Papierkrieg, Schnelltests und Masken: So lief der erste Pilotanlass im Kanton Aargau ab

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Ein Fest im kleinen Rahmen und unter besonderen Umständen. Bild: Alexander Wagner

«Guten Morgen zusammen, seid ihr geimpft oder getestet?» Die Frage der Sicherheitsdienst-Mitarbeiter beim Zuschauereingang ist an diesem frühen Sonntagmorgen auf der Schützenmatte in Lenzburg im 30-Sekunden-Takt zu hören. Wer sie bejaht, darf sich in der rechten Kolonne anstellen. Wer weder, geimpft, getestet noch genesen ist (oder keinen Nachweis hat), der muss die linke der drei Spuren nehmen.

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Die Security-Mitarbeiter beim Engang weisen die Zuschauer ein. Bild: Alexander Wagner

 

Die führt direkt in die Reithalle, wo insgesamt 16 Test-Tische stehen. Pro Tisch dürfen sich maximal vier «Patienten» gleichzeitig aufhalten. 15 Tische sind in Betrieb. Der 16., ganz hinten links in der Halle, ist für allfällige positiv Getestete reserviert. Die würde man dort noch einmal testen – und sie dann nach Hause schicken. Weder am Samstagnachmittag, als das Testzentrum auf dem Schwing-Gelände bereits einmal ein paar Stunden geöffnet hat, noch am Sonntag muss diese Massnahme ergriffen werden.

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Eine Zuschauerin macht den Schnelltest. Bild: Alexander Wagner

 

Von den total 410 Tests, die gemacht wurden, ist kein einziger positiv, meldeten die Organisatoren. 60 Leute könnte man in diesem Setting also gleichzeitig in einer Viertelstunde testen. Das wären über 200 pro Stunde. Wartezeiten gibt es in Lenzburg jedoch keine. Die Testtische sind höchstens zur Hälfte ausgelastet.

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Papierkrieg beim Eingang. Bild: Alexander Wagner

 

Nach gut 15 Minuten ist die Schnelltest-Prozedur in der Regel vorbei. Danach geht es zur Registrierung beim Eingang. Dort, an den drei Tischen, herrscht eine ordentliche Zettelwirtschaft. Negative Testergebnisse, Impfbescheinigungen oder Genesungsbeweise werden zusammen mit den Formularen mit den Kontaktdaten hin und her geschoben. Ein kleines Wunder, dass die Funktionäre in diesem Papierwust die Übersicht behalten. Auf langen, ausgedruckten Excel-Listen werden persönliche Daten nach Vorweisen der ID kontrolliert, ein Stempel auf den Handrücken gedrückt, verschiedenfarbige Bändeli verteilt und schliesslich die Sitzplätze zugewiesen. Jeder einzelne Zuschauer hat seinen fixen Platz, den er möglichst nicht verlassen sollte.

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Maximal 20 Minuten mussten die Zuschauer anstehen. Bild: Alexander Wagner

 

Die Schwingerfreunde lassen die Prozedur geduldig über sich ergehen. Während des grössten Andrangs am Sonntagmorgen beträgt die Wartezeit maximal 20 Minuten. Bisweilen spielt es keine Rolle, ob man sich vor Ort testen lässt oder ob man die entsprechenden Dokumente bereits dabei hat. Die Schlange der «Vorbereiteten» ist recht lange. Beim Testen gibt es derweil keine Kolonne, dafür muss man auf sein Resultat warten. «Vielen Dank, ihr macht das gut», meldet ein Zuschauer mit einem Lächeln zurück. Die Stimmung ist entspannt. Und selbst wenn sich der eine oder andere Besucher über die nicht unkomplizierten Massnahmen wundert, so lässt man sich nichts anmerken. Einer meint schmunzelnd: «Ich musste nur meinen Fahrausweis nicht zeigen.»

Der OK-Präsident beobachtet die Eingangsprozedur

OK-Präsident Erich Renfer beobachtet die Szenerie im Eingangsbereich eine Zeit lang höchstpersönlich und ist zufrieden. «Läuft so weit alles gut», meldet er zurück. Nach einer schier endlos langen Anlaufzeit geht «sein» Schwingfest endlich über die Bühne. Zwar bei weitem nicht so, wie man das ursprünglich geplant hatte. 5000 Zuschauer hätte man in Lenzburg unter normalen Umständen in einer schmucken Arena mit Tribünen und grossem Festgelände begrüsst. Aber allein die Tatsache, dass das Kantonale mit Publikum stattfindet, ist schon ein gewaltiger Hosenlupf – besonders unter diesen ganz speziellen Rahmenbedingungen als Pilotprojekt für künftige Grossveranstaltungen im Kanton Aargau.

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Vorne wird ein Kampfrichter getestet, im Hintergrund ist der Gabentempel zu erkennen. Bild: Alexander Wagner

 

Auf der anderen Seite des Gebäudes, in dem Reit- und Turnhalle beheimatet sind, befindet sich der Eingang für die Funktionäre und die Sportler. Schwinger und Zuschauer sollen an diesem Anlass konsequent getrennt werden. Während des Schwingfests selber wird immer wieder diese Durchsage zu hören sein: «Liebe Schwinger, mischt euch bitte nicht mit den Zuschauern!»

