«Armut ist ja nicht nur allein am Einkommen festzumachen»

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Sonja Meier (l.) und Debora Sacheli bieten in Oftringen kostenlose Beratungen für Menschen in schwierigen Lebenssituationen an. Bild: tf

Eine unauffällige Liegenschaft, gut erreichbar an der Baslerstrasse 11 in Oftringen, die man kaum wahrnähme, würde man nicht genauer hinschauen. Genauer hinschauen, wo andere vielleicht lieber wegschauen, das ist die Aufgabe von Sonja Meier, die hier ihren Arbeitsplatz hat. Wenn es zum Beispiel um Armut oder prekäre Arbeitsverhältnisse geht. Die 49-jährige Sozialarbeiterin aus der Region leitet den Kirchlich-Regionalen Sozialdienst (KRSD) Aargau West, der von den beiden örtlichen römisch-katholischen Kirchgemeinden sowie der römisch-katholischen Kirche Aargau getragen und von Caritas Aargau operativ geführt wird. Willkommen seien beim KRSD aber Menschen jeglicher Konfession, macht Sonja Meier gleich zu Beginn des Gesprächs deutlich. «Mit unserer Arbeit setzen wir uns zusammen mit Pfarreien und Kirchgemeinden für eine Verbesserung der Lebenssituation von Menschen im Bezirk Zofingen ein.»

Den ersten Schritt zu einer Verbesserung ihrer Lebenssituation müsse von den Betroffenen selbst ausgehen, macht Sonja Meier deutlich. «Die Menschen müssen auf uns zukommen, erst dann können wir ihnen beratend zur Seite stehen», führt sie weiter aus. Das könne in Form einer einmaligen Kurzberatung geschehen, bei komplexeren Problemen auch mit mehrmaligen Beratungen.

Die Themen seien dabei so vielfältig wie die Menschen. «Wir klären etwa ab, ob Ansprüche auf Sozialhilfe bestehen, eine Anmeldung beim RAV erfolgt ist, Anspruch auf eine Prämienverbilligung besteht, stellen Gesuche an Stiftungen, falls ein Finanzbedarf besteht, handeln Vereinbarungen auf einen Mahnstopp und Ratenzahlungen aus», erläutert Sonja Meier. Wichtig für die betroffenen Menschen sei es, zu wissen, dass ihre Daten und Informationen vertraulich behandelt würden und die Beratungen kostenlos seien.

Ziel jeder Beratung müsse sein, die Leute so zu unterstützen, dass sie die notwendigen Anträge letztlich selber stellen könnten. Dann hält sie kurz inne, schmunzelt und schiebt nach: «Obwohl die Beamtensprache manchmal schwierig zu verstehen ist.» Ein konkretes Beispiel, das dem Jahresbericht 2019 des Kirchlich-Regionalen Sozialdiensts entnommen ist: «Herr A berichtet, dass nichts mehr in seinem Leben so ist wie zuvor. Seine Frau ist vor kurzem verstorben. In der Trauer hat er die Übersicht über alles verloren. Zudem hat sich seine Frau um alles Administrative rund um AHV-Rente, Ergänzungsleistungen und Krankenkasse gekümmert. Sie ist gut integriert gewesen, hat gut Deutsch gesprochen und das ‹Schweizer System› verstanden. Er spricht kaum Deutsch und versteht nicht, was die Ämter von ihm wollen.» Mit Unterstützung der italienisch-sprachigen KRSD-Beraterin Debora Sacheli wagte sich Herr A in der Folge erstmals an die Familienadministration.

Amtliche Schreiben wurden gelesen und beantwortet. Rechnungen sortiert und beglichen. Eine erste Stabilisierung war da. Die Gutsprache von Ergänzungsleistungen brachte finanzielle Sicherheit in der herausfordernden Situation. Thema der folgenden Beratungsgespräche waren die Tilgung der angehäuften Schulden sowie der Umgang mit Geld. Die Rückstände bei der Krankenkasse waren nach sechs Monaten beglichen.

Dieses Beispiel illustriere sehr gut, dass ein grosser Teil ihrer Arbeit darin bestehe, Brücken zu bauen zu Leistungen, die Leuten zustehen würden – «Brücken gegen die Armut», betont Sonja Meier. Dabei sei eine gute Vernetzung mit lokalen wie kantonalen Fachstellen, Diensten und Ämtern ein weiterer wichtiger Baustein. «Damit werden unsere Brücken beidseitig stabil», sagt die Sozialarbeiterin.

