Ein Ja ist nicht gewiss: So gespalten ist die Wirtschaft beim CO2-Gesetz

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Zwei Vertreter der Industrie mit unterschiedlichen Meinungen: Metallbauer Paul Mayer ist gegen, Ingenieur Josef Maushart ist für das CO2-Gesetz. Lucien Fluri /Hanspeter Bärtschi

Zwei Unternehmer mit Leib und Seele, zwei erfolgreiche Firmeninhaber, aber ganz unterschiedliche Ansichten, was das CO2-Gesetz betrifft: Dies sind der Solothurner Josef Maushart und der Zürcher Paul Mayer. Maushart fertigt mit 540 Mitarbeitenden hochpräzise Werkzeuge. Er sagt: Wenn die Schweiz den CO2-Ausstoss nicht reduziert, verliert die Industrie gegenüber der Konkurrenz.

Mayer ist ein Self-Made-Man, der einen Metallbaubetrieb aufgebaut hat. 35 Mitarbeitende hat er. Er sagt: Die neuen Abgaben können wir uns nicht leisten, sie verteuern den Werkplatz Schweiz zu sehr.

Was sind die Motive der beiden Männer? Zwei Porträts.

Josef Maushart sagt aus Überzeugung Ja zum CO2-Gesetz. Er warnt: Sonst könnte die Schweiz gegenüber China ins Hintertreffen geraten

Unternehmer Josef Maushart mit Produkten seiner Firma Fraisa.

Unternehmer Josef Maushart mit Produkten seiner Firma Fraisa.

Hanspeter Bärtschi

Es wird rasch sehr grundsätzlich, wenn Josef Maushart auf das CO2-Gesetz angesprochen wird. «Nichts gegen den Klimawandel zu tun ist aus ethisch-moralischer Sicht überhaupt keine Option», sagt der Unternehmer am Hauptsitz seiner Firma in Bellach (SO). Von seinem Sitzungszimmer aus kann der 56-Jährige auf die dichtbewaldete Jurakette hinter Solothurn blicken. Dort verändere sich der Baumbestand aufgrund der Trockenheit gerade massiv, sagt Maushart. Und diese Veränderung werde nicht langsam, aber stetig erfolgen. «Es gibt einen Kipppunkt im Ökosystem. Danach könne wir nicht mehr zurück.» Maushart ist überzeugt: «Jeder hat die Pflicht, seinen Beitrag zu leisten.»

Maushart ist Patron des Werkzeugherstellers Fraisa. Ein Hochtechnologiebetrieb mit 540 Mitarbeitenden an sieben Standorten weltweit, doch der Grossteil der Produktion findet noch immer in der Schweiz statt. Der Solothurner mit bayerischen Wurzeln gilt als umsichtiger Unternehmer: Er ist sozial engagiert, sass für die CVP im Solothurner Kantonsparlament und fördert die Lehrlingsausbildung.

Macht die Schweiz nicht mit, profitiert die Konkurrenz

Wenn er sich für das CO2-Gesetz einsetzt, dann geht es ihm jedoch nicht nur um Ethik, sondern auch um handfeste geschäftliche Interessen. «Der deutsche Autohersteller VW will ab 2038 Modelle klimaneutral produzieren. Er erwartet, dass jeder Zulieferer klimaneutral anliefert», erklärt Maushart und ergänzt: Bisher hätten es chinesische Firmen schwierig gehabt, in den europäischen Markt vorzudringen.

«Sobald chinesische oder andere Konkurrenten eine CO2-neutrale Lösung anbieten und wir haben sie nicht, dann haben wir verloren».

Und das Rennen sei durchaus ernst zu nehmen: «Die Zeit des Kopierens ist in China vorbei. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht ins Hintertreffen geraten.» Mausharts Fazit: Wenn eine Schweizer Firma am Weltmarkt mithalten wolle, tue sie gut dran, rasch den CO2-Ausstoss zu verringern. Vor allem aber müsse sie dies vor der Konkurrenz tun. «Für die Industrie ist klar, dass wir CO2-neutral werden müssen.»

