Offenheit, Mut, Toleranz – und die Frau wäre keine Ausnahme mehr

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«Männer und Frauen können voneinander lernen und profitieren», sagt Elisabeth Riechsteiner, ehemalige Trainerin der Schweizer U18-Juniorinnen-Auswahl und der Handballerinnen des TV Zofingen. (Bild: Andi Leemann)

Am 7. Februar 1971 hat die Schweiz als eines der letzten Länder Europas das Frauenstimmrecht eingeführt. Heute, 50 Jahre nach diesem längst fälligen Schritt, hinkt der Sport dieser Entwicklung meilenweit nach. Noch immer stellt eine Frau, die eine Männer-Mannschaft trainiert, die Ausnahme dar. Umgekehrt ist ein Mann, der ein Frauenteam coacht, nichts Aussergewöhnliches. Warum hat sich dieses Bild in unserer Gesellschaft so stark eingeprägt? «Das ist eine schwierige Frage», sagt Rahel Wehrli. Die 31-jährige Strengelbacherin coacht gemeinsam mit Stella Petermann beim Basketballclub Olten-Zofingen gleich zwei männliche Equipen: Die zweite Auswahl der Aktiven in der 4. Liga und die U20-Junioren. «Im Sport ist bei Männern, vor allem im Team, viel Adrenalin im Spiel. Sie sind direkter und impulsiver», sagt Wehrli, die sich manchmal den einen oder anderen Kommentar gefallen lassen muss. «Männer sind grundsätzlich undankbarer, das darf man aber nicht persönlich nehmen», sagt sie.

Ein Problem mit diesem Umgangston bekundet weder Wehrli noch Petermann. Als Spielerinnen, die im Verlauf ihrer Karriere mit leistungsorientierten Coaches zusammengearbeitet haben, sind sie abgehärtet. «Als Juniorin in Brunnen waren die Einheiten viel härter. Wem das nicht passte, der wurde ersetzt, weil der Trainer wegen der Breite des Kaders eine grosse Auswahl hatte», sagt Stella Petermann. Solche Methoden seien heute im weiblichen Amateurbereich nicht mehr erfolgversprechend. «Da würden alle davonlaufen und zu einem anderen Verein wechseln», ist Rahel Wehrli überzeugt. Beim anderen Geschlecht erfüllt die «rohe» Behandlung ihren Zweck, was sich auch mit ihren Prinzipien als Trainerin deckt. «Stella und ich sind beide nicht der Typ, der die Spieler verhätscheln will, sondern Leistung fordern. Das ist bei Männern eher möglich als bei Frauen», sagt Wehrli, die als Beispiel die Einstellung bei der Konditionsarbeit nennt: «Für Männer muss es immer eine Herausforderung oder gar einen Wettkampf geben.»

Je länger die Ausbildung dauert, desto weniger Frauen sind dabei
Die gemachten Erfahrungen liefern für Rahel Wehrli den Beweis, dass es neben Biss und Wille vor allem Durchsetzungsvermögen braucht, um als Frau etwas zu erreichen. Das gelte auch für Weiterbildungskurse, wie Stella Petermann erklärt. «Es ist teilweise erschreckend, wie man an Lehrgängen behandelt wird», sagt sie. Vielen Frauen werde schlicht nicht zugetraut, bei einem Männerteam an der Seitenlinie zu stehen. So überrascht es nicht, wenn mit Fortdauer der Ausbildung die Anzahl an Kandidatinnen für einen Trainerposten abnimmt. «Das Bild hat sich eingeprägt, dass Sport eine Domäne der Männer ist, in der sie stark sein müssen und in der die Frau nichts zu suchen hat», klagt Petermann. Ob der Verband daran etwas ändern kann, bezweifelt sie. «Die Initiative müsste von den Frauen kommen, aber diesen Schritt trauen sich zu wenige zu.»

