Chinas unheimlicher Einfluss im Aargau: So zieht das Reich der Mitte Spitzentechnologie vom PSI ab

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Chinesische Wissenschafter vor dem Paul-Scherrer-Institut feiern das chinesische Neujahr am 8. Februar 2019. Bild: zVg

«Goldenes Schwein sendet Segen und begrüsst das neue Jahr», so beginnt gemäss Übersetzung von Google ein launiger Beitrag über ein Fest zum chinesischen Neujahr, das am Paul-Scherrer-Institut (PSI) in Villigen veranstaltet wurde. Lichter und Lampions glühten, es habe unter den 200 Anwesenden eine freudige Stimmung geherrscht.

Doch wie finden 200 Chinesinnen und Chinesen überhaupt im Kanton Aargau zusammen, wie an jenem 8. Februar 2019? Ganz einfach: Sie wurden von der «PSI Aargau Chinese Student & Scholar Union» eingeladen. Und wie kommt der Kanton Aargau zu einer solchen Vereinigung? Noch einfacher: Weil dort das Paul-Scherrer-Institut steht.

Das Institut geniesst im Reich der Mitte offenbar höchste Wertschätzung. Denn die Website der «Chinese Student & Scholar Union» vermeldet, das PSI sei in verschiedenen Forschungsgebieten «weltweit führend» und betreibe «mehrere komplexe experimentelle Grossgeräte». Offenbar soll dies die Tatsache erklären, dass «mehr als hundert chinesische Studenten und Gelehrte» im PSI und in einigen nahegelegenen Industriebetrieben studieren und leben.

Die Wertschätzung für das PSI hat Gewicht, weil sie staatlich beglaubigt ist. Die «Chinese Student & Scholar Union» untersteht nämlich laut Website organisatorisch und inhaltlich direkt der chinesischen Botschaft in Bern. Für Professor Ralph Weber, der eine Studie über chinesische Einflussnahme in der Schweiz publiziert hat, steht fest, dass an der Spitze der Vereinigung Personen stehen, die der Partei nahestehen und dafür sorgen, dass sich die offizielle Doktrin der Machthaber in Peking auch unter den Ex-Pats im Kanton Aargau verbreitet.

Das PSI bezeichnet auf Anfrage die Organisation als «unabhängige Vereinigung», von der man zwar Kenntnis habe. Doch sei sie «dem PSI gegenüber nicht rechenschaftspflichtig». Auf einem Organigramm der PSI-Personalabteilung taucht sie jedoch auf, zusammen mit der Angestelltenvereinigung, dem Sportclub oder dem Women’s Club. Versuche, mit der «Student & Scholar Union» in Kontakt zu treten, scheitern.

Die Chinesen fallen in der Kantine auf

Wenn sich 200 Personen zum Neujahrsfest in Villigen zusammenfinden, lässt dies auf eine bedeutsame Präsenz von Studenten und Forschern aus dem Reich der Mitte schliessen. Der Unternehmer Hugo Schär, der jahrelang eng mit dem PSI zusammengearbeitet hat, bestätigt dies:

«Man sieht es nur schon, wenn man in der Kantine isst.»

Ein spezielles Augenmerk haben die Organisationen des Parteistaats auf das Protonentherapie-Programm geworfen. Dabei handelt es sich um eine der wissenschaftlichen Glanzleistungen des PSI, hinter der die Idee steht, mittels Protonen Tumorgewebe millimeterpräzis zu zerstören. Speziell eignet sich das Verfahren zur schonenden Bekämpfung von tiefliegenden Krebsgeschwülsten.

Das PSI spielte beim therapeutischen Einsatz des Verfahrens eine weltweite Pionierrolle. Zudem gelang es ihm, die hochkomplexen Geräte zu entwickeln, die dafür die Voraussetzung darstellen. Seit 1984 hat das PSI Tausende von Patientinnen und Patienten mit teilweise schweren Krebserkrankungen – etwa Augentumoren – erfolgreich behandelt, unter ihnen viele Kinder. Die Protonentherapie wurde seit diesen Anfangsjahren ständig weiterentwickelt und verfeinert.