Gesetz entlastet KMU bei Investitionen für mehr Energieeffizient

Maushart ist überzeugt: Das CO2-Gesetz, das auf Lenkungsabgaben statt auf Verbote setze, werde die Industrie dabei unterstützen, gerade auch mittelgrosse Betriebe. Denn, so Maushart: «Heute habe ich keinen Nutzen, wenn ich den ökologischen Fussabdruck verkleinere.»

Künftig aber werden sich, anders als heute, auch KMU von der CO2-Abgabe befreien lassen können, wenn sie klimafreundliche Massnahmen umsetzen. «So können sich Investitionen wesentlich rentabler gestalten lassen. Mit dem Gesetz könnte unheimlich viel in Bewegung kommen.» Maushart sagt:

«Verlierer wird nur sein, wer partout nichts beitragen will.»

Der Solothurner weiss detailliert, weshalb an welchem Betriebsstandort wie viel CO2-ausgestossen wird. 100'000 Franken gab er im vergangenen Jahr für eine Untersuchung aus, damit die Fachhochschule Nordwestschweiz den ökologischen Fussabdruck seines Unternehmens genau analysierte.

Ein Drittel der Firmenflotte soll auf Elektroautos umgestellt werden

Dabei gab es überraschende Erkenntnisse: Maushart hatte gedacht, dass der Warentransport einen erheblichen Anteil ausmacht; doch dies war nicht der Fall. Dafür sorgte die Mitarbeitermobilität, also das Pendeln zur Firma oder die Aussendiensteinsätze, für 20 Prozent des CO2-Ausstosses. Maushart will als Konsequenz nun einen Drittel der Fahrzeugflotte, die von den Mitarbeitenden auch privat genutzt wird, auf E-Autos umstellen. Rund ums Gebäude gibt es bereits heute Stromzapfsäulen. 2020 eröffnete die Firma einen Neubau; der Stromverbrauch konnte in gewissen Produktionsbereichen um 25 Prozent gesenkt werden

Die nächste grosse Herausforderung werde die Demografie, sagt der Ingenieur. Hervorragende Fachkräfte zu finden, werde noch schwieriger. Bestehen könnten in diesem Wettbewerb um die besten Mitarbeitenden vor allem Firmen, deren Wertesysteme überzeugend seien: Sozial, ökologisch und ökonomisch, nachhaltig. Auch deshalb will er sein Unternehmen noch nachhaltiger ausrichten.

«Ich will der nächsten Generation in die Augen schauen können»

Als Warnung sieht er eine Episode in der Firmengeschichte: 1988 übernahm die Fraisa eine Firma im Baselbiet, die mit dem Öl nicht vorsichtig umging. 7,3 Millionen Franken investierte die Fraisa seither, um das inzwischen stillgelegte Gelände von den Altlasten zu befreien.

«Dabei hätte man dies damals schon verhindern können, wenn man umsichtig gehandelt hätte.»

Unternehmer Maushart will nicht, dass ihm seine Kinder einmal vorwerfen, nicht nachhaltig gehandelt zu haben. «Ich habe das Bedürfnis, der nächsten Generation in die Augen schauen zu können.»

Paul Mayer ist gegen das CO2-Gesetz: Was an neuen Abgaben anfalle, könne im Betrieb kaum durch Produktivitätssteigerungen kompensiert werden

Metallbauer Paul Mayer in einer Werkhalle der Pamag in Marthalen (ZH).

Metallbauer Paul Mayer in einer Werkhalle der Pamag in Marthalen (ZH).

LFH

Paul Mayer (57) hat alles aus eigener Kraft aufgebaut: In 28 Jahren wurde aus seinem Ein-Mann-Betrieb eine Firma mit 35 Angestellten. Der Metallbaubetrieb stellt Geländer her, Windschütze oder Balkontürme für Mehrfamilienhäuser. Die Spannweite reicht vom 100-fränkigen Kleinstgeschäft bis zur Millionenbaustelle.

