Aargauer Kinderpsychiater über Aggressivität in der Pandemie und wie sich Masken auf Kleinkinder auswirken

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Michael Watson, Leiter Zentrales Ambulatorium und Leitender Arzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie der Psychiatrischen Dienste Aargau (PDAG). Bild: Alex Spichale

Im Büro von Michael Watson stehen Bilderbücher auf einem Kindertisch, eine Holzeisenbahn liegt darunter. Der grüne Plüschdrache trägt eine Maske.

 
 
 
Michael Watson, Leiter Zentrales Ambulatorium und Leitender Arzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie der Psychiatrischen Dienste Aargau (PDAG).

Michael Watson, Leiter Zentrales Ambulatorium und Leitender Arzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie der Psychiatrischen Dienste Aargau (PDAG).

Bild: Alex Spichale

Was hat sich durch die Pandemie für Sie am meisten verändert?

Michael Watson: Wir sitzen hier und reden mit Masken. Das machen wir auch mit den Kindern und Jugendlichen so. Das ist bei sehr kleinen Kindern aber manchmal schwierig. Sie sind nicht geübt darin, nur auf die Augen zu schauen. Und sie sind sowieso schon verunsichert von der fremden Umgebung und den neuen Menschen. Wenn ich merke, dass das Gegenüber Schwierigkeiten damit hat, nehme ich die Maske kurz ab.

Haben Sie wegen Corona mehr zu tun?

Wir haben seit Jahren tendenziell steigende Zahlen. Auch dieses Jahr wieder. 2020 wurden rund 2800 Kinder oder Jugendliche neu angemeldet. 2019 waren es 2500. Ob das nun mit Covid zu tun hat, ist schwer zu sagen. Die Ausgangslage hat sich seither verändert. Eltern und Kinder sind häufiger zu Hause. Bei manchen Familien führen diese Herausforderungen zur Entlastung im Alltag, aber nicht immer. Wenn Eltern zu Hause bleiben müssen, weil sie ihren Job verloren haben oder unsicher sind, wann und ob sie wieder zur Arbeit gehen können, ist das schwierig. Diese Unsicherheiten führen zu Spannungen. Wenn Angst hinzukommt, selbst infiziert zu werden, gibt es manchmal sehr schwierige Situationen. Manche igeln sich dann ein. Das macht uns Sorgen.

 

Haben sich die Probleme durch Corona verändert?

Wir sehen jetzt alle schwierigen Themen, wie es sie sonst auch gibt. Aber gerade Ängste und Aggressivität scheinen mir vermehrt vorzukommen. Das wird sich bei wissenschaftlicher Betrachtung später klären: Treten diese Themen wirklich häufiger auf oder nur gefühlt?

Wieso gerade diese Themen?

Die Eltern brauchen Ruhe für ihre Erwerbsarbeit zu Hause, auch die Schule fand von zu Hause aus statt. Aber was ist mit den kleineren Kindern? Die meisten Wohnungen sind nicht darauf ausgerichtet, dass permanentes Homeoffice möglich ist. Wie schaffe ich es als Vater oder Mutter, diese Tätigkeiten zu Hause zu organisieren? Das Kind zu betreuen, mit ihm zu spielen, gleichzeitig zu kochen, einzukaufen, jetzt auch noch zu arbeiten und vielleicht sogar noch etwas Freizeit zu haben? Das ist eine Herausforderung und kann zu Stress führen. Manche Eltern haben konstruktive Lösungen gefunden. Nicht immer gelingt dies. Wenn es zu grosse Probleme gibt, kommt man dann auch auf uns zu.

Also auch Gewalt?

Zu Beginn erleben Familien vermehrten Stress und Aggressionen untereinander, dann kann es durch Überforderung aber auch zu Gewalt kommen. Jetzt teilweise auch bei Familien, die unter sonstigen Bedingungen diese Schwierigkeiten anders lösen konnten. Diese Familien fühlen sich nicht nur überfordert, sondern auch schuldig und sind froh um Rat.

Gibt es auch andere Fälle? Wo es nicht in Gewalt, sondern in Rückzug und Depression endet?

Ja, auch. Durch die allgemeinen Einschränkungen und die Unsicherheit, was die Zukunft bringen wird, akzentuieren sich manche Aspekte. Das zeigt sich an offen gezeigter Überforderung und auch durch weniger sichtbaren emotionalen Rückzug.

Wird es gelingen, das alles zu verarbeiten?

Ich glaube, wir kommen wieder zu einem Normalzustand zurück. Selbst wenn wir über lange Zeit mit Masken leben müssten. Die Frage ist, was wir mit den neuen Erfahrungen machen werden. Was genau «vorbei» sein wird, wissen wir heute noch nicht. Wir wissen allerdings, dass aus Erfahrungen zu lernen die Entwicklung unterstützt. Man lernt auch aus schwierigen Erfahrungen teils sehr wichtige Dinge. Dass dies gelingt, ist eine unserer Hauptkompetenzen.