Fragwürdige Erlebnisse sind Rahel Wehrli und Stella Petermann auch in ihrem Trainerinnenalltag widerfahren. Vor einem Heimspiel ihrer U20-Junioren suchte die Ehefrau des gegnerischen Trainers die Halle, worauf Wehrli ihr den Weg erklärte. «Sie meinte, dass das nicht stimmen kann, weil die Junioren schon gross sind. Als ich ihr erklärte, dass sie aber da spielen und ich das wisse, weil ich die Trainerin des BCOZ sei, erhielt ich von ihr nur einen ungläubigen Blick als Antwort», erzählt Wehrli, «da war ich baff.»

Immerhin: Beim BC Olten-Zofingen ist dem Duo die Anerkennung seit jeher gewiss. «Nach dem Training oder den Spielen gehen wir mit den Jungs meistens etwas essen. Sie stört es nicht, dass wir Frauen dabei sind. Für sie sind wir einfach die Coaches», sagt Rahel Wehrli. Sie hofft, dieses Bild bald öfters zu sehen. «Es ist gang und gäbe, dass Männer solche Positionen einnehmen, umgekehrt nicht. Dabei muss doch die Leistung entscheidend sein, nicht das Geschlecht», findet Wehrli.

Swiss Volley versucht wenn immer möglich zu fördern und fordern
Dass manchen Frauen der Mut für das Coaching eines Männerteams fehlt oder zurückhaltend agieren, kann Deborah Frey bestätigen. Die Oftringerin, Mitglied des Zentralvorstands bei Swiss Volley, betont aber, dass sich die Kultur generell ändern müsse. «Es braucht eine Offenheit gegenüber beiden Geschlechtern», sagt Frey. Swiss Volley nimmt in dieser Hinsicht seine Vorbildfunktion wahr und hat im Herbst 2019 Saskia van Hintum als Frauen-Nationaltrainerin engagiert oder zuletzt für einen offenen Posten im Zentralvorstand explizit eine weibliche Nachfolgerin gesucht. «Wir versuchen zu fördern und fordern, wo es geht», sagt Deborah Frey. Wie viel dieser Einsatz ermögliche, hange auch von den vorhandenen, personellen Ressourcen ab. «Bei der Trainersuche entscheidet am Ende das Team, zudem muss die gewünschte Person auch verfügbar sein», gibt Frey zu Bedenken.

Positiv stimmt sie die Entwicklung in der Nationalliga A der Frauen. In der laufenden Saison werden drei von zehn Mannschaften von einer weiblichen Person geführt. «Das freut mich, denn der Weg dorthin ist hart und von vielen Faktoren abhängig», sagt Frey und stellt Fragen wie «Wird man angefragt, wenn sich die Möglichkeit bietet?» oder «Wie stark ist man in der Region des entsprechenden Klubs präsent?». Ihrer Ansicht nach brauche es die Bereitschaft und die Akzeptanz, um den Sprung zu den Aktiven nicht auf direktem Weg, sondern vielleicht über den Assistenzposten zu schaffen.

Mitunter wegen dieser Hürde findet man im Nachwuchsbereich eher eine Trainerin vor – wie es auch im Schweizer Volleyball der Fall ist. Obwohl die Ausbildung anders abläuft als bei den Aktiven, kann das eine ebenso reizvolle Aufgabe sein. «Die Arbeit mit dem Nachwuchs ist sehr wertvoll und wichtig», sagt Deborah Frey, «man drückt den jungen Spielerinnen und Spielern den Stempel auf und kann ihnen viel für die Zukunft mitgeben.»

