Wie der FC Aarau von Corona profitiert

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Hatte vor der Winterpause häufig Grund zum Jubeln: FCA-Cheftrainer Stephan Keller. (Bild: freshfocus)

Profiteur der Coronakrise? Nein, das wäre dann doch übertrieben: Leere Zuschauerränge, fehlende Zuschauereinnahmen, erfolglose Suche nach einem Hauptsponsor, Perspektivlosigkeit – diese Auswirkungen spürt auch der FC Aarau, der deswegen Ende des vergangenen Jahres ein Bundesdarlehen von rund einer Million Franken aufgenommen hat und auch von den A-fonds-perdu-Geldern Gebrauch machen wird. Doch abgesehen von den wirtschaftlichen Einbussen hat Corona viel damit zu tun, dass in diesen Tagen Fans in Internetforen schreiben: «Der FC Aarau macht so viel Freude wie schon lange nicht mehr.»

Dazu gezwungen, einen neuen Weg einzuschlagen

Im Frühling 2020 stimmten die 20 Profiklubs über die Vergrösserung der Super League von zehn auf zwölf Teams ab. Ohne Corona hätte der Umbau des Ligasystems grosse Chancen gehabt. Doch mit der Ungewissheit vor Augen, ob, wie lange und wie sie die Coronakrise überleben werden, verzichteten die Klubbosse auf eine zusätzliche Baustelle. Für den FC Aarau, lange ein Befürworter der Vergrösserung, rückblickend ein Glücksfall: So wurde die neue Führung um Präsident Philipp Bonorand gezwungen, einen sparsamen, dafür nachhaltigen Weg einzuschlagen. Statt mit der Brechstange den Aufstieg in die Super League zu erzwingen.

Der von Sportchef Sandro Burki zu Papier gebrachte und umgesetzte Strategiewechsel hatte einen Trainerwechsel zur Folge: An die Stelle von Patrick Rahmen, dessen Stärken vor allem der Umgang mit Routiniers war, rückte Stephan Keller. Der ist seit seiner Ankunft im Brügglifeld als Assistent im Sommer 2017 der Meinung, dass sich der FCA den Erfolg auf Dauer nicht erkaufen kann, sondern erarbeiten muss. Und passt somit zur neuen Klubphilosophie, der sich Spieler sowie Trainer anzupassen haben – nicht mehr umgekehrt.

In Zeiten, in denen abgesehen von den asiatisch beziehungsweise britisch alimentierten GC und Lausanne-Sport alle Klubs zum Sparen gezwungen sind, ist gute Arbeit noch wichtiger und noch besser zu sehen als in Zeiten, in denen Geld zur Fehlerkorrektur bereit liegt. Und gute Arbeit, die scheint man in Aarau zu leisten. Drei Indizien sprechen dafür: Der zweite Rang in der Tabelle mit Schlagdistanz zu Leader GC, die Verbesserung praktisch jedes Spielers zwischen Saisonstart und Winterpause und das ehrlich gemeinte Lob der Konkurrenz, die eine Schlusstabelle mit dem FC Aarau weit vorne prognostizieren.

Die Verantwortlichen haben die Chancen, die Corona trotz allem geboten hat, genutzt. Der FC Aarau gibt auf und neben dem Platz das Bild ab, als sei da etwas am Entstehen, dessen Entwicklung noch lange nicht abgeschlossen ist. Und das nicht bei der ersten sportlichen Krise über den Haufen geworfen wird. Darauf darf man stolz sein und man darf auch zeigen, was man hat: So wie Trainer Stephan Keller, der Recht hat mit der Aussage, dass der FC Aarau in der Challenge League zusammen mit Stade Lausanne-Ouchy den attraktivsten Fussball spiele. Und dass Aarau in der Schweiz eines der wenigen Teams sei, das mit spielerischer Dominanz Tore schiessen und gewinnen will. Im Gegensatz zur Mehrheit, die sich auf die Fahne schreibt, die Fehler des Gegners auszunützen.

Eine andere Rolle für den FCA in der Rückrunde

In der heute beginnenden zweiten Saisonhälfte wird der Respekt der Gegner vor den Aarauern grösser sein als bisher. In den meisten Spielen Favorit zu sein, diesen Status anzunehmen und mit ihm mental sowie sportlich umgehen zu können, wird eine nicht zu unterschätzende Herausforderung. Andererseits: Der Druck ist überschaubar, die Klubleitung beharrt auf dem Saisonziel «obere Tabellenhälfte»: Was ein – aus heutiger Sicht enttäuschendes – Absinken auf Rang 5 verzeiht und gleichzeitig verrät, dass der Aufstieg in die Super League im ersten Jahr nach dem Neubeginn intern kein Tabuthema ist. Gefragt, ob der FC Aarau zurecht nur zwei Punkte hinter Leader GC liege, antwortet Stephan Keller: «Nach 15 Runden lügt die Tabelle nicht mehr. Wir wollen dort oben bleiben.»

Aaraus offene Rechnung gegen den FC Wil

35 Tage nach dem letzten Spiel im Jahr 2020 (3:1 gegen Thun) steigt der FC Aarau heute Samstag wieder in die Challenge-League-Meisterschaft ein: Auswärts gegen den FC Wil, der die Hälfte der Vorbereitungszeit in Quarantäne verbrachte und erst seit vergangenem Dienstag wieder im Training ist. Die Ostschweizer mit Chefcoach Alex Frei waren auch Gegner im allerersten Ligaspiel dieser Saison – Aarau verlor trotz Überlegenheit 1:3 und hat gegen den Tabellenachten entsprechend noch eine Rechnung offen.

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