Sie behandeln auch Kinder unter fünf. Wieso brauchen so junge Menschen einen Psychiater?

Kinder ab Geburt erleben alle Situationen ihrer Familie ebenfalls: Streit, Gewalt, Verlust, Trennung, Krankheit und Überforderung ihrer Eltern. Bei älteren Kindern oder Erwachsenen haben wir meist eine Vorstellung davon, wie sie dies aufnehmen und was Auswirkungen davon sind. Bei den Kleineren nicht. Sie haben noch keine entwickelte Sprache und verstehen nicht alles.

Haben Sie ein Beispiel?

Bei einem Polizeieinsatz wegen häuslicher Gewalt können wir uns vorstellen, wie es Erwachsenen und Jugendlichen geht. Was ein Fünfjähriger erlebt und denkt, ist schon weniger klar. Und bei den ganz Kleinen ist es noch schwieriger: Wenn zum Beispiel die Mutter kurz danach ihren Säugling stillen muss, aber dazu ausser Stande ist, weil sie so aus der Fassung ist: Was nimmt das Kleine wahr von der Mama und von der Situation vorher? Wir Spezialisten versuchen, da «eine Sprache» zu geben und bei der Regulation dieser schwierigen Umstände mitzuhelfen. Kleine können aber auch sehr unruhig oder zu passiv sein oder sich auch selbst verletzen, dies natürlich auch aus ganz anderen Gründen.

Wie reagieren die Kleinen darauf, fast nur noch Masken zu sehen?

Gerade bei Säuglingen und bei sehr kleinen Kindern machen wir uns Sorgen, wie die Emotionserkennung in Coronazeiten stattfindet. Sie sehen über Monate fast nur die Familienmitglieder ohne Masken. Selbst für Erwachsene ist das Ablesen von Gefühlen allein von den Augen schwieriger, als wenn wir das ganze Gesicht sehen würden. Wir nehmen meist unbewusst die feinen Veränderungen wahr, wenn etwa die Muskeln am Kinn angespannt werden. Dieses «implizite Wahrnehmen» von Mimik ist ein wichtiger Aspekt der Wahrnehmung von Säuglingen mit ihrer Umwelt.

Wird das Maskentragen sich später auswirken?

Das wissen wir noch nicht so genau. Es wird sicher eine Auswirkung haben. Entwicklungsverzögerungen sind vorstellbar. Und wenn die fehlende Emotionserkennung stärker ins Gewicht fallen würde, könnte es chronische Folgen haben. Dann müssten wir neue Wege finden, um Unterstützung zu bieten.

Gab es schon vergleichbare Situationen, in denen Kleinkindern so lange Bezugspunkte fehlten?

Das ist in diesem Ausmass Neuland. Was über Entwicklung bekannt ist: Wenn etwas fehlt, das wir nicht einfach ausgleichen können, sucht sich die biologische und psychische Entwicklung einen eigenen Weg. Manchmal stagniert sie. Und manchmal nimmt sie eine komplett andere Entwicklungsform an, zur Kompensation. Wenn wir etwas nicht sehen, stellen wir uns dennoch etwas vor. Blinde etwa haben auch eine Vorstellung von Farben.

Sind sie auch bei Kleinkindern optimistisch?

Ja. Immer wieder kurz sein Gesicht ohne Maske zu zeigen, ist ein Zugang. Ein anderer, den ich auch nutze: Ich gebe den Plüschtieren Masken. Und den Kindern Masken zum Spielen. Um zu zeigen: Masken sind jetzt ein Teil unseres Alltags, so auch bei uns in der Klinik. Über den spielerischen Umgang mit solchen Themen vermindern wir auch sonst Ängste und Distanz.

Sie hören sich sehr zuversichtlich an.

Ja. Vielleicht weil ich für mich persönlich geklärt habe: Was wäre, wenn ich mich infizieren würde? Denn wir haben hier einen Faktor drin, den wir bisher nicht oft hatten: Alle, auch wir Fachleute, sind von Unsicherheit, Ängsten und Einschränkungen betroffen. Die Angst, selbst angesteckt zu werden, war gerade im ersten Lockdown bei vielen Menschen sehr stark. Wir mussten einen Weg finden, damit umzugehen. Damit die eigene Betroffenheit nicht die professionelle Arbeit störend beeinflusst.

Wie haben Sie das gemacht?

