«Die Steuermoral ist sogar besser geworden» – Dave Siegrist war 20 Jahre Herr über 2,5 Milliarden Steuereinnahmen im Aargau

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Dave Siegrst war 30 Jahre Steueramtschef für den Kanton Aargau - nun wird er pensioniert. Wir haben ihn in seinem Büro im Tellihochhaus fotografiert. Aufgenommen am 24.03.2021 Britta Gut

Noch genau bis heute, am 31. März, ist Dave Siegrist als Vorsteher des Kantonalen Steueramts «Herr» über die jährlich rund 2,5 Milliarden Steuereinnahmen des Kantons Aargau. Nach rund 30 Jahren Tätigkeit für den Kanton, wovon 20 Jahren als Steueramtsleiter, übergibt er das Zepter an seinen Nachfolger Daniel Schudel (48) aus Remetschwil.

Siegrist bleibt noch einige Monate im Departement Finanzen und Ressourcen, um seinen Nachfolger einzuarbeiten und Projekte wie die neueste Steuergesetzrevision, zu der die regierungsrätliche Botschaft demnächst erwartet wird, weiter zu begleiten. Ende September wird er ordentlich pensioniert.

Vor bald 30 Jahren, im November 1991, hat er sich beim Rechtsdienst des Steueramts beworben und wurde eingestellt. Seither betreute er mehrere Steuergesetzreformen als Projektleiter. Seit 2001 leitet er das Steueramt. Rückblickend stellt er fest, dass die Abstände zwischen den Gesetzesrevisionen immer kürzer werden. Früher habe man geschaut, dass es zwischendurch eine «Steuerruhe» gibt, das sei unter den sich rasch verändernden Rahmenbedingungen längst nicht mehr möglich, so Siegrist.

Ihn freut aber, «dass die Steuereinnahmen kontinuierlich zunehmen, und dass im Aargau netto jedes Jahr rund 1000 neue Firmen dazu kommen». Natürlich werfen diese in der Regel nicht sofort Gewinne und Steuern ab. Aber sie sind eine vielversprechende Investition in die Zukunft des Wirtschaftsstandorts Aargau, sagt Siegrist.

Zum Schluss noch ein heisses Dossier in der Hand

Aktuell ist er noch mit der neusten Steuerrevision betraut, mit der die Gewinnsteuerbelastung der Firmen sinken und der Versicherungsabzug für natürliche Personen erhöht werden soll. Es gehe jetzt darum, ertragsstarke Firmen hier zu behalten, die von den neuen Abzügen (Patentbox, Forschung und Entwicklung) nichts haben, sagt Siegrist, deswegen gebe es Handlungsbedarf. Er wird noch dabei sein, wenn die Vorlage im Grossen Rat diskutiert wird.

Es ist eine heftige Debatte zu erwarten, lehnen doch SP und Grüne die von SVP, FDP und Die Mitte geforderte Gewinnsteuersenkung ab. Dass er diese letzte Vorlage nicht mehr bis zum Schluss begleiten kann, erfüllt ihn mit etwas Wehmut, «aber es ist toll, dass ich an der Gesetzesvorlage noch mitarbeiten konnte».

Im Aargau erzielen rund 50 Prozent der Firmen keinen oder nur einen so kleinen Gewinn, dass sie lediglich die Minimalsteuer von 845 Franken jährlich bezahlen. Dafür schenken dann die Steuern von rund 1300 grösseren, ertragreichen Firmen ein. Die Zahlen für das erste Coronajahr 2020 liegen allerdings noch nicht vor, die Steuererklärungen dafür sind meist noch gar nicht eingereicht.

Der Umgangston in der Politik ist rauer geworden. Gilt das auch für die Steuerzahlmoral, sinkt sie gar? Siegrist verneint lächelnd: «Sie ist sogar leicht besser geworden. Früher mussten wir jährlich rund 0,6 Prozent der Steuern als uneinbringlich abschreiben, jetzt sind es noch 0,3 bis 0,4 Prozent.»

Das Herz schlägt für Italien

Grosse Pläne habe er vorerst nicht als Neurentner, sagt Siegrist. Er will mehr reisen, und etwas nachholen: «Als Jugendlicher habe ich den Klavierunterricht abgebrochen. Jetzt will ich wieder einsteigen und diesmal dran bleiben.» Und er will eine weitere Sprache lernen. Siegrist schwankt zwischen Italienisch und Spanisch, das Pendel neigt sich derzeit eher dem Italienischen zu.