«Wir hätten keine Freude, wenn das CO2-Gesetz angenommen wird»,

sagt Metallbauer Mayer an einem Tisch in der Betriebskantine seiner Firma in Marthalen (ZH); ein idyllisch gelegenes Dorf im Zürcher Weinland, zwischen Winterthur und Schaffhausen. 3000 Franken würde sein Betrieb alleine fürs Benzin zusätzlich zahlen, sagt Firmeninhaber Mayer. Weitere Kosten für die Rohstoffbeschaffung kämen hinzu.

Vorschriften verursachten seit 2015 80'000 Franken Mehrkosten pro Jahr

Mayer, der für die SVP im Zürcher Kantonsrat sitzt, ist ein Mann, der es genau nimmt mit den Zahlen. Er ist nicht nur stolz, dass kaum ein anderer Betrieb in der Schweiz auf so wenig Fläche so viel herstelle. Er hat auch Buch geführt über all die neuen Gesetze und die bürokratischen Hürden, die seinem Betrieb seit 2015 verfügt wurden. Zertifzieren, Vaterschaftsurlaub, SUVA-Beiträge, etc.

«Alles zusammengezählt ergibt dies für unseren Betrieb 80'000 Franken Zusatzkosten pro Jahr»,

sagt Mayer und holt eine neue Rechnung aus dem Büro: Die Schwerverkehrsabgabe LSVA wird bald ansteigen. 4400 Franken mache dies pro Jahr für seinen Betrieb aus. «Mehr mag es einfach nicht leiden», sagt der Unternehmer.

Mayer bedauert, dass es nicht mehr Gewerbevertreter in der Politik gibt

An einem Wochenende hat er kürzlich das CO2-Gesetz ausgedruckt und Dutzende Seiten gelesen. Er wollte wissen, was an neuen Abgaben auf ihn zu käme. Mayer sagt: Was zusätzlich an Kosten und bürokratischem Aufwand auf ihn zukommen werde, lasse sich unten im Betrieb kaum mehr durch Produktivitätssteigerung rausholen. Oder mit anderen Worten:

«Unsere Konkurrenz sitzt nicht in St. Gallen oder Bern. Was wir tun, kann man günstiger auch in Slowenien. So werden Arbeitsplätze exportiert.»

Das ist der Grund, warum er gegen das Gesetz ist. «Praktiker, die wissen, woher das Geld kommt, fehlen in der Politik», sagt er mit Blick auf die Abgaben.

Was passiert mit dem Flughafen Zürich?

Mayer führt durch den Betrieb. In zwei Hallen wird geschweisst und gearbeitet. Auf bis zu 80 Baustellen gleichzeitig ist der Betrieb. Die Planung der Fabrikate geschieht in 3D. Vor Ort sein, schnell sein: Das sei sein Vorteil, sagt Mayer, der mehrere Lehrlinge pro Jahr ausbildet. Der Gewerbevertreter ist überzeugt:

«Wir können die Welt nicht so schnell verändern, wie dies die Befürworter des CO2-Gesetzes möchten. Wenn wir dies tun, dann gibt es wirtschaftliche Einbussen.»

Der Zürcher SVP-Politiker fürchtet etwa um den Flughafen. «Als das Swissair-Grounding war, spürte dies die Region noch Jahre.»

Mayers Prinzip: Lieber selbst handeln als vom Staat gelenkt

Doch was ist sein Rezept? «Die Leute müssen selbst zur Einsicht kommen und den Konsum reduzieren», sagt Mayer. Ist dies nicht das Prinzip Hoffnung? Er sagt:

«Ich erzähle das nicht nur, ich mache dies auch.»

Das Unternehmen hat seit 15 Jahren eine Wärmepumpe, der Diesel-Stapler wurde durch ein Elektromodell ersetzt, auf seinem Privathaus steht eine Photovoltaikanlage und die Ferien verbringt er meist in der Schweiz. Zwar könnte er künftig von Abgaben befreit werden, wenn er klimafreundliche Massnahmen umsetzt. Aber Mayer will selbst handeln und keine staatliche Lenkung. «Wenn man uns Zeit lässt, geht es von selbst», sagt er. «Heute wirft niemand mehr den Abfall in die Grube. Alle trennen ihn.»Pläne für eine Photovoltaikanlage auf dem Firmendach hat er schon im Hinterkopf.

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