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Die ehemalige Schweizer Nationaltorhüterin Marisa Brunner fordert auch bei der Benützung der Infrastruktur gleiche Massstäbe für Mann und Frau. (Bild: Alexander Wagner)

 

Für Marisa Brunner liegt die Ursache des Problems in der Rollenverteilung. «Die Männer trainieren oder besuchen Trainerkurse, während die Frauen zuhause bleiben und die Kinder hüten», sagt die 38-jährige, frühere Fussball-Torhüterin, die mehrere Jahre beim SC Freiburg in der Bundesliga und für die Schweizer Nationalmannschaft zwischen den Pfosten stand. Seit zwei Jahren ist Brunner als Torhütertrainerin und Vorstandsmitglied bei den FC Aarau Frauen tätig – womit sie zu einer Minderheit gehört. «Es gibt tolle Trainerinnen wie Nora Häuptle vom SC Sand oder Inka Grings, die kürzlich die FC Zürich Frauen übernommen und klar signalisiert hat, dass sie sich ab Sommer beim männlichen Nachwuchs einbringen will», sagt Brunner. Häuptle und Grings sind aber die ominöse Ausnahme. «Dadurch fehlen die Vorbilder, wie eine Karriere als Trainerin organisiert werden kann», erklärt sie.

Auch in anderen Bereichen fordert Marisa Brunner Gleichberechtigung, etwa beim Zugriff auf die Trainingsplätze oder der Benützung der Infrastruktur und der medizinischen Abteilung. «Bei der Platzeinteilung werden, von der Qualität der Liga her gesehen, starke Frauenteams trotzdem oftmals erst am Schluss berücksichtigt und erhalten das letzte Trainingsfenster», bemängelt sie. Damit sich an dieser Situation etwas ändert, fordert Brunner eine Anpassung des Betreuungskonzepts und «endlich» eine gemeinsame Elternzeit.

Mit neuen Strukturen ein Zeichen gesetzt
Die nackten Zahlen in ihrem Heimatkanton unterstreichen Marisa Brunners Sicht der Dinge. 90 Prozent aller Lizenzen im Einzugsgebiet des Aargauischen Fussballverbands (AFV) sind von einem Mann eingelöst worden. «Bei diesem Übergewicht ist es naheliegend, dass mehr männliche Personen nach dem Karriereende als Funktionär oder Trainer einsteigen», erklärt AFV-Geschäftsführer Hannes Hurter. Weil sich der Mädchen- und Frauenfussball in einem starken Umbruch befindet und schweizweit Bestrebungen zu dessen Förderung vorhanden sind, kann sich Hurter gut vorstellen, dass die Zuwachsquote der Frauen dereinst höher ist als jene der Männer. «Dann hätte es auch mehr potenzielle Kandidatinnen für einen Funktionärsposten», sagt er.

Auch der AFV trägt seinen Teil zu dieser Entwicklung bei. So wurde das Förderprogramm RA13, eine Auswahl mit den besten Mädchen aus dem Aargau, gecoacht von Barbara Henzi und Esmeralda Büchler, zum Prioritätsprojekt erklärt. Ausserdem präsentierte der Verband letzten Herbst Silvia Augstburger als neue Mädchen- und Frauenverantwortliche. «Mit dieser Strukturanpassung wollten wir ein Zeichen setzen», so Hurter. Nun liegt der Ball bei den Klubs. «Es braucht das Interesse der Vereine, um unsere Angebote umzusetzen», sagt Hannes Hurter.

Als positives Beispiel erwähnt er den FC Fislisbach: Beim Zweitligisten fungiert Ramona Armuzzi seit letztem Sommer als Assistentin von Cristian Iglesias und Christian Jäggi. «Sie wird total akzeptiert, das Geschlecht spielt überhaupt keine Rolle», freut sich Hurter. Er ist deshalb überzeugt, dass auch andere Klubs offen seien für solche Lösungen. «Es spricht nichts dagegen», sagt Hurter, «Frauen und Männer müssen vorurteilslos aufeinander zugehen.»