Darauf deutet auch ein Bild an der Wand in seinem Büro im Telli-Hochhaus. Als die Kinder noch klein waren, traf man die Familie Siegrist in den Sommerferien oft in Sottomarina in Norditalien am Meer an. Bei einem Ausflug ins benachbarte Städtchen Chioggia mit einem Hauch von Venedig stach ihm das Bild eines heimischen Künstlers ins Auge. Siegrist erwarb es. Es erinnert ihn seither immer wieder an jene schönen Ferientage.

Zu Hause füllt er die gemeinsame Steuererklärung aus

Wenn er so viel mit Geld zu tun hat, ist er auch daheim der «Finanzminister» oder eher seine Frau? Über grössere Anschaffungen entscheide man gemeinsam, sagt Siegrist, die Steuererklärung füllt aber er aus.

Seit zehn Jahren geben er und sein Team jährlich Auskunft über das Jahresergebnis der «kleinen Steueramnestie». Eine grosse Amnestie ohne Bussenfolge würde er keinesfalls unterstützen, betont Siegrist: «Zu gross wäre die Versuchung, dass alles von vorne beginnt und man darauf spekuliert, dass man das hinterzogene Geld bei der nächsten Amnestie wieder weisswaschen kann.»

Mit der kleinen Amnestie hat er sich inzwischen aber angefreundet, wobei es ihn immer wieder erstaunt, dass auch jetzt immer wieder neue Gelder offengelegt werden. «Immerhin», so Siegrist pragmatisch, «gibt das jedes Mal Nachsteuern, was zur Gerechtigkeit beiträgt. Es ist aber richtig, dass sich jeder und jede nur einmal im Leben wegen Vermögenswerten in der Schweiz straflos selbst anzeigen kann.»

Auch als Rentner sorgsam mit dem Geld umgehen

Die SP ruft regelmässig nach mehr Steuerkommissären. Darum kämpfen würde er nicht, sagt Siegrist, nehmen würde er einige mehr aber schon. Zu hohe Erwartungen dämpft er: «Die zusätzlichen Einnahmen würden mit jeder zusätzlichen Stelle weniger stark steigen.» Etwas mehr Leute bei der Veranlagung hätte er sich aber schon gewünscht. 1000 Firmen mehr pro Jahr bedingten eigentlich jährlich eine zusätzliche Stelle. Die bekam er nicht. Man könne mit Digitalisierung und mehr Effizienz einiges abfedern, «aber eben nicht alles». So steigt der Ressourcendruck Jahr für Jahr.

Im Rückblick würde er die Stelle als Vorsteher des Kantonalen Steueramts wieder antreten, sagt Siegrist: «Meine Arbeit ist sehr vielfältig. Wir sind in der Gesetzgebung und deren Anwendung tätig, teilweise sogar in der Judikative, wenn wir über Steuererlasse bis zu einem gewissen Grad selbst entscheiden.» Er ist zudem an der Schnittstelle zwischen Staat, Wirtschaft und Bevölkerung tätig.

Haben die Riesensummen bei seiner Arbeit sein Verhältnis zum Geld verändert? Siegrist schüttelt lachend den Kopf: «Nein, überhaupt nicht, ich gehe damit so sorgsam um wie vor meiner Zeit als Steueramtschef. Als baldiger Neurentner sowieso.»

So erlebten Finanzdirektor Dieth und zwei Grossräte den Steueramtschef

Markus Dieth, Finanzdirektor CVP, sagt, mit seinem juristischen Scharfsinn, seiner grossen Erfahrung und dem Gespür für das politisch Machbare sowie als Mitherausgeber des Kommentars zum Aargauer Steuerrecht habe Dave Siegrist das kantonale Steueramt die letzten 30 Jahre geprägt und mit ruhiger und sicherer Hand während 20 Jahren geleitet: «Dave Siegrist steht für Sachlichkeit und Fairness im Steuersystem. Der Regierungsrat dankt ihm für seinen wertvollen Einsatz zugunsten des Kantons Aargau.»

Gertrud Häseli, Grossrätin Grüne, hat Dave Siegrist in Kommissionsberatungen als sehr bürgerfreundlich, zielführend und dossierfest erlebt: «Er fühlte sich offensichtlich mit seiner Arbeit mit seinen vielen Zahlen sehr wohl, was ich nicht könnte. Niemand sonst hat mit der Arbeit für den Kanton auch nur im Entferntesten so viel Geld eingenommen wie er.»

Lukas Pfisterer, Grossratsvizepräsident FDP, kennt Dave Siegrist aus Sitzungen der Finanzkommission als jemand, der sehr kompetent und fundiert Auskunft gibt, Fragen jeweils sachlich und korrekt beantwortet. Ausserhalb offizieller Anlässe erlebte Pfisterer ihn nicht als «trockenen Zahlenmenschen», sondern als sehr zugänglich. (mku)

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