Merkel warnt vor 100'000 Neuansteckungen pro Tag – die Schweiz steht deutlich besser da als Deutschland

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Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel stand am Sonntagabend bei Anne Will eine Stunde lang Red und Antwort. (NDR)

Blauer Himmel über Berlin, strahlender Sonnenschein in Bern: Perfekter könnte das vorösterliche Frühlingswetter kaum sein. Der Stimmungsunterschied zwischen Deutschland und der Schweiz ist aber gewaltig. Während sich hierzulande der Branchenverband Gastrosuisse bereits Gedanken dazu macht, wie man in einer künftigen Pandemie noch besser über die Runden kommen könnte, getraut sich in Deutschland kaum jemand, laut über das Ende der andauernden Coronakrise nachzudenken. Schon gar nicht nach dem einstündigen Auftritt der Kanzlerin in der Talksendung von Anne Will am Sonntagabend: «Wir sind verpflichtet, das Infektionsgeschehen einzudämmen. Und im Augenblick ist die Eindämmung nicht da.»

Das sagte Angela Merkel – und malte ein düsteres Szenario mit täglich sechsstelligen Neuansteckungszahlen an die leuchtende Studiodecke im Ersten Deutschen Fernsehen.

Alarmistische Töne in Deutschland, postpandemische Politpläne in der Schweiz also. Doch ist die Lage in den beiden Nachbarländern wirklich so verschieden? Hat die Eidgenossenschaft schlicht noch nicht begriffen, wie heftig die dritte Welle werden kann? Oder hat Kanzlerin Merkel einfach den Mut zur Hoffnung verlernt?

Ein Ländervergleich in fünf Punkten:

1) Die nackten Zahlen

Die aktuellen Ansteckungszahlen zeigen, dass die Pandemie Deutschland und die Schweiz ähnlich stark im Klammergriff hält. In der Schweiz sind pro Million Einwohner über die vergangene Woche im Schnitt 191 Menschen neu an Corona erkrankt, in Deutschland waren es 195.

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Neue Fälle pro Million Einwohner im 7-Tages-Schnitt. (ourworldindata.org)

Grösser ist der Unterschied bei den aktuellen Todeszahlen. In Deutschland verstarben in der vergangenen Woche im Schnitt 2,05 Menschen pro Million Einwohner an Covid-19, in der Schweiz nur 1,44. Noch im Dezember lag der Wert für die Schweiz in der traurigen Todesstatistik noch deutlich über jenem in Deutschland. Trotz der weniger strikten Massnahmen in der Schweiz (siehe Punkt 3) scheint die Eidgenossenschaft das potenziell tödliche Virus derzeit besser im Griff zu haben als Deutschland.

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Neue Todeszahlen pro Million Einwohner im 7-Tages-Schnitt. (ourworldindata.org)

Warnende Worte richtet derweil Lothar Wieler an seine Landsleute. Der Chef des deutschen Robert Koch-Instituts sagte vergangene Woche: «Es gibt sehr deutliche Signale, dass die dritte Welle noch schlimmer werden kann als die ersten beiden.»

Wenn Deutschland nicht auf der Hut sei, könnte es täglich mehr als 100'000 Neuansteckungen geben – rund fünfmal mehr als heute.

2) Impfungen: Schweiz hat die Nase vorne

Freudige Nachrichten verkündete Bundesrat Alain Berset vor kurzem. Die Schweiz erhalte bis im Juli rund acht Millionen zusätzliche Impfdosen. Bereits Ende April sei man voraussichtlich durch mit der Impfkampagne für alle Risikogruppen.

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Ende April durchgeimpft: Die Risikogruppen (hier eine Altersheimbewohnerin im Aargauischen Küttigen) sollen laut Bundesrat bald immunisiert sein. (Keystone)

Stand jetzt hat die Schweiz pro 100 Einwohner 15,6 Impfdosen verabreicht, in Deutschland sind es 14,7. Unser Nachbarland hinkt hinterher, obwohl in der Bundesrepublik mehr Impfstoffe zugelassen sind als in der Eidgenossenschaft. Nebst den in beiden Ländern abgesegneten Vakzinen von Moderna, Biontech/Pfizer und Johnson&Johnson hat in Deutschland auch der Impfstoff von AstraZeneca grünes Licht erhalten.

Besser da steht Deutschland allerdings im Kampf gegen die Impfskeptiker. Während in der Schweiz laut einer SRG-Erhebung 20,3 Prozent der Befragten sagen, dass sie sich nicht impfen lassen wollen, sind es in Deutschland laut dem Robert Koch-Institut nur gerade acht Prozent.

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In Deutschland gibt es weniger Impfskeptiker als in der Schweiz. (EPA)

3) Massnahmen: Die Schweiz nimmts locker, Merkel denkt an Lockdown

Vor einem Jahr noch mahnte der gesamte Bundesrat in einem emotionalen Video die Bevölkerung zur Vorsicht und bat die Menschen, über Ostern zuhause zu bleiben und nicht etwa ins Tessin zu fahren oder sich draussen mit einem Glacé in der Hand zu versammeln. Jetzt aber sind die Züge in den Süden für das Osterwochenende praktisch ausgebucht – und die Schlangen vor den Gelaterias sind so lang wie vor der Pandemie.

