Verbreiteter Irrtum: Wie man sich auch auf einer Restaurant-Terrasse mit Corona anstecken kann

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Die Ansteckungsgefahr im Freien ist klein, aber nicht null. Bild: Keystone

Den Aperol-Spritz im Mund kurz prickeln und dann runterperlen lassen. Wunderbar. Ist der Schluck im Magen, muss allerdings die Maske wieder aufgesetzt werden. «Diese Massnahme ist totaler Unsinn. Die Ansteckung draussen ist gleich null», schreiben einige Leser und verschwörungstheoretisch Angehauchte sprechen sogar von einer Schikane des Staates. Ansteckung gleich null? Stimmt das?

Aerosole sammeln sich draussen nicht an

Natürlich nicht. Selbstverständlich kann man sich auch draussen anstecken. Das Risiko ist allerdings bedeutend kleiner als in Innenräumen, sagt der Aerosol-Spezialist Michael Riediker vom Swiss Centre for Occupational and Environmental Health (SCOEH) in Winterthur. «Eine Übertragung über das, was oft als Aerosol verstanden wird, also die kleinen Luftpartikel, ist draussen praktisch ausgeschlossen», sagt Riediker. Aerosole reichern sich in Innenräumen an und können je nach Situation schon nach einer Viertel- oder halben Stunde kritische Coronasituationen erzeugen.

«In der Aussenluft ist die Lüftung perfekt, die Aerosole sind nicht das Problem.»

Relevant sind im Freien aber die grossen Aerosole, die Tröpfchen. Ein einziges Tröpfchen mit 100 Mikrometer Grösse, das von einem Superemittenten kommt, reicht bereits für eine Ansteckung. So ein Tröpfchen eines Superverbreiters kann Tausende bis Hunderttausende Viren enthalten, die, wenn sie bis in Mund, Nase oder Augen eines Tischnachbarn gelangen, verheerende Wirkung haben können.

Chance einer Ansteckung ist klein

Damit diese Chance auf Ansteckung im Freien besteht, müssen aber einige Bedingungen erfüllt sein. Zum Beispiel eine Distanz von weniger als 2 bis 1,5 Meter. «Sie können sich das wie eine Spritzflasche zum Rosenspritzen vorstellen. Wenn Sie mit einer solchen Pumpspritzflasche auf ein Objekt zielen, das weiter als 1,5 Meter weg ist, haben Sie keine Chance, das zu treffen», sagt Riediker. Wer somit an einem windstillen Tisch sitzt und zwei Meter Abstand hält, ist ziemlich sicher.

Im KKL Luzern hat ein wissenschaftliches Team von Michael Riediker (links) zusammen mit Moritz Bienz Aerosolmessungen gemacht.

Im KKL Luzern hat ein wissenschaftliches Team von Michael Riediker (links) zusammen mit Moritz Bienz Aerosolmessungen gemacht.

Bild: Eveline Beerkircher

Das ändert sich bei starkem Rückwind, wie der Aerosol-Spezialist erklärt. Weht ein starker Wind über den Restauranttisch, reichen 1,5 Meter nicht mehr, wenn das Gegenüber keine Maske trägt. Eine Ansteckung ist dann über die Sprechtröpfchen des Tischnachbarn auch draussen möglich. «Hat man eine Maske auf oder wendet dem Infizierten den Rücken zu, ist die Gefahr aber nicht mehr da. Meine Empfehlung ist: Wer maskenfrei am gleichen Tisch sitzt, sollte zu einer Solidargemeinschaft gehören. Aus dem gleichen Haushalt oder zum Beispiel einer Gruppe von Profisportlern, die dauernd getestet werden», sagt Riediker. Sitzen Menschen aus verschiedenen Familien am gleichen Tisch, macht das Maskentragen je nach Situation Sinn.

Ob sich Leute daran halten, spielt für die reine Sinnhaftigkeit keine Rolle

Bei dieser Beurteilung spielt es keine Rolle, ob sich die Leute in der Realität daran halten oder nicht. Nur weil es Fahrer und Fahrerinnen gibt, die auf der Autobahn deutlich schneller als 120 km/h fahren, schafft man die Tempolimiten nicht ab. Riediker sagt, man müsse in einer Situation wie im Restaurant nicht immer das Maximum an Freiheit ausreizen und eine Schutzmassnahme auch treffen, wenn das Risiko nicht sehr gross sei. Immerhin meldete das BAG gestern wieder 2135 Neuinfektionen, drei Prozent mehr als in der Vorwoche.

Er appelliert für diese Situation im Freien an den gesunden Menschenverstand. Der sei bekanntlich aber nicht immer vorhanden, weshalb es halt Massnahmen brauche. Man müsse, um bei der Verkehrsanalogie zu bleiben, nur an Raser auf den Strassen denken. Oder an Menschen, die am Zürichsee gegen die Coronamassnahmen demonstrierten.

Generell ist das Ansteckungsrisiko im Freien aber überschaubar. Auch beim Vorbeilaufen an den Mitmenschen besteht kaum eine Gefahr, eigentlich braucht es Zeit, bis eine Ansteckung eine realistische Wahrscheinlichkeit hat, und die Virenlast des Infizierten muss drinnen wie draussen für eine Weiterverbreitung gross genug sein.

Grösser wird das Risiko in dichten Menschenmengen, in denen die Leute maskenfrei zusammenstehen. Vor allem wenn sich darunter ein Superspreader befindet. Das Virus verbreiten allerdings nur etwa 20 Prozent der Menschen mit hoher Virenlast. Man sieht es ihnen aber nicht an. Allerdings hat sich wie in Innenräumen auch draussen das Risiko einer Ansteckung durch die neue britische Variante erhöht. Trotzdem ist im Vergleich zu Innenräumen ein Superspreader-Anlass draussen viel seltener möglich. Auch weil dort die Lebensdauer der Viren durch die stärkere UV-Strahlung geringer ist.

Unterschiedliche Aussagen von US-Forschern zur Maskenpflicht im Freien

Mit der Maskenpflicht im Freien hat sich auch ein Forscherteam von der Universität von Kalifornien beschäftigt. Die Forscher räumen ein, dass das Risiko einer Übertragung des Covid-19-Virus in Innenräumen viel grösser ist als im Freien. Allerdings halten sie das Tragen von Masken bei Massenveranstaltungen im Freien für richtig, wenn Menschen länger und dicht zusammenstehen. Diese Erkenntnis ziehen sie aus dem Vergleich von Demonstrationen der Black-Lives-Matter-Bewegung mit einer Veranstaltung in South Dakota. Bei der Black-Lives-Matter-Demo hielten sich die Teilnehmer eher an Masken- und Distanzpflicht im Gegensatz zur Rally in South Dakota.

Forscher der University of St.Andrews widersprechen den kalifornischen Kollegen allerdings. Keine Superspreaderereignisse seien ausschliesslich im Freien aufgetreten. Bei der mehrtägigen Rally in South Dakota habe es viele Anlässe in Innenräumen gegeben, wo die Ansteckungsgefahr viel höher gewesen sei. Statt Maskenpflicht im Freien halten es die Forscher für wichtiger, die Bevölkerung darauf aufmerksam zu machen, in Innenräumen wachsam zu sein, und zu erklären, dass längerer und enger Kontakt auch im Freien ein Risiko darstelle.

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