Eine gesunde Beziehung auch in der Pandemie – diese Tipps gibt eine Aargauer Paarpsychologin

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Für viele Paare ist Corona eine Zusatzbelastung, die es in der Beziehung kriseln lässt. Bild: Esther Michel (Symbolbild)

Plötzlich ist man sich näher als je zuvor. Homeoffice und Isolation stellen Paare auf die Probe. Paarpsychologin Isabella Bertschi aus Brugg sagt: «Die aktuelle Pandemie löst sehr viel Unsicherheit und damit psychischen Stress aus. Insbesondere nachdem sich nun zeigt, dass es sich nicht um eine kürzere, akute Krise handelt, sondern eine sehr langfristige Unsicherheit, deren Ende mittlerweile nicht mehr absehbar ist. Der damit verbundene Alarmzustand wird quasi zum ‹Dauerzustand›.»

Dieser Stress belaste Partnerschaften auf vielfältige Weise, wie die Arbeit von Professor Guy Bodenmann der Universität Zürich zeigt: «Man zieht sich zunehmend zurück, hat weniger Energie, um einfühlsam auf den anderen einzugehen. Wenn vermehrt Kinderbetreuung anfällt, diese parallel zu Homeoffice jongliert werden muss und es generell nur wenige Freizeitmöglichkeiten gibt, können Erlebnisse zu zweit weniger werden.

Dies kann zu schleichender Entfremdung führen und die Beziehung weiter belasten.»

Bodenmann entwickelte basierend auf seiner Forschung zu Stress und Partnerschaft das Angebot «Paarlife», welches der Beziehungspflege und Prävention von Partnerschaftsstörungen dient und für das auch Bertschi tätig ist.

Laut Isabella Bertschi ruft die Pandemie darum bei Paaren prinzipiell zwei Muster hervor: Die einen führt Corona zusammen, die anderen treibt es auseinander. Die Paarpsychologin sagt: «Die unsichere und belastende Situation kann bereits vorher bestehende Unstimmigkeiten und schwelende Konflikte verstärken. Andererseits kann sie Paare auch im positiven Sinn auf sich selbst zurückwerfen.»

Dies vor allem, wenn man sich auf das Positive fokussiere, etwa darauf, dass mehr entschleunigte Zeit zusammen zur Verfügung steht.

Digitale Sitzungen sind in der Paartherapie eher Ausnahmen

Im letzten Jahr sorgte Corona am Psychotherapeutischen Zentrum der Universität Zürich für eine verstärkte Nachfrage nach Einzel- und Paartherapien. Dr. Mirjam Kessler, Paartherapeutin und Arbeitskollegin von Bertschi, fasst zusammen:

«Die Leute sind stärker belastet und Corona ist fast immer ein Thema. Es gibt sonst kein einziges Thema auf dieser Welt, das in jeder Sitzung angesprochen wird.»

Wegen des Lockdowns verschoben sich im Frühling 2020 viele Sitzungen in den digitalen Bereich. Dies hätte sich mittlerweile wieder geändert, wie Bertschi sagt: «Aktuell finden therapeutische Angebote wieder hauptsächlich live statt. Online-Therapien sind die Ausnahme.» Dies gelte wegen der aktuellen Coronabestimmungen aber nicht für Workshops mit hohen Teilnehmerzahlen, wie sie Bertschi im kommenden März durchführt.

Für Paarlife betreut die Psychologin über Zoom einen dreiteiligen virtuellen Abendkurs, der ein niederschwelliges Angebot zur Partnerschaftspflege ist. Isabella Bertschi führt aus: «Es handelt sich um ein Format mit inhaltlichen Inputs zu wichtigen Aspekten der Liebe und wie man sie im Alltag pflegen kann. Ergänzt werden die Inputs durch regelmässige Übungen, welche die Paare jeweils zu zweit durchführen.» Ziel sei die Sensibilisierung für die Wichtigkeit von Partnerschaftspflege sowie das Mitgeben konkreter Ansatzpunkte.

Emotionale Schwingungen lassen sich im Virtuellen nicht wahrnehmen

Das digitale Setting der Workshops hat Vor- und Nachteile. Sie sind gemäss Isabella Bertschi vergleichbar mit denen von virtuellem Unterricht: «Der wichtigste Vorteil ist sicher die wegfallende Anreise, welche ortsungebundene Gruppen ermöglicht.»

Bei Paartherapien, in denen tiefergehende Konflikte gelöst werden sollen, seien die Unterschiede von Angesicht-zu-Angesicht-Sitzungen und der Online-Variante deutlicher: «Subtile zwischenmenschliche Vorgänge sowie emotionale Schwingungen lassen sich im virtuellen Rahmen nicht gleich wahrnehmen. Unter anderem, weil die Bildqualität Nonverbales meist nicht genau erkennen lässt, der Bildausschnitt nur auf das Gesicht beschränkt oder die Tonqualität nicht gleich ist, wie wenn man sich gegenübersitzt.»

