Kantonsärztin Yvonne Hummel zieht nach einem Jahr Corona Bilanz und warnt: «Wir dürfen die Impfungen nicht gefährden»

yvonne_hummel_bild_fabio_baranzini.webp

Es ist Samstagmittag. Wir treffen Yvonne Hummel im Sitzungszimmer des Departementes Gesundheit und Soziales in Aarau. Der Terminkalender ist auch am Wochenende eng. Das Interview findet am Rande einer ausserordentlichen Regierungssitzung zu den Coronamassnahmen statt. Die Kantonsärztin spielt dabei Kraft ihres Amtes eine wichtige Rolle.

Erinnern Sie sich noch an den Tag, als der Kanton Aargau den ersten Coronafall meldete?

Klar, ziemlich genau, es war der 26. Februar 2020. Das war ein einschneidendes Ereignis für mich.

Sie wurden über Nacht eine Protagonistin in der Pandemiepolitik des Kantons. Waren Sie sich bewusst, was auf Sie zukommen wird?

Nach dem ersten Interview war mir schon klar, dass ich da eine zentrale Rolle spielen werde. Welche mediale Dimension das annehmen sollte, konnte ich aber noch nicht abschätzen.

Wir führen dieses Interview an einem Samstag. Dabei sagten Sie letzten Frühling, Sie würden versuchen, trotz Ausnahmezustand die Wochenenden frei zu halten. Das schaffen Sie offensichtlich nicht.

Nein, jedenfalls nicht oft. Auch dieses Wochenende nicht. Der Regierungsrat tagte zu den neuesten Corona-Vorschlägen des Bundesrates.

Sind Sie da jeweils direkt involviert oder geben Sie Ihrem Chef, Gesundheitsdirektor Jean-Pierre Gallati, einfach Ihre Empfehlung mit?

Eine solche Vernehmlassung ist ja breit abgestützt, da werden alle Departemente miteinbezogen.

Aber Ihre Stimme als Kantonsärztin ist mitentscheidend, oder?

Ich bringe natürlich die medizinisch-epidemiologische Situation mit der entsprechenden Empfehlung ein und diese findet auch Gehör.

Gesundheitsdirektor Gallati und Sie wirken gegen aussen als sehr homogenes Duo. Sind Sie wirklich immer gleicher Meinung?

(schmunzelt) Ich denke, wir sind beides Menschen mit grosser Sensibilität für rationale Argumente. Und wir haben über weite Strecken das gleiche Werteverständnis.

Müssen Sie ihn nie umstimmen?

Manchmal steht die medizinische Sicht im Vordergrund, manchmal die politische. Aber jeder Entscheid hat eine rationale Grundlage.

Vertreten Sie als Kantonsärztin im Zweifelsfall eine restriktive Linie, wenn es um Lockerungen geht?

Ich bin Vertreterin der Volksgesundheit. Dabei geht es nicht nur um die rein medizinische Sicht. Eine gesamtheitliche Betrachtung ist wichtig. Dazu gehören immer auch Überlegungen zu psychologischen, sozialen oder wirtschaftlichen Auswirkungen.

Genau hier setzen Kritiker ein. Sie sagen, es gebe mehr Depressionen und Selbstmorde wegen des Lockdowns. Sind das nur Befürchtungen oder gibt es Fakten dazu?

Es gibt noch nicht viele Daten, um das zu erhärten. Das BAG hat kürzlich eine Studie in Auftrag gegeben, welche die psychische Gesundheit in dieser Coronakrise untersucht.

Woher holen Sie sich Ihre Informationen für Ihre Entscheide? Vor allem vom BAG oder hören Sie auch auf andere Spezialisten?

Das BAG ist die zuständige Behörde für uns. Aber für mich sind zusätzlich die Infektiologen an den Aargauer Spitälern sowie der Vertreter der Ärzteschaft wichtig. Mit ihnen bin ich wöchentlich im Austausch. Und selbstverständlich lese ich viel Fachliteratur. Wir alle wissen nicht genau, was die richtige Lösung ist, um aus dieser Pandemie zu kommen. Darum ist es wichtig, sich mit Informationen breit abzustützen.

Wo grenzen Sie sich ab gegen Positionen des BAG?

Wir führen nicht einfach aus, was das BAG uns sagt. Es gibt schon Situationen, in denen die Informationen des BAG zu unkonkret sind und uns für die Umsetzung nicht weiterhelfen.

Wo zum Beispiel?

Beim Umgang mit den Mutanten ist vieles noch unklar. Wie gehen wir mit Infizierten mit mutierten Viren um? Soll man die jetzt im Contact Tracing anders behandeln? Nach einigen Wochen Erfahrung haben wir die Regeln von uns aus angepasst. Das erweiterte Contact Tracing mit Anordnung von Massnahmen für Kontaktpersonen von Kontaktpersonen ist da nicht mehr möglich.

