sozialen Kontakte seien auf ein Minimum zu reduzieren, denn die Bevölkerung verhalte sich nicht mehr konsequent genug.

Es sei ein deutliches Signal der Regierung, dass das Vertrauen sowohl in das Volk wie auch die Gesundheitsbehörde abnehme, befand Viktor Barth-Kron, ein Politkommentator der Zeitung «Expressen». Deshalb arbeite Löfven und sein Team auch an einem neuen Pandemie-Gesetz, das ihr grössere Kompetenzen geben würde. Im Gegensatz zu den meisten anderen Ländern fehlt der schwedischen Regierung die gesetzliche Möglichkeit, mit weitgehenden Verboten durchzugreifen. Dennoch bewegt sie sich nun stärker in eine Position, die ihre ausländischen Pendants bereits seit Beginn der Pandemie einnehmen: Die Politik soll letztlich durch die Coronakrise steuern.

Ihr Eintrag wird nach einer Überprüfung online gestellt.
Keine Kommentare vorhanden
Heute auf zofingertagblatt.ch
Frage des Tages
Marktplatz
regiostellen.ch
agon-sports AG
Service Techniker Fitnessgeräte, Mitarbeiter, Zofingen
Job für Mami, Mitarbeiter,
Job für Mami, Mitarbeiter,
Gurtner AG
Sanitärinstallateur EFZ, Mitarbeiter, Solothurn
Gurtner AG
Sanitärinstallateur EFZ, Mitarbeiter, Solothurn
Gurtner AG
Sanitärinstallateur EFZ, Mitarbeiter, Solothurn
regioimmo.ch
Abo-Service

Normal-Abo (e-Paper/Digital inkl.)

Schnupper-Abo / Probe-Abo

Digital-Abo

Leserangebote
Partner