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Die Leistung müsse entscheidend sein und nicht das Geschlecht, findet Rahel Wehrli, Spielerin und Trainerin beim BC Olten-Zofingen. (Bild: Michael Wyss)

 

In diesem Punkt sieht Elisabeth Riechsteiner ein akutes Problem: «Eine Frau kann fachlich noch so gut sein, die Akzeptanz in unserer Gesellschaft für eine Frau an der Seitenlinie fehlt», sagt die frühere Trainerin der Handballerinnen des TV Zofingen, die mehrere Jahre als Leiterin der Abteilung Trainerbildung des Schweizerischen Handballverbandes amtete und heute als Geschäftsführerin von nachwuchssport.ch tätig ist. Das latente Misstrauen – auch im beruflichen Alltag – gegenüber dem weiblichen Geschlecht koste enorm viel Energie. «Ich habe mich schon oft gefragt, woran das liegt. Ist es Neid? Oder Angst um die eigene Position?», sagt Riechsteiner. Ihre Schlussfolgerung: «Jeder hat einen anderen Grund.»

Damit dieser Zustand bald der Vergangenheit angehört, ermutigt Elisabeth Riechsteiner an ihren Kursen häufig Frauen, ihre Trainerausbildung voranzutreiben. Doch auch die Männer müssten mit ins Boot geholt und aufgeklärt werden. «Wir müssen offen für solche Ideen sein, denn wir können alle voneinander lernen und profitieren», sagt Riechsteiner. Als wichtigstes Mittel auf dem Weg zur Gleichstellung von Mann und Frau sieht sie mutige Führungskräfte, die für ihren Entscheid einstehen und nicht bei den ersten Gegenstimmen ins Wanken geraten würden. «Unter der Präsidentschaft von Hanspeter Wyss durfte ich die Frauenabteilung beim TV Zofingen Handball aufbauen. Er hat unserem Gremium vertraut und liess uns machen», erzählt Riechsteiner.

Acht Jahre später durften die TVZ-Frauen den Aufstieg in die Nationalliga B bejubeln. «Das zeigt, was möglich ist, wenn die Leute einem Raum und Zeit zur Verfügung stellen», sagt Riechsteiner. Gleichzeitig wünscht sie sich Vorreiterinnen und Kämpferinnen mit einem langen «Schnauf». «Wenn nur schon eine scheitert, holt man die grossen Buchstaben hervor», sagt Riechsteiner. «Passiert das einem Mann, sagt niemand etwas.»

«Wir sind uns selber lieb»
Ein erfreulicheres Bild zeigt sich in der Leichtathletik, wo viele Trainerinnen tätig sind. Und weil in den Nachwuchskategorien mehr Mädchen als Knaben vertreten sind, ist der Pool an möglichen Nachfolgerinnen entsprechend grösser im Vergleich zu anderen Sportarten. «Leichtathletinnen und -athleten sind vom Typ her offener», sagt Simone Bohner, U18-Trainerin beim TV Zofingen Leichtathletik, «ich arbeite mit Werfern zusammen, die 20 Jahre und älter sind und die kein Problem damit haben, Tipps von mir anzunehmen».

Die seit Jahren gewohnten Strukturen eines geschlechtlich durchmischten Trainings haben dafür gesorgt, dass die Frage bezüglich des Geschlechts der leitenden Person nicht relevant sei. Hinzu kommt der Status als Randsportart: «Man kann sich nicht aussuchen, mit wem man trainieren will, sondern muss froh sein um jede oder jeden, der diese Arbeit macht», sagt Bohner und ergänzt: «Wir sind uns selber lieb.»

Von dieser Toleranz dürften sich andere Sportarten ein Stück abschneiden. «Ich kann eine gute Trainerin sein, ohne vorher super Fussball oder Handball gespielt zu haben. Das spricht mir meine Fachkompetenz nicht ab», sagt Simone Bohner. Wie alle Beteiligten sehnt auch die Zofingerin ein baldiges Ende der Ungleichstellung von Mann und Frau herbei. Ihr sei aber bewusst, dass sich am Ist-Zustand so schnell nichts ändern werde. «Ich hoffe, es wird sich in den nächsten zehn Jahren etwas ausgleichen», sagt Bohner.

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