«Manchmal starben mehrere Patienten pro Schicht» – eine Pflegefachfrau erzählt vom Alltag auf der Covid-Station in Aarau

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Die 24-jährige Rebecca Haas kümmert sich seit Mai vorwiegend um Covid-Patientinnen. Britta Gut

Wer an Covid-19 erkrankt und ins Kantonsspital Aarau (KSA) muss, der landet auf der Covid-Bettenstation im Haus 7. Die Station ist isoliert. Wer sie betreten will, muss sich einschleusen; muss Mundschutz, Schutzbrille und Schutzmantel anziehen.

Rebecca Haas erwartet uns ausserhalb der Schutzzone. Sie hatte Frühschicht. Als Schichtleiterin war die Pflegefachfrau damit beschäftigt, das Tagesgeschäft zu leiten. Das Team ist grösser als sonst. Pflegende von anderen Abteilungen helfen auf der Covid-Station aus. Manche für mehrere Monate, andere nur wenige Tage.

Was war das für ein Gefühl, als Sie erfahren haben, dass Sie sich bald um Covid-Patientinnen kümmern werden?

Rebecca Haas: Ganz neu war die Krankheit damals nicht mehr. Unsere Station wurde erst am Ende der ersten Welle zur Covid-Station. Trotzdem spürte ich eine Unsicherheit und fragte mich, was auf uns zukommen wird. Es stellten sich auch viele organisatorische Fragen.

Zum Beispiel?

Wir haben Teammitglieder, die selber zur Risikogruppe gehören. Sie mussten das Team wechseln. Dann mussten wir die Station teilweise umbauen und lernen, wie man sich richtig einschleust und schützt. Isolierte Patienten gab es auch vor Corona – etwa wegen Grippe – aber da handelte es sich immer um einzelne Zimmer und nicht um ganze Stationen.

Wie hat Ihr Umfeld reagiert?

Meine Eltern hatten ganz am Anfang Respekt und gingen eher auf Abstand. Mit der Zeit gewöhnten sie sich daran und vertrauten darauf, dass wir uns im Spital schützen können.

Die Bilder von Covid-Patienten auf der Intensivstation haben wir vor Augen. Wie zeigt sich die Krankheit auf der Bettenstation?

Die meisten unserer Patienten sind über 50 oder sogar über 60 Jahre alt. Jüngere Patienten sind eher die Ausnahme. Den meisten geht es schlecht, wenn sie ins Spital kommen. Covid ist heimtückisch und hat verschiedene Gesichter. Es gibt Patienten, denen geht es stetig schlechter. Dann gibt es jene, denen es plötzlich schlecht geht. Sie sind erschöpft und haben Fieber. Gewisse leiden extrem unter Atemnot. Andere merken davon nichts – aber ihre Werte zeigen uns, dass es der Lunge nicht gut geht.

Ende letztes Jahr wurden teilweise bis zu 180 Covid-Patienten in den Aargauer Spitälern behandelt. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Im Dezember war es für mich emotional fast etwas einfacher, weil ich die Abläufe kannte und wusste, was zu tun war. Ich fand es Ende Oktober schwieriger, als die Fallzahlen einfach gestiegen sind und man nicht wusste, wann es aufhört und wie schlimm es wird.

Haben Sie die Zahlen verfolgt?

Sie haben mich interessiert, weil unsere Erfahrung hat uns gelehrt, dass die Fallzahlen ein gutes Indiz dafür sind, was auf die Spitäler zukommen wird. Steigen sie, spüren wir das ungefähr zwei Wochen später auf der Abteilung.

Der Fokus lag stark auf den verfügbaren Intensivbetten.

Zurecht. Die Intensivbetten waren das Problem. Es ist einfacher, eine zusätzliche Bettenstation zu eröffnen, als mehr Intensivbetten und vor allem das dafür nötige Fachpersonal zu organisieren.

Hatten Sie wegen der hohen Auslastung der Intensivstationen mehr schwerkranke Patienten auf der Bettenstation?

Ja. Wir hatten schon auch Patienten, die man vor Corona auf der Intensivstation betreut hätte. Das hat für uns die Arbeit anstrengender und technisch anspruchsvoller gemacht. Viele Patienten brauchten Atemunterstützung durch Sauerstoff und Druckluft. So konnten sie stabilisiert oder die Zeit bis zur Verlegung auf die Intensivstation überbrückt werden. Es war halt nicht immer sofort ein Bett frei.

Wie sind Sie damit umgegangen?

Es ist nicht einfach, wenn man genau weiss, dass wir auf der Allgemeinabteilung unsere Möglichkeiten ausgeschöpft haben. Aber es gab halt manchmal nicht sofort eine andere Möglichkeit. Wenn es kein freies Bett gibt, gibt es keines. Eine Lösung wurde immer gefunden.

