Die 100-jährige Margrit Lütolf aus Wikon bereut im Rückblick nichts

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Margrit Lütolf-Meier in ihrem Zimmer im Feldheim. Sie liebt Blumen und hatte in Wikon einen Garten. Bild: Claudia Walder

«Ich war keine einfache Geburt», sagt Margrit Lütolf und lacht. Sie spricht damit von einem Ereignis, das schon mehr als 100 Jahre zurückliegt. Am 15. Oktober des vergangenen Jahres feierte sie den stolzen runden Geburtstag – ein ganzes Jahrhundert hat die älteste «Wiiggerin» miterlebt. Zufriedenheit, ist sie überzeugt, sei das Geheimnis für ein langes Leben. Und Margrit Lütolf ist zufrieden, auch wenn es ihr nicht ganz leichtgefallen ist, als sie vor drei Jahren das eigene Haus mit dem grossen Garten in Wikon verkaufte und ins Feldheim nach Reiden zog. «Man hat halt schon nicht so viel Platz hier», sagt sie, «vier Wände, das ist alles. Und vorher wars ein ganzes Haus.»

Sie erzählt gerne. Corona hat auch sie, wie alle Bewohner hier, das letzte Jahr über isoliert. «Aber man muss halt tun, was man kann, um dagegen anzukommen», sagt sie. Mit dem Schicksal hadern, das bringe nichts, und Margrit Lütolf weiss sich zu beschäftigen. Sie bastelt mit anderen Bewohnern des Feldheims Dekorationen für die Station oder fürs Pflegepersonal. Und auf dem kleinen, quadratischen Tisch in ihrem Zimmer stehen wohl fast ein Dutzend Blumentöpfe, Orchideen, Hyazinthen, zu denen sie schaut. Früher hat sie auch Urkunden gestaltet, Psalmen oder Glückwunsch-Gedichte. Die Kalligrafie – das schöne Schreiben – hat sie sich selber beigebracht und bereits in der Schulzeit damit angefangen.

Die Mutter Marie Blum bekochte einst eine Königin

Aufgewachsen ist Margrit Lütolf in Wikon, wo ihr Vater Adolf Meier an der Bahnhofstrasse ein Haus kaufte, als sie gerade drei Jahre alt war. Das war 1923. Mit dem Velo sei er jeweils nach Reiden gefahren, wo er in der Maschinenfabrik arbeitete. Die Mutter, Marie Blum, kam ursprünglich aus Richenthal, hatte aber in Nizza eine Kochlehre gemacht. «Das muss man sich vorstellen», sagt Margrit Lütolf, «in einem grossen Hotel am Meer.» Ein Bild der Mutter als adrette, junge Frau, eine Schwarz-Weiss-Fotografie, die im hölzernen Rahmen von getrockneten Blumen und Blättern, von Edelweiss und Farnen eingefasst wird, hat sie noch immer. «Das habe ich bewundert, dass sie das gewagt hat», erzählt sie. Auch auf Rigi Kulm und in Locarno habe die Mutter gearbeitet. «Sie hat in einem der Hotels auch schon für die Königin Wilhelmina aus den Niederlanden gekocht.»

Bezirksschule in Brittnau und Welschlandaufenthalt

Nach fünf Jahren an der Primarschule in Wikon und vier Jahren an der Bezirksschule in Brittnau reiste auch Margrit Lütolf, die damals noch Meier hiess, ins französische Sprachgebiet. Allerdings blieb sie in der Schweiz, verbrachte zuerst drei Monate auf einem Bauernhof in der Nähe von St. Imier. «Das hat mir nicht so gefallen, da hatte es einen etwas seltsamen Grossvater und es war recht isoliert, ein bisschen langweilig auch.» Über eine Freundin ergibt sich schliesslich stattdessen eine Stelle in Lausanne.

Nach der Rückkehr ins Wiggertal findet sie eine Lehrstelle in einem Herrenmodengeschäft in Olten. «Das waren Italiener, die Frau war von Verona, und wir hatten auch hauptsächlich italienische Kunden», erzählt die Seniorin und ergänzt, dass sie deshalb so gut Italienisch spreche. Später arbeitet sie im Warenhaus «von Felbert» in Zofingen, im ersten Stock. Dort lernte sie auch ihren Mann kennen, Josef Lütolf: «Er ist häufig ins Geschäft gekommen», erinnert sie sich noch lebhaft. Sie habe ihn dann zu einem Konzert des Frauen- und Töchterchors Zofingen eingeladen, bei dem sie Mitglied war. «Und als er dann kam, da hat es langsam angefangen zu ‹geigen› zwischen uns.» 1944 heiraten sie noch während der Kriegszeit in der Kurhauskapelle in Richen- thal. «Wir konnten nicht zu weit weg, man durfte damals kein Benzin verbrauchen. Nur Autos mit Holzvergaser durfte man fahren, die hatten neben der Tür so eine Art Säule, in der man Holz verbrannte.»

Nach dem Krieg schreibt Margrit Lütolf Policen für Ringier, arbeitet in der Garnfabrik Wettstein in Dagmersellen oder hilft zwischendurch wieder in Olten aus, während ihr Mann eine Stelle als Maler in Zofingen innehat. 1948 kommt die einzige Tochter zur Welt. «Ich hätte gern mehr Kinder gehabt», sagt Margrit Lütolf. Die Tochter ist heute auch bereits pensioniert und neben zwei Enkeln hat die Hundertjährige auch einen Urenkel. «Der ist Anfang März jetzt auch schon dreissig geworden», scherzt sie.

Einige Jahre lebt die junge Familie Lütolf in Reiden. Margrit stellt in Heimarbeit Verzierungen aus Lederbändchen für die Schuhfabrik Rieker her, bis sie nach dem Tod von Margrits Eltern nach Wikon ins Haus an der Bahnhofstrasse ziehen. Die Nähe zum Bahnhof machte das Autofahren überflüssig, meint Margrit Lütolf, auch als die Tochter nach Basel heiratete und später nach Zürich zog. Mittlerweile ist sie wieder in der Gegend, lebt mit ihren Hunden in Reiden. Der Gatte Josef starb 1979.

Auch mit 100 noch immer auf dem Laufenden

Mit dem Abstimmen und der Politik habe sie abgeschlossen, sagt Lütolf. Dennoch verfolgt sie aber die aktuellen Entwicklungen weiter. Sie weiss, was in Wikon gerade im Gespräch ist, begründet das mit: «Da kenne ich halt fast alle Leute.» Aber auch die Medienreaktionen zu Bundesrat Alain Berset kommentiert sie: «Wie der geplagt wird! Dabei kann er doch nichts dafür, dass das Virus jetzt ausgebrochen ist, und eigentlich will er doch nur das Beste für die Menschen.»

Wenn sie auf ihr Leben zurückblickt, dann bereut Margrit Lütolf nichts. Wie in Edith Piafs Lied «Je ne regrette rien». Nur dass sie nie Englisch gelernt hat und nie in England war, das findet sie schade. Und lacht im nächsten Moment: «Da gehe ich dann im nächsten Leben hin.»

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