Die grösste Hürde im virtuellen Setting bestehe darin, dass es für die Paartherapeuten nur sehr schwer möglich sei, das Gespräch via Blickkontakt oder Ähnlichem zu steuern. Bertschi sagt: «Das erschwert die Durchführung von praktischen Übungen, bei denen das Paar direkt miteinander spricht, während die Therapeutin vereinzelt Hilfestellung leistet, beispielsweise einen Sprecherwechsel einleitet.»

 

Nichtsdestotrotz habe es sich bereits vor der Pandemie gezeigt, dass psychotherapeutische Angebote auch auf Distanz funktionieren. Dies betreffe aber vor allem Einzelgespräche. Isabella Bertschi fügt an: «Ich denke, in Zukunft wird es sich in gewissen Bereichen in Richtung Hybrid-Form bewegen, die die Vorteile von Face-to-Face-Kommunikation und virtuellem Setting möglichst gut kombiniert.»

Die Wichtigkeit des persönlichen Kontakts werde aber wohl nie ganz verschwinden, weil er so zentral für den «Wirkfaktor Nummer 1» von Psychotherapie sei: die Beziehung zwischen Therapeut und Klientin.

Unromantische Ratschläge, die man trotzdem versuchen sollte

Unabhängig davon, ob ein therapeutisches Angebot in Anspruch genommen wird oder nicht, hat Isabella Bertschi für Paare, die die aktuelle Situation besser bewältigen wollen, einen klaren Rat: «Reden Sie miteinander darüber, wie es Ihnen geht und sagen Sie, was Sie brauchen. Hören Sie einander aber auch gut zu. Corona ist jetzt noch ungewohnt und nur weil man sich vor der Pandemie zu kennen glaubte, weiss man in der aktuellen Situation nicht automatisch alles über die Partnerin oder den Partner.»

Um zudem Nähe und Distanz im Homeoffice sinnvoll zu regulieren, gelte es, als Paar zu überlegen, wo Rückzugsmöglichkeiten nötig und umsetzbar seien. Bertschi sagt:

«Eine Person braucht eine Joggingrunde, um nach dem Tag im Homeoffice einen klaren Schnitt zum Feierabend zu machen. Jemand anders benötigt über Mittag eine halbe Stunde Ruhe, um zu lesen oder zu meditieren.»

Bei der Klärung der Wünsche sei es einerseits wichtig, eigene Bedürfnisse zu äussern, auch wenn sich diese von denen des Partners unterscheiden. «Andererseits braucht es einen kreativen Willen, die Dinge neu anzugehen. Das gilt für Routinen im Paaralltag wie auch für die Aufteilung der Wohnräume.» Solche Strukturen können Kontrolle und Handhabbarkeit in die ungewisse Zeit bringen. Dies klinge vielleicht unromantisch, sei aber einen Versuch wert, denn:

«Die neu hinzugekommenen Herausforderungen lösen sich nicht von allein.»

Auch positive gemeinsame Erlebnisse tragen laut Bertschi zum Schutz und zur Pflege der Partnerschaft bei. Diese Positivität kitte viele rissige Stellen und könne in schwierigen Momenten Halt und Zuversicht geben. Dafür reiche es zum Beispiel schon, sich im Terminkalender einen fixen Zeitpunkt für den Austausch einzutragen.

Das müsse kein extravagantes Date sein. Isabella Bertschi erklärt: «Auch eine Verabredung zum Teetrinken auf dem Sofa sendet das Signal: Unsere Beziehung ist mir wichtig, selbst wenn es zurzeit drunter und drüber geht.»

 

Was ist Paarlife?

Gratis-Online-Programm bis kostenpflichtiges Kommunikationstraining

Paarlife ist ein Angebot der Universität Zürich, das zur Beziehungspflege und Prävention von Partnerschaftsstörungen beitragen soll. Unter anderem können Paare dabei in einem Gratis-Online-Programm mehr über das Stressmanagement im Zusammenleben lernen. Gleichzeitig bietet das Fachteam von Paarlife kostenpflichtige Workshops und Kommunikationstrainings, mit denen Beziehungskompetenzen gestärkt werden.

Isabella Bertschi ist seit 2020 lizenzierte Paarlife-Workshopleiterin. Die Brugger Paarpsychologin doktoriert bis Ende Jahr am Lehrstuhl für Klinische Psychologie mit Schwerpunkt Kinder/Jugendliche und Paare/Familien an der Universität Zürich.

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