Was ändert das mutierte Virus?

Bei einer Infektion mit mutiertem Virus testen wir auch die engen Kontaktpersonen von Betroffenen. Es gibt aber kein fixes Schema, man muss immer den Einzelfall und das Umfeld genau analysieren. Contact Tracing ist ein leides Thema.

Mögen Sie noch darüber reden?

Ja klar, warum?

Das Contact Tracing hat einen angeschlagenen Ruf wegen der Pannen, die an die Öffentlichkeit gelangen.

Jeder Fall, der nicht gut läuft, gibt uns Anhaltspunkte, was wir besser machen können. Bisher wurden über 33'000 infizierte Personen und über 80'000 Kontaktpersonen seit dem 1. Oktober 2020 dem Conti gemeldet. Dass es dabei zu Einzelfällen kommt, bei denen Probleme auftreten, ist unvermeidbar.

Sie haben das Personal auf rund 100 Stellen ausgebaut. Jetzt sind es aber nur noch etwa 60 bis 80 Fälle pro Tag. Hat das Contact Tracing Center noch genug zu tun?

Es stimmt, das Contact Tracing ist zurzeit nicht zu 100 Prozent ausgelastet. Wir nutzen das, um Prozesse, Software, Schulung etc. zu verbessern, damit das Contact Tracing auch bei einem erneuten Fallzahlenanstieg gut funktioniert.

Müssten Sie nicht Stellen abbauen, jetzt, wo die Pandemie abflacht?

Mit den Mutationen, die zunehmen, 30 bis 50 Prozent aller Infektionen mittlerweile, steigt die Ansteckungsgefahr. Und mit den Lockerungen, die man jetzt beschliesst, wird die Infektionsrate eher wieder steigen. Da wäre es nicht sinnvoll, jetzt das Contact Tracing abzubauen. Damit würde man bei einer dritten Welle wieder eine rasche Überlastung riskieren.

Sie gehen davon, dass es mit den Ladenöffnungen und anderen Lockerungen im März wieder mehr Coronafälle geben wird?

Aus einer rational-epidemiologischer Sicht müssen wird davon ausgehen, dass die Fallzahlen ansteigen. Wir können nicht sicher abschätzen, wie schnell und wie stark der Anstieg sein wird. Wir hoffen natürlich, dass die Fälle nur minim zunehmen, damit wir die Pandemie in den Griff bekommen.

Apropos «in den Griff bekommen». Im Dezember sorgte der Aargau für Aufsehen und teils Verärgerung, weil er im Alleingang Läden und Restaurants schloss, obwohl es kurz vorher noch hiess, man habe alles im Griff. Sie selbst sagten Anfang Dezember, es brauche keine weiteren Massnahmen. Erklären Sie uns die Kehrtwende?

Zu Beginn der zweiten Welle stiegen die Fallzahlen sehr schnell an und stagnierten von Mitte November bis anfangs Dezember auf hohem Niveau. Während diesen Wochen war der Fallzahlenverlauf wechselhaft – mit Zunahmen und Abnahmen. Eine Prognose zur weiteren Entwicklung war nicht möglich. Dann gingen die Zahlen schnell hoch. Die Rückmeldungen der Spitäler, sie könnten eine weitere Zunahme der Intensivpatienten nicht mehr bewältigen machten klar: Wir müssen handeln und zwar sofort und rigoros.

Hat Sie das gelehrt, in der aktuellen Situation noch vorsichtiger zu sein?

Ich versuche, weiterhin die gesamtheitliche Sicht einzunehmen. Aber ja, eine Erkenntnis aus der Dezember-Situation ist sicher, nicht zu schnell zu öffnen, sonst gibt es einen Jo-Jo-Effekt und man muss bald wieder schliessen.

Was sagen Sie den Beizern, die sich auf die offizielle Statistik beziehen, wonach Restaurants als Ansteckungsorte marginal sind?

Bei 50 Prozent der Ansteckungen ist der Ort unklar. Was man mittlerweile aber weiss: Mobilität ist ein entscheidender Faktor. Darum darf die Mobilität nur schrittweise erhöht werden, weshalb man nur in Etappen öffnen darf. Wir müssen die Fallzahlen jetzt tief halten, um die Wirksamkeit der Impfungen nicht zu gefährden.

Warum will der Regierungsrat dann riskieren, die Restaurants ab 1. April auch schon im Innenbereich zu öffnen?

Der Kanton Aargau regt an, auch ein Worst-Cace-Szenario vorzubereiten. Wenn möglich, sind die Restaurants ab 1. April zu öffnen, da fraglich ist, wie lange das Gastro-Gewerbe eine behördliche Betriebsschliessung noch verkraften kann. Hier ist die gesamtheitliche Betrachtung wichtig.