Anfang März 2020 hatte ich Ferien und war in den Staaten. Mein Rückflug in die Schweiz wurde schon früh wiederholt gestrichen, trotz mehrfachen Neubuchens. Ich verfolgte die Nachrichten und hatte Zeit, mir Fragen dazu zu stellen, was ich bei meinen Teams vorfinden werde. Wir thematisierten dann für das Arbeitssetting, da wo nötig, Anpassungen, Hygieneverhalten und natürlich eigene Unsicherheiten in dieser Situation. Den Umgang mit Ängsten kennen wir als Fachpersonen nur zu gut. Auch die Kinder, die wir behandeln, stellen Fragen wie: Wann hört das Ganze auf? Dann muss ich als Therapeut einen Weg finden, ihnen Hoffnung zu machen, auch wenn noch kein Ende absehbar ist. Diese Hoffnung muss ich teils bei mir selbst suchen.

Sind Sie besorgt über die Gesamtsituation?

Es gibt wahrscheinlich eine längerfristige Sorge. Aber die besteht nicht nur bei den Themen, die wir bisher besprochen haben. Dort werden wir Lösungen finden. Was mir Sorgen bereitet, sind die längerfristigen ökonomischen und sozialen Auswirkungen. Denn das ist eine wichtige Lebenswelt der Eltern unserer Kinder. Und diejenige, in die die Jugendlichen hineinkommen werden. Da gibt es viele Unsicherheiten. Nehmen Sie jemanden, der Koch werden will. Wie soll der sich vorstellen können, eine Lehrstelle zu finden, wenn die Restaurants geschlossen sind? Wir müssen kreativ damit werden, die Jugendlichen zu ermutigen und ihnen Perspektiven aufzuzeigen. Auch wenn wir selbst nicht genau wissen, wie es weitergeht. Aber wenn ich selbst Angst habe, meine Arbeit zu verlieren, ist es schwierig, meinem Kind zu sagen, dass alles gut werden wird.

Dann kommen auch Kinder mit Zukunftsängsten zu Ihnen?

Sie kommen nicht allein wegen dieser Themen. Aber Zukunftsängste werden Thema, wenn sie hier sind. Wenn jemand Sorgen hat, keine Lehrstelle zu finden, denkt sie oder er meist nicht an die Psychiatrie. Aber wenn die Sorgen so stark werden, dass kein richtiger Schlaf mehr gefunden wird und der Alltag nicht mehr gut bewältigt werden kann, also eine Krise entsteht, dann geht man schon eher zum Arzt.

Was für Wartezeiten haben Sie im Moment?

Das ist unterschiedlich. Man muss aber mit ein paar Wochen rechnen. Darum machen wir Triage. Wenn die Situation so schwierig ist, dass das Kind sich selbst oder sein Umfeld gefährdet, wird es sofort behandelt. Wir haben auch jahreszeitliche Schwankungen. Tendenziell ist im Winter mehr los als im Sommer. Das hat unterschiedliche Gründe. Vielleicht hat es aber auch damit zu tun, dass man dann weniger rausgehen kann und weniger Freiräume hat. Diese Ausweichmöglichkeiten sind auch jetzt eingeschränkt. Das hat natürlich einen Effekt.

Dann wünschen Sie sich auch deshalb, dass die Pandemie möglichst bald vorbei ist?

Das auf jeden Fall. Unsere gemeinsame Aufgabe ist es, einen Weg in eine neue «Normalität» zu finden. Denn für viele Menschen haben sich inzwischen neue Prioritäten ergeben, eine Art Umsortierung. Daraus können und sollten wir lernen.

Zum Beispiel?

Der Medienkonsum von Kindern: Was soll man Eltern raten? Ab wann ist die Zeit am Handy vielleicht sogar schädlich? Das war vor der Pandemie ein riesiges Thema. Jetzt ist es schwierig, das Handy zu verbieten, weil es oft der einzige Kontakt zu den Kollegen ist. Oder man ermutigt häufiger ein Kind, die Oma anzurufen. Früher hätte man gesagt: Lass doch das Handy zu Hause und geh sie besuchen. Es wäre gut, wenn wir die positiven Dinge behalten und die Sachen, die schwierig waren, Schritt für Schritt ablegen könnten. Und zwar bewusst. Damit wir auch später wissen, warum eine Veränderung stattfindet. Dann bleibt die Situation nicht als «Trauma» zurück. Wir haben dann keinen «Schock», sondern wissen: Wenn wir hier und dort etwas anpassen, geht das Leben mehrheitlich weiter.

Zur Person

Michael Watson ist Leitender Arzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie der Psychiatrischen Dienste Aargau (PDAG) in Windisch. Er ist unter anderem verantwortlich für die zentrale Anmeldung, den Notfall und für die Triage. Und er ist für zwei Spezialangebote zuständig: für Kinder unter fünf und die Autismusberatungsstelle. Der 56-jährige Kinder- und Jugendpsychiater arbeitet seit 2008 bei den PDAG.

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