In der Volksrepublik China ist das Interesse an der Protonentherapie jüngst förmlich explodiert. Ein Grund dafür ist die Alterung der Gesellschaft, die zu einer starken Zunahme von Krebserkrankungen führt. Da der steigende Wohlstand der Mittelklasse die Nachfrage nach teuren Behandlungen verstärkt hat, nimmt die Zahl der Projekte für den Bau von Protonentherapie-Zentren rasant zu. Vier Zentren seien bereits in Betrieb, 26 im Bau und weitere 77 würden projektiert, schreibt das wissenschaftliche Online-Journal Frontiers vor wenigen Monaten. Jedes dieser Zentren dürfte über eine Milliarde Franken kosten.

Die oberste Führung in China sieht es ungern, wenn solche Summen ins Ausland abfliessen, um die notwendigen Bestrahlungsgeräte zu beschaffen. In der Mehrjahresstrategie «Made in China 2025» werden deswegen die Spitäler angewiesen, medizinische Hightech-Geräte zu 50 Prozent von einheimischen Herstellern zu beschaffen. Damit wird auch die Entwicklung eigener chinesischer Protonengeräte-Industrie noch wichtiger. Know-how ist gefragt. Woher kommt dieses?

Protonentherapie: Das Wissen stammt vom PSI

Aus dem Kanton Aargau, sagt ein ETH-Professor, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Fast das gesamte Protonentherapiewissen des PSI sei mittlerweile in China gelandet. Dort hilft es jetzt nicht bloss, die Möglichkeiten der Krebsbekämpfung zu erweitern, sondern auch, den Aufbau einer dafür dienlichen Geräteindustrie zu erleichtern.

Auf welchen Wegen dieses Wissen ins Reich der Mitte gelangte, ist keine schwierige Frage, haben doch in den vergangenen zwei, drei Jahrzehnten zahlreiche chinesische Forscher in Villigen am Protonenprogramm mitgearbeitet. Kehrten sie wieder nach China zurück, nahmen sie ihr Wissen mit.

Ralph Weber erwähnt in seiner Studie etwa Qian Gui’an, der von 2009 bis 2018 am PSI tätig war und nun am Institute of Mechanics, Chinese Academy of Sciences, tätig ist. Aber auch Forscher, die in der Schweiz bleiben, fühlen sich ihrem Herkunftsland weiter verpflichtet. Dai Yong etwa ist 1995 in führender Stellung in Villigen tätig. Er nimmt seit 2007 eine leitende Stellung bei der Chinese Association for Science and Technology in Switzerland (CASTS) ein. Zudem sitzt er in der Jury des in China hochangesehenen Yangtze River Forschungspreises, der vom chinesischen Bildungsministerium vergeben wird.

Oder der seit langem am PSI forschende Professor Ming Shi, der seinen Professorentitel vom Institute of Physics, Chinese Academy of Sciences, erhalten hat. Dieser habe, schreibt das PSI, «bedeutende Beiträge zur Entwicklung von institutionellen Partnerschaften zwischen dem PSI und Forschungshochschulen in China geleistet. Seit 2010 hat er acht schweizerisch-chinesische Workshops organisiert». Ralph Weber sagt:

«Von Forschern oder Professoren, die in der Schweiz blieben, wird erwartet, dass sie dem Mutterland dienen.»

Dieser Informationsfluss muss nichts Widerrechtliches haben. Aber zuweilen greifen chinesische Organisationen auch zu robusteren Methoden, um den Wissenstransfer zu beschleunigen. Ein Lied davon kann der bereits erwähnte Unternehmer Hugo Schär singen. Die «NZZ am Sonntag» hat darüber als erste berichtet. Der Besitzer eines KMU baute die neuartigen, komplexen Therapie-Geräte und ging im PSI ein und aus.

