Abtretende Staatsschreiberin: «Es tut mir sehr weh, dass ich wegen Corona keinen Abschiedsapéro machen kann»

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Vincenza Trivigno: «Ich stelle fest, dass die Identifizierung der Menschen mit ihrer Gemeinde im Aargau sehr gross ist.» Britta Gut

Fünf Jahre war Vincenza Trivigno Staatsschreiberin im Kanton Aargau. Am 12. März hat sie hier ihren letzten Arbeitstag. Bereits am 1. April tritt sie ihre neue Stelle als Geschäftsführerin einer Rehagruppe mit Kliniken im Thurgau und in Graubünden an. Wir trafen sie im Regierungsgebäude für ein Bilanzgespräch. Dieses fand coronabedingt in einem grossen Sitzungssaal statt.

Frau Trivigno, welches Bild hatten Sie vor Ihrem Stellenantritt als Staatsschreiberin vom Aargau?

Vincenza Trivigno: Ich kannte den Aargau schon vorher als Bürgerin von Olten und Zürich recht gut. Mein Eindruck damals war, dass sich der Aargau extrem gemausert hat, dass er ein moderner Hightech-Kanton geworden ist.

Hat sich das Bild bestätigt, oder sehen Sie es jetzt anders?

Meine Einschätzung hat sich bestätigt und sogar noch verstärkt. Der Aargau ist auch urbaner geworden, und ist zunehmend innovativ.

Was hat Sie im Aargau überrascht?

Ich wusste, dass der Aargau mit rund halb so vielen Einwohnern mehr als doppelt so viele Gemeinden hat wie der Kanton Zürich. Überrascht hat mich, welch grossen Einfluss die Gemeinden hier haben, und wie viele Gemeindevertreter im Grossen Rat sind.

Finden Sie, die Gemeindelandschaft verändere sich zu langsam, sind Sie enttäuscht, dass der Zukunftsraum Aarau nicht kommt?

Ich stelle fest, dass die Identifizierung der Menschen mit ihrer Gemeinde im Aargau sehr gross ist. Beim Zukunftsraum Aarau hat mich überrascht, wie stark der Widerstand in den Gemeinden war. Umgekehrt hätte ich nicht erwartet, was jetzt im Zurzibiet mit dem Zusammengehen von acht Gemeinden Realität wird.

Sie erleben den Aargau als innovativen Hightech-Kanton. Und doch hat er im Vergleich zu anderen Kantonen Terrain verloren. Warum?

Als ich 2016 als Staatsschreiberin in den Aargau kam, war sein Ressourcenpotenzial, aufgrund dessen der Finanzausgleich berechnet wird, höher als heute. Der Aargau ist seither wirtschaftlich gewachsen, andere Kantone legten aber noch mehr zu. So hat er vergleichsweise an Boden verloren. Man sieht auch, dass er ein Wohnkanton ist, und der Anteil der Unternehmenssteuern vergleichsweise tief ist.

Wo soll der Aargau denn ansetzen, um sein Potenzial besser zu nutzen?

Der Regierungsrat setzt sich gerade jetzt intensiv mit dieser Frage auseinander. Im Rahmen des neuen Entwicklungsleitbildes, für das die Staatskanzlei zuständig ist, wird er demnächst Vorschläge machen.

Welche?

Den Massnahmen zur Stärkung der Wirtschaftskraft, die der Regierungsrat Ende April vorstellen will, kann ich nicht vorgreifen.

Eins Ihrer wichtigsten Projekte war Smart Aargau. Tut es Ihnen weh, dieses mitten in der Umsetzung verlassen zu müssen?

Die Digitalisierungsstrategie Smart Aargau hat einen enormen Modernisierungsschub und eine Aufbruchstimmung gebracht, sie ist etabliert und läuft gut. Die Regierung wird bald eine Verlängerung beantragen. Das wird sich unter meiner Nachfolgerin weiter gut entwickeln, da habe ich nicht die geringsten Bedenken. Zudem hat natürlich die Coronavirus-Pandemie der Digitalisierung enorm Rückenwind gegeben.

Als Staatsschreiberin waren Sie stark ins kantonale Coronavirus-Krisenmanagement involviert. Welchen Anteil der Arbeitszeit nahm dies in Anspruch?

Ich war von Anbeginn im Koordinations- und Steuerungsausschuss (Kosta), und habe das erste Unterstützungsprogramm für die Wirtschaft koordiniert. In der ersten Welle hat mich das fast völlig absorbiert. Die Herausforderung war enorm, wussten wir doch alle anfänglich praktisch nichts über das neue Virus. Aber es war enorm spannend!

Und heute?