Der Regierungsrat hat trotz hoher Fallzahlen lange gewartet, bis er strengere Massnahmen verfügt hat. Hat er die Situation unterschätzt?

Für mich war es schon schwer zu verstehen, warum die Politik nicht reagierte. Die Situation im Spital war schlimm. Immer mehr Patienten mussten auf die Intensivstation verlegt werden. Gleichzeitig waren die Menschen noch frisch und fröhlich am Einkaufen als gäbe es Covid nicht. Da dachte ich schon, man könnte ja handeln, bevor das Gesundheitswesen im Aargau kollabiert.

Hat sich die Regierung oder jemand von der kantonalen Verwaltung mal ein Bild vor Ort gemacht?

Regierungsrat Jean-Pierre Gallati war an Weihnachten auf den Covid-Abteilungen und im Testzentrum. Er hat auch etwas Süsses vorbeigebracht.

Erschwerend hinzu kamen krankheitsbedingte Ausfälle beim Spitalpersonal. Haben Sie sich selber auch angesteckt?

Ich liess mich zweimal testen – aber das Resultat war negativ. Wir hatten aber Ausfälle im Team wegen Corona. Um das zu überbrücken, mussten wir noch mehr Personal von anderen Stationen abziehen und wir hatten auch externe Mitarbeitende von Temporärbüros, damit keine Lücken entstanden.

War das tatsächlich eine Hilfe oder mehr eine zusätzliche Belastung?

Am Anfang der zweiten Welle halfen die Leute oft nur tageweise aus. Wir investierten viel Zeit, um ihnen die Abläufe und alles andere zu erklären und am nächsten Tag kam schon wieder eine neue Person. Inzwischen ist das anders. Die Leute bleiben mehrere Wochen oder sogar Monate. Das hilft extrem.

Im Hinblick auf eine mögliche dritte Welle hilft auch die Impfung. Sind Sie bereits geimpft?

Ja. Wir auf den Covid-Abteilungen durften im Gegensatz zu normalen Abteilungen bereits geimpft werden und für mich war klar, dass ich mich impfen lasse. Ich habe in meinem Team gesehen, was mit Menschen – auch jungen – passiert, die an Covid erkranken , dann wochenlang krankgeschrieben sind oder nur reduziert arbeiten können.

Seit dem 1. Oktober sind in den Aargauer Spitälern 256 Covid-Patienten gestorben. War der Tod präsenter als in anderen Jahren?

Definitiv. Wir hatten sehr viele Todesfälle auf der Station. Teilweise starb täglich ein Patient. Manchmal sogar mehrere pro Schicht. Auch wenn ich nicht jahrelange Berufserfahrung habe: Das ist schon aussergewöhnlich.

Haben Sie mit den Patienten oft über das Sterben gesprochen?

Das ist im Spital natürlich auch ohne Corona ein Thema. Was anders ist: Die Patienten sind ängstlicher, weil sie in den Medien viel über die Krankheit mitbekommen haben. Sie wissen nicht, was auf sie zukommt. Entsprechend wollen sie wissen, wie schlimm es sei oder was man tun könne.

Was passiert, wenn jemand stirbt?

Wir informieren den Arzt, damit er den Tod feststellen kann. Dann richten wir die Verstorbenen her. Wir waschen und kämmen sie und ziehen sie an. Danach dürfen die Angehörigen noch einmal vorbeikommen, um sich zu verabschieden – wenn sie das möchten. Anschliessend bringen wir die Verstorbenen in den Aufbahrungsraum.

Besuche sind nur erlaubt, wenn eine Person im Sterben liegt. Hatten die Angehörigen dafür Verständnis?

Die meisten hatten sehr viel Verständnis. Es gab natürlich solche, die angerufen haben, weil sie ihren Vater oder ihre Mutter gerne sehen wollten. Das ist absolut verständlich. Da mussten wir oder die Ärztin das Gespräch suchen. Ich habe das nie als Problem empfunden.

Und die Patientinnen?

Das ist für sie natürlich ein Einschnitt. Sie sind im Spital an einem fremden Ort mit fremden Menschen, es geht ihnen schlecht und dann dürfen sie nicht einmal Besuch empfangen. Deshalb waren wir schon für die meisten die erste Ansprechperson.

Haben Sie das als zusätzliche Belastung empfunden?

Das gehört dazu. Wenn ich etwas mit einem Patienten mache, spreche ich sowieso mit ihm. Diese Gespräche sind mindestens so wichtig, wie ihm Medikamente zu verabreichen oder eine Wunde zu verbinden.

Wie schaffen Sie es, die Erlebnisse nach Feierabend im Spital zu lassen?