Neben Impfen setzen Sie auf Massentests. Bundesrat Berset geht es offenbar zu wenig schnell. Er macht Druck auf die Kantone und der «Tages-Anzeiger» schrieb, der Aargau sei noch nirgends …

... das stimmt überhaupt nicht. Im Gegenteil: Bei Massentests für Personen ohne Covid-19-Symptome sind wir der erste der grossen Kantone, der diese einführt. Das wird ein wichtiger Pfeiler, um Covid-19-Ausbrüche zu verhindern.

Sie starten am 1. März mit Massentests in Schulen und Heimen. Woher wissen Sie, ob genügend mitmachen, damit es wirkt?

Wir haben von den Schulen ein sehr positives Feedback und ich bin überzeugt, dass auch viele Eltern das mittragen.

Die Massentests sind ein Pilotprojekt. Wie geht es danach weiter?

Nach etwa einem Monat wollen wir die Massentests auf weitere Schulen, Pflegeheime und Betreuungsinstitutionen ausweiten. Später können auch Firmen einbezogen werden.

Was sind die Kriterien?

Wir berücksichtigen in erster Linie Unternehmen mit erhöhtem Ansteckungsrisiko. Industriebetriebe, Logistikfirmen. Dort wo die Schutzkonzepte nicht ausreichen, weil die Leute physisch eng zusammenarbeiten müssen.

Könnten Firmen ihre Mitarbeiter nicht von sich aus testen, ohne auf den Kanton zu warten? Oder braucht es dafür eine Bewilligung?

Nein, es braucht kein Gesuch dafür. Jede Firma ist frei, von sich aus zu testen. Sie muss es aber selbst zahlen. Der Bund finanziert vorläufig nur Massentests von Firmen, die nachweisen können, dass sie auch mit Schutzkonzept einem erhöhten Ansteckungsrisiko ausgesetzt sind.

Massentests sind das eine. Aber die Hoffnungen beruhen vor allem auf dem Impfen. Zuerst hiess es, bis Sommer sind alle Impfwilligen durchgeimpft. Jetzt vertröstet man auf Herbst. Was glauben Sie?

Das kann ich nicht voraussagen. Entscheidend ist, wann wieviel Impfstoff eintrifft. Und das ist zurzeit der Unsicherheitsfaktor. Wir sind jedenfalls vorbereitet.

Wir gehen mit viel Ungewissheit ins zweite Coronajahr. Was ist Ihr persönliches Rezept, um in diesem Dauerkrisenmodus zu bestehen?

Es ist alles eine Frage der inneren Haltung. Ich akzeptiere die Umstände, die ich nicht ändern kann, suche Lösungen und nehme einen Tag nach dem anderen.

Was nehmen Sie mit aus dem ersten Coronajahr?

Was mich inspiriert: Die Solidarität in der Gesellschaft ist wirklich sehr gross. Auch nach einem Jahr tragen die Allermeisten der fast 700'000 Aargauer mit – auch wenn sie nicht mit allen Massnahmen einverstanden sind. Das geht bei aller Kritik manchmal unter.

Zur Person: Karriere, Kanton, Katzen

Yvonne Hummel ist seit dem 10. Februar 2020 Kantonsärztin im Departement Gesundheit und Soziales von Regierungsrat Jean-Pierre Gallati. Die 51-Jährige hat an der Universität Basel Medizin studiert und verfügt über den Facharzttitel für Innere Medizin und Medizinische Onkologie. Yvonne Hummel hat während 17 Jahren als Ärztin in verschiedenen Spitälern in der Schweiz gearbeitet und hatte auch eine Praxis. 2013 hat sie den Fähigkeitsausweis Vertrauensarzt erlangt. Anschliessend leitete sie unter anderem den Vertrauensärztlichen Dienst der Sanitas Krankenversicherung. Yvonne Hummel ist verheiratet und wohnt mit ihrem Mann und vier Katzen in Sins. (az)

Ihr Eintrag wird nach einer Überprüfung online gestellt.
Keine Kommentare vorhanden
Heute auf zofingertagblatt.ch
Frage des Tages
Marktplatz
regiostellen.ch
Blum Innenausbau AG
Schreinermonteur, Mitarbeiter, Dagmersellen
Alberati Architekten AG
Architekt|in 60-80% / dipl. Bauleiter|in HF 80%, Mitarbeiter, Zofingen
inside Personaldienstleistung AG
Inside Personaldienste, Mitarbeiter,
Flückiger Holz AG
Produktionsmitarbeiter/Maschinisten 80-100%, Mitarbeiter, Schöftland
Kefin Lindig
Verkaufsberater, Mitarbeiter, Pratteln
Kefin Lindig
Verkaufsberater, Mitarbeiter, Pratteln
regioimmo.ch
Abo-Service

Normal-Abo (e-Paper/Digital inkl.)

Schnupper-Abo / Probe-Abo

Digital-Abo

Leserangebote
Partner