Wenn Bücher sich in Kobolde verwandeln und auf den Regalen tanzen

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Wir alle haben ja unsere Marotten. Eine, die ich offenbar mit vielen ZeitgenossInnen teile, ist die rätselhafte Unfähigkeit, mich von Büchern trennen zu können. Ein Buch mag noch so uninteressant oder belanglos sein, es mag gekauft, geschenkt oder geborgt sein, es mag neu oder alt, dick oder dünn sein – hat sich ein Buch erst einmal in meinem Büchergestell eingenistet, hat es gute Aussichten, dort für die nächsten Jahrzehnte eine Heimat gefunden zu haben.

Beim letzten Umzug, der erst etwa ein Jahr her ist, hatte ich mir fest vorgenommen, einmal so richtig auszumisten. Jawoll, weg mit all dem alten Hafenkäse, den man sowieso nie mehr in die Finger nimmt! Alles nur Ballast! Lexika? Wörterbücher? Holt man sich ja heutzutage alles ruck, zuck im Internet! Fort mit dem Zeug!

Wirklich, ich hatte es mir fest vorgenommen. Ehrlich! Doch dann füllte sich wieder Kartonkiste um Kartonkiste. Der Stapel, auf dem ein Fresszettel mit dem Vermerk «Entsorgen!!» lag, blieb lächerlich klein. Dafür gingen die Kartonkisten aus, was eine Fahrt zu Ikea nach sich zog. Auf der Fahrt stellte ich mir vor, wie sich meine ungepackten Bücher in Kobolde verwandelten, auf den Regalen tanzten und sich über ihren trotteligen Besitzer lustig machten.

Es gibt immer einen Grund, ein Buch NICHT wegzuschmeissen. Ein ungelesenes Buch liest man ja vielleicht eines Tages tatsächlich noch. Ein halbgelesenes ist wie eine angebrochene Flasche Wein – den Rest genehmigen wir uns später. Und ist ein völlig zerlesenes Buch nicht der ultimative Beweis, dass man es irgendwann abermals lesen wird? Manche haben einen zu Tränen gerührt (wie Balzacs «Verlorene Illusionen»), andere schlaflose Nächte bereitet (wie Ecos «Der Name der Rose»). Und wie alle wissen, die gerne in Büchern schmökern, gibt es auch so etwas wie ein Murphy’s Law der Bibliophilie. Es lautet: Suchst Du besonders verzweifelt nach einer Buchstelle, die Du vor langer Zeit gelesen hast, findet sich diese Stelle garantiert in jenem Buch, das Du neulich weggeschmissen hast.

Und wenn man Bücher wie das dreibändige «Handbuch des Aberglaubens» im Gestell stehen hat wie ich, darf man sich nicht wundern, wenn man verschrobene Ideen entwickelt. So habe ich kürzlich auf dem allereinzigsten Buch, das ich doppelt besitze, so viel Tinte verschüttet, dass ich es wegschmeissen musste. Titel: «Was ist Metaphysik?» Kann das alles Zufall sein?

Immerhin habe ich vor einer Weile eine genial einfache Methode entwickelt, meine Büchersammlung einer langsamen, aber stetigen Schrumpfkur zu unterziehen. Kommt ein neues Buch rein, müssen zwei alte raus. Mit der Zeit kommt da eine ordentliche Menge zusammen. Das sehe ich ja, wenn ich aufs Regal schaue. Denn da steht sie und wird immer fetter, die Reihe mit all den Büchern, die rausmüssen.

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