Eines Tages aber entschieden sich die dortigen Chefs, für die Entwicklung einer neuen Gerätegeneration mit dem amerikanischen Konzern Varian zusammenzuarbeiten. Schärs Firma geriet in finanzielle Schwierigkeiten. Da kam unerwarteterweise der Chef des China Institut of Atomic Energy (CIAE) mit dem Angebot auf ihn zu, sich an der Firma zu beteiligen. Warum wusste man im grossen Reich der Mitte vom kleinen Unternehmen in Flaach ZH? Schär sagt: «Der Chef, Tianje Zhang, war zwei Jahre lang in einer wichtigen Position am PSI tätig gewesen.» Er kannte das Protonentherapie-Thema in- und auswendig.

Aus der Rettung wurde ein Albtraum

Wegen persönlicher Unstimmigkeiten kam dann Tianje Zhang bei Schär nicht zum Zug. Doch danach trat eine andere Organisation an ihn heran, die China National Nuclear Corporation, mit der er handelseinig wurde. «Man sagte mir, es bestehe die Absicht, 120 Protonentherapie-Institute in China zu bauen. Die erste Anlage sollte in der Stadt Tianjin erstellt werden.» Für Schär war es ein Rettungsring, zu dem er mangels Alternativen griff.

Doch aus der Rettung wurde ein Albtraum. Schär realisierte, dass den Chinesen nur daran gelegen war, Know-how abzuzügeln. Er sagt:

«Alles wurde gehackt.»

Er sei hintergangen worden, die chinesischen Vertreter im Verwaltungsrat hätten keine Entscheidungskompetenzen gehabt, sondern sich immer bei irgendeiner Stelle in Peking rückversichert. Neue Finanzlücken taten sich auf. Doch die chinesische Staatsfirma liess Schärs Unternehmen kaltschnäuzig in den Konkurs gehen. Offenbar hatten sie all das Wissen abgeholt, das sie sich hier holen wollten.

Die Protonentherapie ist nur ein Beispiel. Am PSI wird über viele Dinge geforscht, an denen China ein eminentes Interesse hat: Laser, Computer-Architektur, Energiemanagement, Nuklearreaktor-Design. Besonders im Fokus stehen in letzter Zeit Untersuchungen im Bereich Umwelt, etwa zum Feinstaub, was China hilft, seine Luftverschmutzung in den Griff zu bekommen. All das findet, bezahlt vom Schweizer Steuerzahler, seinen Weg ins Reich der Mitte.

Kein Wunder, sprach der chinesische Botschafter anlässlich eines Besuchs im PSI vor einigen Jahren davon, das PSI sei «weltweit berühmt für hervorragende wissenschaftliche Forschungsaktivitäten». Das mache das Institut für Forscher sehr attraktiv. «China schickt pro Jahr mehr als 100 Doktoranden in die Schweiz, um sie promovieren zu lassen.» Wissenschaft kenne keine Grenzen, fügte er an. «Diese Kooperation fördert gegenseitige Nutzen.» Der Nutzen für China ist eindeutig. Doch was hat die Schweiz davon, ihre Spitzenforschung mit China zu teilen?

China-Strategie im Bundesrat

Mit Spannung wird erwartet, wie die Schweiz ihre künftige Strategie mit China definiert. Aussenminister Ignazio Cassis will diese «in zwei Wochen» in den Bundesrat bringen. Das Parlament hatte eine solche Strategie verlangt. Wie sehr sollen Wirtschaftsinteressen im Vordergrund stehen, inwiefern soll die Schweiz Menschenrechtsverletzungen und Unterdrückung von Minderheiten anprangern? In diesem Dilemma steht die Schweiz, die bei China aus historischen Gründen besonders Ansehen geniesst: Als eines der ersten westlichen Länder anerkannte sie schon 1950 die Volksrepublik China. (fem)

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