Vor zu viel Lockerheit vor dem Osterfest warnte Angela Merkel in ihrem jüngsten TV-Auftritt aber mit scharfen Worten. Mit Blick auf das Öffnungsgebaren einiger deutscher Bundesländer sagte Merkel: «Einige sind sich der Ernsthaftigkeit nicht bewusst».

Sie machten sich immer noch Illusionen über die Gefährlichkeit der Pandemie. Man sei im Grunde in einer neuen Pandemie. Das Virus sei tödlicher und ansteckender als zuvor. Wenn sich der Kurs der einzelnen Regionen – konkret etwa des vom Möchtegern-Kanzler Armin Laschet regierten Nordrhein-Westfalen – nicht ändere, werde die Bundesregierung eingreifen müssen. «Das ist mein Amtseid, das ist meine Verpflichtung», betonte Merkel.

Vor einem scharfen Lockdown wird sie wohl absehen. Für den kurzzeitig verhängten Oster-Lockdown, den sie am vergangenen Mittwoch in einer von ihr selten gesehenen politischen Spitzkehre wieder zurücknahm, entschuldigte sie sich in aller Form bei ihren Mitbürgerinnen und Mitbürgern.

4) Die Vertrauensfrage: Das Virus drückt auf die politische Stimmung

Krass ist der Unterschied zwischen den beiden Nachbarländern mit Blick auf den Vertrauensverlust, den die jeweiligen Regierungen durch die Pandemie erlitten haben. Die jüngst veröffentlichte Cosmo-Studie der Universität Erfurt zeigt, dass nur noch 25 Prozent der Deutschen mit ihrer Regierung zufrieden sind. Im April 2020 waren es noch 58 Prozent. Fast zwei Drittel der Befragten sagen, dass sie ein eher niedriges oder gar kein Vertrauen mehr in die Regierung hätten. Merkel sagte bei Anne Will: «Die Menschen sind natürlich ermüdet von dem langen Lockdown und den Zumutungen, die sie erfahren. Das kann ich sehr gut verstehen.»

Schlecht sieht es auch für Merkels Partei aus. Die CDU hat landesweit massiv an Wohlwollen eingebüsst. Im Januar lagen ihre Zustimmungswerte noch bei 36 Prozent, jetzt ist er auf 25 Prozent zusammengesackt. Damit liegt die Union nur noch gerade zwei Prozentpunkte vor den Grünen, die im Stillen bereits Pläne für eine eigene Kanzlerkandidatur im Herbst schmieden.

In der Schweiz hingegen vertraut die Bevölkerung dem Bundesrat noch immer, das Land aus der Krise führen zu können. Laut einer SRG-Umfrage von Mitte März finden 61 Prozent den Öffnungsplan des Bundesrates mindestens nachvollziehbar. 58 Prozent finden, der Bundesrat solle seine Entscheidungskompetenzen in Pandemiefragen behalten.

5) Die pandemische Gretchenfrage: Und wie habt ihrs mit der Wissenschaft?

Vorweg eine erstaunliche Erkenntnis: Forscher der kalifornischen Berkeley-Universität haben jüngst herausgefunden, dass das Vertrauen der Bevölkerung in die Wissenschaft während einer Pandemie grundsätzlich abnimmt. Einer der Gründe ist der offene Wettstreit zwischen unterschiedlichen wissenschaftlichen Standpunkten und die Korrektur von vermeintlich gesicherten Erkenntnissen, die sich durch den Einbezug neuer Studiendaten dann doch als falsch erweisen.

Das Phänomen zeigt sich etwa in Deutschland sehr deutlich. Während Epidemiologen wie Christian Drosden (713’000 Follower auf Twitter) oder Karl Lauterbach (443'000 Follower auf Twitter) in den sozialen Medien etwa den deutschen Gesundheitsminister Jens Spahn (239'000 Follower auf Twitter) weit hinter sich lassen und zu eigentlichen Medienstars avanciert sind, sinkt das Vertrauen der Bevölkerung in ihre Ratschläge. In einer repräsentativen Umfrage der Organisation «Wissenschaft im Dialog» gaben Ende Jahr nur 6 von 10 Befragten an, dass sie der Wissenschaft noch trauen. Zu Beginn der Pandemie waren es noch 8 von 10.

In der Schweiz steht es besser um das Vertrauen in die Wissenschaft. So kam das Wissenschaftsbarometer der Universität Zürich jüngst zum Schluss, dass 72 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer befürworten, dass politische Entscheidungen aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisse gefällt werden. 63 Prozent wollen gar, dass sich die Wissenschaft aktiv in die Politik einmischt.

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