Heute wissen wir viel mehr, aber immer noch viel zu wenig. Jetzt, in der zweiten Welle, ist Corona weiterhin in jeder Regierungssitzung ein Thema, es nahm aber nur noch etwa 20 Prozent meiner Arbeitszeit in Anspruch.

Sie haben vor Ihrer Zeit im Aargau in verschiedenen Stellungen sehr nahe am Gesundheitswesen gearbeitet. Jetzt werden Sie Direktorin einer Reha-Gruppe. Kehren Sie quasi zurück zu den Wurzeln?

Das Gesundheitswesen fasziniert mich schon immer, ich habe tatsächlich eine grosse Affinität dazu. Ich habe diese Stelle nicht gesucht, ich wurde angefragt, und habe zugesagt. Nun freue ich mich sehr auf diese neue Herausforderung.

Am 12. März haben Sie ihren letzten Arbeitstag im Aargau. Gehts nachher sofort los als Direktorin, oder spannen Sie noch etwas aus?

Ich beginne am 1. April.

Auch der Aargau ist ein bekannter Reha-Kanton. Werden Sie mit ihrer Gruppe bald hierhin expandieren?

Natürlich will sich unsere Gruppe weiter entwickeln. Doch zuerst machen wir eine Auslegeordnung und schauen, wie wir uns positionieren wollen. Denn die Rehakliniken – alle, nicht nur unsere – leiden stark unter Corona. Dies, weil zahllose nicht dringliche elektive Eingriffe in den Kliniken wegen Corona verschoben worden sind. Entsprechend wurden viel weniger Patienten in die Rehabilitation geschickt.

Als Vizepräsidentin von Swissmedic haben Sie tiefe Einblicke in das Impfwesen. Welcher Kanton macht es jetzt am besten?

Jeder Kanton geht die Aufgabe anders an, die Kantone sind gut aufgestellt. Wichtig ist, dass die Impfwilligen nicht ungleich behandelt werden. Das Problem ist, dass alle zu wenig Impfdosen haben. Alle Länder wollen die Impfdosen jetzt, die weltweite Nachfrage ist enorm und die Hersteller kommen mit Produktion und Lieferung nicht nach.

In China und Russland scheint man Kapazitäten für eigene Entwicklungen zu haben. Warum ist hier der russische Impfstoff nicht zugelassen, traut man ihm nicht?

Damit ein Impfstoff geprüft und gegebenenfalls zugelassen werden kann, muss die Herstellerfirma ein Zulassungsgesuch stellen. Sollte ein Antrag aus Russland kommen, würde Swissmedic diesen genau wie alle anderen Impfstoffgesuche prüfen. Es ist nicht an Swissmedic, Politik zu machen.

Wie überstehen Sie persönlich die Corona-Einschränkungen?

Ich halte mich selbstverständlich an die Regeln. Ich jogge wie bisher jeden Tag im Wald. Ich stelle fest, dass ich jetzt nicht mehr fast allein unterwegs bin, der Wald ist richtig bevölkert. Ich habe den persönlichen Kontakt zu anderen Menschen gern, das fehlt mir sehr. Ich hoffe wie alle anderen auch, dass die epidemiologische Lage eine baldige Rückkehr zur Normalität erlaubt.

Sie können Homeoffice machen. Sind Sie nur für das Interview nach Aarau gekommen?

Nein, ich hatte auch weitere Besprechungen hier. Das geht, weil wir im Regierungsgebäude viele Einzelbüros haben. Zudem kann man nicht alles via Skype regeln. Die Regierungssitzungen finden auch teilweise vor Ort statt, dann aber im grossen Otto-Kälin Saal im Grossratsgebäude und mit Maske.

Was fehlt Ihnen denn am meisten, wenn Sitzungen nur virtuell stattfinden?

Virtuell kann man mit Mitarbeitenden, die man kennt, problemlos Alltagsaufgaben angehen und lösen. Aber wie soll ich neue Mitarbeitende einarbeiten, wenn ich sie nie physisch sehe, und etwas zeigen und erklären kann? Auch neue Projekte aufgleisen ist einfacher, und ein Brainstorming spontaner und ergiebiger, wenn man physisch zusammensitzen kann.

Sie wohnen in Zürich. Pendelten Sie in der Coronazeit mit dem Auto nach Aarau?

Mein Mann und ich haben kein Auto. Wir sind mit dem öffentlichen Verkehr unterwegs. Mit Maske geht das, man ist ja meist nicht so lange im Zug oder im Bus.

Sie waren an Wochenenden in der Lockdown-Zeit mit Ihrem Mann am Wochenende oft im Bündnerland. Um dem Virus auszuweichen?