Armut ist kein Randphänomen

«Meiner Meinung nach ist Armut in den letzten Jahren in der Schweiz sichtbarer geworden», meint Sonja Meier, jedenfalls nehme die Thematik in ihrer Beratungstätigkeit immer mehr Zeit in Anspruch. Rund 660 000 Personen waren gemäss dem Bundesamt für Statistik im Jahr 2018 von Armut betroffen. Das entspricht 7,9 Prozent der ständigen Wohnbevölkerung. Unter ihnen sind überdurchschnittlich viele Alleinerziehende und Menschen mit geringer Ausbildung, die nach einem Stellenverlust keine neue Arbeit finden. Darunter sind aber auch 135 000 Menschen, die trotz Erwerbsarbeit arm sind – sogenannte «working poor».

Über eine Million Menschen sind armutsgefährdet, haben also ein deutlich tieferes Einkommen als die Gesamtbevölkerung. «Armut ist ja nicht nur allein am Einkommen festzumachen», betont Sonja Meier, Armut bedeute ebenso ein Manko an sozialer Teilhabe, Perspektivlosigkeit oder prekäre Wohnverhältnisse. «Es gab viele Gründe für Skepsis und Zweifel», die dem Projekt eines Kirchlich-Regionalen Sozialdienstes vorangegangen seien, schrieb Hans Alberto Nikol namens der Steuergruppe im ersten Jahresbericht. Die Zweifel am Bedarf der neu geschaffenen freiwilligen Beratungsstelle in Oftringen waren rasch widerlegt.

Bereits im ersten Tätigkeitsjahr (April 2012 bis März 2013) wurden 93 Beratungsdossiers geführt und 63 Kurzberatungen durchgeführt. Der Bedarf an Beratungen stieg im Verlauf der Jahre kontinuierlich an. 2019 wurden 147 Beratungsdossiers geführt, dazu kamen 145 Kurzberatungen. Im laufenden Jahr sind diese Zahlen (Stand Ende November) bereits wieder übertroffen. Zu den 156 Beratungsdossiers kamen 220 Kurzberatungen. «Die stark steigende Zahl an Kurzberatungen hat mit Corona zu tun», ist sich Sonja Meier sicher, denn Kurzarbeit oder Stellenverluste durch Corona habe den Kreis der Armutsbetroffenen sicherlich tendenziell ausgeweitet.

Coronavirus wareine Herausforderung

Nicht nur wegen der steigenden Zahl an Anfragen sei Corona eine Herausforderung gewesen, gibt Sonja Meier zu verstehen. «Ich war manchmal extrem gefordert, weil ich mich zuerst selbst mit Informationen über neue Erlasse versorgen musste», führt sie aus. Auf der anderen Seite habe die Coronasammlung der Glückskette auch ihre Arbeit erleichtert. Mehr als 42 Millionen Franken hat die Glückskette gesammelt. Ihre Partnerhilfswerke Caritas und Rotes Kreuz sowie weitere national tätige Organisationen wie HEKS, Heilsarmee, Pro Infirmis, Pro Senectute, Arbeiterhilfswerk oder Winterhilfe können damit ihre Unterstützung für Menschen in Not ausbauen. «Wir konnten deshalb dieses Jahr ausnahmsweise auch materielle Hilfe leisten», sagt Sonja Meier.

Alleine die Caritas Aargau konnte im Zeitraum vom 22. März bis 22. November 455 Gesuche gutheissen und damit 1404 Personen mit einem Betrag von insgesamt 232 099 Franken unterstützen. Im Verlauf des kommenden Jahrs werde der Kirchlich-Regionale Sozialdienst zur geldlosen Beratung zurückkehren. «Das werden wir unserer Klientel klar kommunizieren», betont Sonja Meier, auch wenn das vielleicht zu Enttäuschungen führen werde. Auf jeden Fall werde sie auch im nächsten Jahr Wert auf eine nachhaltige Beratung legen, bei der der Mensch wie bis anhin im Mittelpunkt stehen soll.

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