Corona? Stimmt, das war ja mal – doch im einstigen Epizentrum Wuhan ist wieder alles wie früher

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Eine Flaniermeile in Wuhan am 9. Dezember 2020. © Getty Images

Wie jeden Morgen grüsst Dong Haokun den alten Pförtner am Eingangstor, ehe er den Lift betritt. Im 28. Stock sperrt der 37-Jährige die Metalltür seines Tanzstudios auf. Morgensonne fällt in den Raum, durch die bodentiefen Fenster reicht der Blick bis hin zum Ufer des Jangtse-Fluss. «In Wuhan bin ich geboren und aufgewachsen», sagt Dong sichtlich stolz. In wenigen Minuten werden seine Kundinnen hier eintreffen. Auf dem Programm steht: Bauchtanz.

Dass Wuhan vor genau einem Jahr das weltweite Epizentrum der Coronapandemie war, scheint in diesem Moment kaum vorstellbar. Die Schlagzeilen von damals wirken surreal: Da waren die Bilder von offenen Leichensäcken in Krankenhausgängen und von panischen Menschenmengen. Es folgte der strengste Lockdown in Chinas Geschichte: Über zehn Wochen lang waren die Einwohner Wuhans in ihren Wohnungen eingesperrt.

Tanzlehrer Dong Haokun sagt: «Wir schauten damals jeden Morgen zuallererst nach, wie viele Leute gestorben sind.»

Tanzlehrer Dong Haokun sagt: «Wir schauten damals jeden Morgen zuallererst nach, wie viele Leute gestorben sind.» © Fabian Kretschmer

Daran erinnert sich der Tanzlehrer Dong. Heute liegt die letzte registrierte Infektion in der Stadt Monate zurück. Wer durch die Flaniermeilen der 11-Millionen-Metropole schlendert, trifft überall auf emsiges Treiben. Nur die Masken sind geblieben.

Eine Flaniermeile in Wuhan am 3. Februar 2020 und am 9. Dezember 2020.

Eine Flaniermeile in Wuhan am 3. Februar 2020 und am 9. Dezember 2020. © Getty Images

Die Ausländer habens noch immer nicht verstanden

Nur einen Steinwurf von Dongs Studio entfernt zeigt sich Wuhan (eine von 113 Millionenstädten in China) von seiner charmantesten Seite: Im alten Kolonialviertel werden die Gassen von Art-Deco-Gebäuden und Kunstwerken gesäumt, am Flussufer des Jangtse lassen Senioren ihre Drachen steigen, im Geschäftsviertel Hankou ziehen Baukräne neue Wolkenkratzer in den Dezemberhimmel. Erst bei näherer Betrachtung kann man die geschlossenen Ladenzeilen erkennen – von Geschäften, die den Lockdown nicht überlebt haben.

«Letztes Jahr hatten wir noch Träume, aber jetzt geht es erst einmal ums Überleben», sagt der 20-jährige Wang Jun. Kurz vor dem Lockdown hat Wang sein Diplom zum Mechatroniker abgeschlossen, im Sommer hätte er an die Fachhochschule Stralsund gehen sollen. Was für ein ironischer Schwenk der Geschichte: Auch viele von Wang Juns Klassenkameraden aus Wuhan, die ebenfalls nach Europa wollten, mussten ihre Pläne auf Eis legen.

Er selbst hat im Souterrain eines Jugendstilhauses ein hippes Wohnzimmer-Café eröffnet. Während Wang Jun Nürnberger Bratwürste kocht, sagt er: «Durch den Lockdown haben wir gesehen, dass das chinesische System sehr gut darin ist, eine Pandemie zu meistern. Viele Ausländer reden von Freiheit. Aber so kann man das Virus halt nicht kontrollieren.»

Das drastische Eingreifen der Regierung hat im Kampf gegen das Virus zweifelsohne geholfen. Neue Ansteckungen werden sofort durch Lockdowns und Massentests eingegrenzt. Gleichzeitig aber zeigen die Lobeshymnen auf das eigene System, wie perfekt die Propaganda des Zensurapparats funktioniert. Peking hat Wuhans Kampf gegen Corona zur heroischen Erfolgsgeschichte ohne jegliche Schattenseiten aufpoliert.

Erzählt wird diese Geschichte eine halbe Autostunde nördlich von Wuhans Stadtzentrum in einem Messezentrum. «Interviews sind verboten», sagt die Rezeptionistin, nachdem sie das Journalistenvisum des Korrespondenten inspiziert hat.

Die Ärztin und die Blume

Drinnen dann: eine perfekte Inszenierung der Kommunistischen Partei als Retter des Volks. Bereits am Eingang begrüsst ein überdimensionaler Staatschef Xi Jinping die Besucher. Auf Informationstafeln steht überall: Die Partei mit Xi an der Spitze hat den «historischen» Kampf gegen die Epidemie «zum frühstmöglichen Zeitpunkt» geleitet. «Der strategische Erfolg hat die starke Führung der Kommunistischen Partei Chinas und die bedeutsamen Vorteile des sozialistischen Systems weiter gefestigt», steht da.

Dass die Regierung zu Beginn der Pandemie Virusproben vernichten liess und warnende Doktoren mit einem Maulkorb versehen hat, wird mit keinem Wort erwähnt. Auch die Bürgerjournalisten, die wegen ihrer kritischen Berichte aus Wuhan seit Monaten in Gefängniszellen ausharren müssen, werden unter den Teppich gekehrt.

Wuhan selbst lebt wieder demonstrative Normalität. Selbst die Krankenhäuser operieren wieder auf Normalbetrieb, wie der Besuch in einem Universitätsspital im Süden der Stadt zeigt: Ein einzelner Pförtner mit roter Armbinde kontrolliert die «Corona-App» der Besucher. In der Eingangshalle warten dutzende Patienten dicht an dicht gedrängt auf ihre Wartenummer.

Eine Ärztin, die anonym bleiben möchte, führt durch die hektischen Gänge in ihr Büro. Dort stapeln sich die Geschenkpakete, welche sie von dankbaren Patienten nach erhält. «Die Pandemie hat das Denken der Leute stark verändert», sagt die Medizinerin:

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