Wir haben unsere Gewohnheiten nicht geändert. Wir waren vorher schon an vielen Wochenenden in den Bergen, und werden es auch künftig sein. Ich liebe die Berge, ich brauche sie. Ich bin eine begeisterte Wandererin, Bergsteigerin, Ski- und Tourenfahrerin.

Seit einer Woche kann man wieder normal einkaufen. Setzen Sie auch künftig auf Internet-Einkäufe?

Ich shoppe nicht im Internet. Dort habe ich nur Dinge bestellt, die ich wirklich sofort brauchte, etwa einen grossen Monitor fürs Homeoffice. Auch Kleider kaufe ich nicht im Internet.

Dann waren Sie dafür wieder einmal in einem Laden?

Nein, ich hatte die Zeit noch gar nicht. Man konnte aber sehen, dass die Menschen raus wollen, jetzt, wo es wieder wärmer wird, und wenn die Sonne scheint.

In Ihrer Zeit als Staatsschreiberin war anfänglich eine Regierungsrätin mit auf dem Foto, am Schluss waren Sie die einzige Frau (Bild oben). Tut Ihnen das nicht weh?

Es ist in der heutigen Zeit aussergewöhnlich, wenn eine Regierung ausschliesslich aus Männern besteht. Sechs Kantonen geht es aber genauso. Immerhin waren im Aargau schon früh Frauen in der Regierung. Dass es aktuell nicht so ist, bedaure ich. Es ist aber an den Parteien, rechtzeitig geeignete Frauen aufzubauen. Dann klappt es auch.

Haben Sie den Regierungskollegen ans Herz gelegt, Ihre Stelle erneut mit einer Frau zu besetzen?

Ich habe ihnen keinen Tipp gegeben. Das war aber auch nicht nötig (lachend). Ihre Frage zielt auf die Gleichstellung. Natürlich sind wir noch lange nicht am Ziel, aber es hat sich viel zum Besseren gewandelt.

Heute ist der Internationale Tag der Frau. Was fordern Sie?

Es fehlt noch an Frauen in oberen Positionen, aber auch sonst an einer richtigen Durchmischung. Dazu gehört nicht nur, dass Frauen «typische» Männerberufe ergreifen, sondern auch, dass Männer in «typische» Frauenberufe einsteigen, zum Beispiel als Pflegende, als Lehrkräfte oder als Kellner.

Abschiede in Coronazeiten sind besonders schwierig. Liegt ein kleiner Abschiedsapéro drin, oder wie machen Sie es?

Es tut mir sehr weh, dass ich wegen Corona keinen Abschiedsapéro machen kann. Ich habe aber für die Mitarbeitenden der Staatskanzlei sowie für die Menschen, mit denen ich auch viel zusammengearbeitet habe, ein kleines Geschenk vorbereitet.

Worauf freuen Sie sich jetzt?

Ich freue mich auf meine neue Arbeit, darauf, meine neuen Mitarbeitenden kennen zu lernen. Aber auch darauf, nicht mehr pendeln, sondern zu Fuss ins Büro (das in Zürich ist) gehen zu können.

Was wünschen Sie dem Aargau?

Ich durfte hier fünf extrem spannende und intensive Jahre erleben. Ich habe sehr viele liebe, interessante Leute kennen gelernt, ich habe mich sehr wohl gefühlt, und werde dem Aargau verbunden bleiben. Ich wünsche ihm, dass er auch künftig Chancen packt und sich noch stärker als innovativer Kanton positionieren kann.

Vincenza Trivigno

Vincenza Trivigno (geboren 1970) ist Bürgerin von Olten und Zürich. Sie ist seit 2016 Staatsschreiberin des Kantons Aargau, hat am 12. März den letzten Arbeitstag in dieser Funktion. Sie hat in Bern Volkswirtschaft und Soziologie studiert (lic. rer. pol.), danach an der Universität St. Gallen eine Weiterbildung gemacht. Ab 1998 war sie Referentin von Volkswirtschaftsminister Pascal Couchepin, ab 2004 Mitglied der Geschäftsleitung bei Interpharma, ab 2007 Mitglied der Konzernleitung von Stadler Rail, 2012 bis 2016 Generalsekretärin der Gesundheitsdirektion des Kantons Zug. Sie ist Vizepräsidentin des Institutsrats des Schweizerischen Heilmittelinstituts (Swissmedic) und ab 1. April 2021 Geschäftsführerin der Vamed Schweiz Gruppe. Diese betreibt die Rehakliniken in Zihlschlacht und Dussnang (beide TG) sowie Seewis (GR). (az)

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