Ich kann seit Corona schon schlechter abschalten als früher. Ich habe zuhause häufiger an Angehörige und Patienten gedacht. Es ist schon belastend, obwohl meine Schichten nur selten länger waren. Sie waren einfach viel intensiver.

Was hat Ihnen geholfen?

Ich habe versucht, abends trotzdem noch Sport zu machen, um abzuschalten. Geholfen haben mir auch Gespräche mit meinen Teamkolleginnen. Ich hatte den Eindruck, dass sie mich am besten verstehen. Privat war es nicht ganz einfach.

Warum?

Weil die Menschen aus meinem privaten Umfeld nicht aus eigener Erfahrung wissen, was es heisst, sich jeden Tag im Spital um Covid-Patienten zu kümmern. Sie kennen Corona nur vom Hörensagen oder aus den Medien.

Hat die Gesellschaft eine falsche Vorstellung von der Krankheit?

Ich habe schon das Gefühl, dass Corona teilweise zu wenig ernst genommen wurde und wird. Leute aus meinem privaten Umfeld kannten vielleicht jemanden, der zwar erkrankt war, aber nur ein bisschen gehustet hat. Im Spital hingegen sehe ich all jene Menschen, denen es sehr schlecht geht.

Denken Sie an etwas Konkretes?

Es ist die Situation an sich. Eine Station voller Menschen, die alle an derselben Krankheit leiden und denen es allen sehr schlecht geht. Das werden wir hoffentlich – wenn Corona durch ist – nicht noch einmal erleben. Die Krankheit ist unberechenbar. Das sind andere Krankheiten auch – aber jetzt liegt in jedem Bett ein Patient, bei dem man nicht wissen kann, wie es sich entwickelt.

Wie sind die Nächte im Spital?

Intensiver. Vor Corona hatten zwei Personen Nachtschicht. In der Hochphase haben wir nachts zu viert gearbeitet. Aktuell funktioniert es mit drei Personen. Wir machen regelmässig Kontrollrundgänge. Wir gehen von Zimmer zu Zimmer, um die Sauerstoffsättigung der Patienten zu messen, weil nicht alle merken, wenn die Lunge nicht mehr genug Sauerstoff aufnehmen kann.

In der ersten Welle haben die Menschen auf den Balkonen für das Pflegepersonal geklatscht. Was ist von dieser Solidarität geblieben?

Sie hat relativ schnell abgenommen. In der zweiten Welle hat man die Solidarität nicht mehr gespürt. Alle waren müde und es fehlte das Verständnis für die Massnahmen.

Enttäuscht Sie das?

Ich habe erwartet, dass die Solidarität nicht anhält. Wir reden ja nicht erst seit dem Frühling vom Personalmangel in der Pflege, sondern seit Jahren.

Sie sind 24 Jahre alt. Mit welchem Gefühl blicken Sie in die Zukunft?

Bedingt durch den Fachkräftemangel wird der Job sicher noch intensiver werden. Es entscheiden sich immer weniger Menschen für den Pflegeberuf, gleichzeitig gibt es immer mehr, die den Job wechseln. Dazu kommt die demografische Entwicklung. Wie sich all das auf meinen weiteren Werdegang auswirkt, werden wir sehen. Ich hoffe, dass die Politik den Fachkräftemangel nun ernster nimmt.

Können Sie nachvollziehen, dass jemand aus dem Beruf aussteigt?

Ja. Der Job ist sehr intensiv und man erlebt zum Teil sehr belastende Situationen. Ausserdem arbeitet man im Schichtbetrieb.

Wollten Sie auch schon einmal hinschmeissen?

Ich arbeite seit ich die Schule abgeschlossen habe in der Pflege und mag meinen Beruf sehr. Für mich war es nie ein Thema aufzuhören. Aber ich habe mich im letzten Jahr schon gefragt, warum ich auf der Covid-Station arbeite. Es gäbe andere Bereiche, die weniger intensiv gewesen wären. Gleichzeitig bin ich auch stolz auf das, was wir täglich leisten. Und es kommt auch Dank von den Patientinnen und Patienten zurück. Das ist einer der schönen Aspekte meines Berufs.

Rebecca Haas

Die 24-Jährige arbeitet seit eineinhalb Jahren als diplomierte Pflegefachfrau auf der medizinischen Abteilung des Kantonsspitals Aarau (KSA). Seit Mai kümmert sie sich vorwiegend um Covid-Patientinnen und Covid-Patienten. Sie hat im Pflegeheim Sanavita in Windisch eine Lehre als Fachfrau Gesundheit gemacht. Danach hat sie den Bachelor an der Fachhochschule absolviert. Rebecca Haas wohnt in Brugg.
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