Das Heimweh trieb sie zurück: Zu Besuch bei zwei betagten Frauen, die in der Todeszone von Tschernobyl ausharren

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Im Atomkraftwerk zu Tschernobyl kam es am 26. April 1986 zum GAU. Bild: Keystone

Die Landstrasse von der Grossstadt Gomel nach Stolbun an der russischen Grenze ist wenig befahren. Hier, im äussersten Nordosten Weissrusslands, gibt es keinen Grenzübergang zum grossen Nachbarn. Bald hinter der Provinzstadt Wetka leben auch nur noch wenige Menschen in dem stark bewaldeten Gebiet. Schuld daran ist das 150 Kilometer südlich liegende Atomkraftwerk Tschernobyl.

Als es dort am 26. April 1986 zum GAU kam und der vierte Reaktorblock explodierte, trieben radioaktive Wolken mindestens zehn Tage lang in diese Richtung. Russland wurde vom GAU wenig belastet, die damalige «Belarussische Sowjetrepublik» (BSSR) hingegen sehr stark. Bis heute gibt es dort so genannte Todeszonen, die sich auch 35 Jahre später wegen der radioaktiven Belastung nicht zum Leben eignen.

Die bekannteste solche Zone liegt in der Nähe von Chojniki, etwa 30 Kilometer von Tschernobyl entfernt. Sie ist offiziell vom Staatspräsidenten zum Naturschutzgebiet erklärt worden. Eine weitere Zone befindet sich wenig beachtet im Nordosten von Wetka, im Tal des Flüsschens Besed, das aus Russland nach Weissrussland fliesst.

Schilder warnen vor grosser Radioaktivität

Nur ab und zu patrouilliert ein meist nicht markiertes Polizeiauto über die Landstrasse. Links von ihr darf man nämlich nicht anhalten. Warnschilder machen auf sehr grosse Radioaktivität aufmerksam. Selbst lauschig-einladende Raststätten sind so markiert. Rechts der Landstrasse wiederum scheint die radioaktive Wolke 1986 nicht vorbei gekommen zu sein, denn dort stehen keine Warnschilder.

Wir sind mit einem unauffälligen, dunkelgrünen Skoda mit Minsker Nummernschild unterwegs und wollen dort reinfahren, wo es verboten ist. Wir suchen die letzten Bewohner der hier nach dem GAU im nahen ukrainischen AKW evakuierten Dörfer. Die meisten sind dem Erdboden gleich gemacht, sie wurden zwangsentvölkert und dann Haus für Haus, Stall für Stall abgetragen.

Ein ehemals blühendes sozialistisches Zentrum

Die Häuserreste wurden im Boden verscharrt. Wir aber wollen nach Bartolomejewka, wo zu Sowjetzeiten eine grosse Kolchose gestanden haben soll, ein blühendes Zentrum der sozialistischen Landwirtschaft. Dabei gilt es, von den Patrouillen nicht erwischt zu werden. Über einen Feldweg schlüpfen wir mit dem Skoda ins Dickicht, kommen bald an einem ausgeweideten Stahlbetongebäude vorbei, eine graue Trümmerlandschaft.

Die meisten Häuser sind längst verscharrt, doch ein paar alte Bauernkaten aus Holz wurden offenbar vergessen. Die Natur hat die meisten zurückerobert, Birken quellen aus den Dächern, wilde Himbeeren wuchern aus den Fenstern. Doch ganz am Ende des Dorfes scheint alles noch in Schuss. Hier haben Vera und Olga ausgeharrt. Mutter und Tochter, die letzten von einst mehreren Tausend Einwohnern des stattlichen Kolchose-Dorfes.

Die gut 60-jährige Olga freut sich über den unangemeldeten Besuch. Selten kommt hier einer vorbei, zumal das Betreten dieser Waldseite neben der Lokalstrasse streng verboten ist. Wir haben Buchweizen, Reis, Mehl, Speiseöl und ein paar weitere Grundnahrungsmittel mitgebracht. «Das Leben hier ist sehr einsam, schon lange war keiner mehr hier», sagt Olga und bittet ins geräumige, aber kühle Holzhaus.

Nach dem Unglück kamen die «hohen Tiere aus Misk»

Olga kocht Tee und bittet zum Gespräch mit ihrer Mutter, die viel mehr wüsste. Die gut 80-jährige Vera war einst Dorfvorsitzende, in den Siebzigerjahren des vorigen Jahrhunderts. Sie schwärmt von der Kolchose, dem Kulturhaus, den vielen Kühen in den Gemeinschaftsställen. «Wir waren eines der besten Kolchose-Dörfer», erzählt sie mit strahlenden Augen. «Bis zu jenem Unfall, jenem schrecklichen Unglück», sagt sie dann und wirkt nachdenklich.

 

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Spärlich eingerichtet ist es bei Olga und Vera im Holzhaus. Bild: flü

 

Unversehens seien bald danach «hohe Tiere» aus Minsk gekommen, hätten befohlen, alles einzupacken und die Häuser einzubuddeln. Vera kam mit ihrem damals noch lebenden Ehemann und den Kindern in eine geräumige, moderne Blockwohnung im nahen Städtchen Wetka. Doch dort war sie unglücklich. Sie sagt: «Wissen Sie, es war das Heimweh, dass mich trotz den Verboten zurücktrieb, die Weite, das schöne Flusstal.»

Zwar war die Rückkehr offiziell verboten, die meisten Häuser längst abgetragen, doch die Behörden tolerierten die wenigen zumeist betagten Rücksiedler. Am Anfang sei man noch ein gutes Dutzend gewesen. Nach der Unabhängigkeit Weissrusslands von 1991 habe jahrelang sogar ein fahrender Laden alle paar Tage an der alten Strasseneinfahrt Station gemacht, damit sie einkaufen konnten.

Man muss sich schon selbst zu helfen wissen

Schliesslich gäbe es ja auch einige wenige Bauernhäuser auf der nicht radioaktiv verseuchten Strassenseite. Tochter Olga mischt sich ein und sagt: «Doch damit ist leider längst Schluss, man will uns nicht mehr hier.»

Mutter und Tochter zanken kurz über die Staatsmacht unter Alexander Lukaschenko. Schliesslich einigt man sich, dass man sich schon immer vor allem selber zu helfen wissen musste.

Immerhin würden die Polizisten manchmal Besorgungen in Wetka machen, erzählt die betagte Vera. Dann zählt sie auf, wer alles hier gestorben sei im neuen Jahrtausend, wer diese Einsamkeit nicht ausgehalten habe und schliesslich doch wieder in die Stadt zurückgekehrt sei. «Wir sind noch die Letzten», sagte sie.

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