Wer sich nicht dran hält, wird von den Ordnern immer wieder darauf aufmerksam gemacht. Man merkt: Das Bemühen ist gross, alles richtig zu machen und der erhofften Vorbildfunktion für künftige Anlässe gerecht zu werden. Auf den Zuschauerbänken, die nicht bis auf den letzten Platz besetzt sind, wird die Maskentragpflicht grösstenteils eingehalten. Wobei bei den «Maskenlosen» nicht immer klar erkennbar ist, ob sie gerade ein Getränk oder eine Speise konsumieren, am Rauchen sind oder den Mund- und Nasenschutz absichtlich nicht tragen. Aber eben: Die Abstände sind gross genug, die Frischluftzufuhr auf der Schützenmatte jederzeit gewährleistet. Und auch die Durchsagen lassen keine Zweifel aufkommen, dass es den Organisatoren mit der Einhaltung der Regeln ernst ist: «Liebe Zuschauer: Zieht die Masken an, haltet Abstand, esst und trinkt am Platz. Danke für Eure Unterstützung!»

Am Mittag, als sich die Zuschauer verpflegen – auch das ohne Gedränge an den Verpflegungsständen – dreht auch eine Patrouille der Aargauer Kantonspolizei ihre Runden auf dem Festgelände. Die Gesetzvertreter markieren Präsenz, doch ihr Interesse am Verhalten der Zuschauer hält sich in engen Grenzen. Mehr ist auch nicht zwingend nötig. Dazu ist das Schwingervolk viel zu diszipliniert und auch das Bewusstsein vorhanden, dass man sich keine Extravaganzen leisten kann, wenn dieses Fest im Aargau der Wegbereiter für weitere Schwinger-Highlights in der laufenden Saison sein soll.

Das Fest geht am späten Nachmittag mit dem Triumph von Schwingerkönig Christian Stucki zu Ende. Die 513 Zuschauer und die Sportler machen sich zufrieden auf den Heimweg. Nein, ein normales Schwingfest hatten sie in Lenzburg nicht erlebt. Aber sich doch mal wieder im kleineren Rahmen treffen dürfen. Es war zumindest ein kleiner Schritt zurück in die Normalität.

Nachgefragt bei OK-Präsident Erich Renfer

Wie fällt Ihre Bilanz des Schwingfests aus?

Erich Renfer: Wir hätten uns natürlich mehr Zuschauer gewünscht. Aber wenn ich das ausklammere, dann ist der Anlass überraschend gut über die Bühne gegangen. Trotz der einen oder anderen kleinen Panne, die es trotz aller Planung und Organisation geben kann.

Weshalb überraschend?

Weil ich nicht damit gerechnet habe, dass alles so gut klappt. Wir hatten im Vorfeld ja viele schwierige Aufgaben, die wir lösen mussten. Wir durften nur wenige Leute am Anlass begrüssen. Deshalb hätte ich mit einem deutlich verhalteneren Feedback gerechnet.

Welche positiven Rückmeldungen erhielten Sie?

Die Fernsehübertragung, die noch einen vertieften Einblick in die ganze Organisation des Anlasses ermöglichte, kam sehr gut an. Da erhielt ich sogar aus anderen Kantonen anerkennende Nachrichten. Und auch die Zuschauer, die hier in Lenzburg auf dem Festgelände weilten, schwärmten davon, was wir innert kürzester Zeit auf die Beine gestellt haben.

Sind Sie selber auch stolz?

Ja sicher. Weil lange Zeit alle Zeichen auf eine Absage hindeuteten. Es verstrich ein Termin nach dem anderen. Und wir mussten unsere Erwartungshaltung laufend anpassen. Uns lief die Zeit davon. Am 13. Mai konnten wir uns beim Kanton bewerben für den Pilotanlass. Am 27. Mai, also zehn Tage vor dem Fest, erhielten wir dann die Bewilligung. Das war dann am Ende ein organisatorischer Kraftakt.

Trotz aller positiver Aspekte: Wie oft haben Sie sich beim Gedanken ertappt: «Was wäre hier losgewesen mit 5000 Zuschauern?»

Wenn wir das Fest im ursprünglich geplanten Rahmen hätten durchführen können, dann wäre das natürlich das Nonplusultra gewesen. Das hätte bei den Zuschauern einen nachhaltigen Effekt gehabt, den auch die TV-Präsenz nicht ersetzen kann. Jetzt mussten wir halt wieder zurück zu den Wurzeln, was ja manchmal auch nicht so schlecht ist.

Kann man die finanziellen Auswirkungen schon beziffern?

Wenn wir ans Geld gedacht hätten, dann hätten wir diesen Anlass unter diesen Bedingungen gar nie durchführen dürfen. Für uns stand schlicht und einfach im Vordergrund, dass wir überhaupt ein Schwingfest organisieren dürfen. Aber natürlich hoffe ich und arbeite ich mit meinem Team auch darauf hin, dass wir am Ende zumindest eine schwarze Null schreiben können.

Wie läuft jetzt die Auswertung des Pilotprojekts?

Ich muss innerhalb von zehn Tagen für den Kanton einen sogenannten Evaluationsbericht verfassen. Das wird mich noch ein paar Stunden Arbeit kosten.

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