Die Pandemie geht zu Ende: Wie sollen wir uns nun wieder begegnen?

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Fist Bump oder Handschlag? Der gemeinsame Nenner wurde uns abtrainiert. Bild: Getty Images

Es ist endlich richtig Sommer, und selbst der Bundesrat ist fast geblendet vom Licht am Ende des Coronatunnels. Alle Zeichen stehen auf «Return to Normal», doch so einfach ist das gar nicht. Während die einen noch im Höhlenmodus leben und etwas unbeholfen ins Leben stolpern, haben andere schon fast vergessen, dass da mal was war. Das Leben kehrt zurück, wir begegnen uns wieder, ob wir wollen oder nicht. Das führt unweigerlich zu zwischenmenschlichen Kollisionen. Und zu ein paar Überlegungen, was wir aus dieser zwangsvereinzelten Zeit mitnehmen sollten und was nicht.

Schlange stehen: Jetzt aber richtig

Schweizerinnen und Schweizer haben in der Welt draussen nicht gerade den Ruf, dass sie gut anstehen können. Eher untypisch für ein Volk, das als sehr reglementiert gilt, neigten wir zu seltsamen Traubenbildungen, unübersichtlichen Zweit- und Drittschlangen. Nun, die Coronamassnahmen haben uns auch in dieser Hinsicht zivilisiert – mit Markierungen und Absperrungen, die wirklich jedes Kind versteht: Hier wartest du, hier der nächste. Ist recht einleuchtend, können wir gerne so beibehalten.

Begrüssungen: Richtig innig oder gar kein Kontakt

Es ist so weit: Wildfremde Menschen strecken einem zur Begrüssung plötzlich wieder die Hand entgegen. Und bevor man sich versieht, hat man diese reflexartig gegriffen. Und will sie ebenso reflexartig wieder zurückziehen. Das neue gelernte Verhaltensmuster kollidiert frontal mit dem alten anerzogenen. Zurück bleibt ein seltsames Gefühl. Ist so viel Hautkontakt nicht noch zu früh? Aus virologischer Sicht ja. Aus virologischer Sicht müsste man den Handschlag auch nie mehr einführen. Er ist der hygienische Super-GAU unter den Begrüssungsformen. Nur mit einem Zungenkuss schaffen es mehr Bakterien und Viren auf den nächsten Wirt. Das Gleiche gilt auch für das Niesen in den Ellenbogen statt in die Handinnenflächen: Bitte beibehalten, die nächste Grippewelle dürfte allein dadurch deutlich flacher ausfallen.

Die sehr schweizerischen drei Wangenküsschen könnten jedoch schon bald wieder Einzug halten – weil in die Luft gehaucht recht unbedenklich. Aber wollen wir das? Dieses affektierte Luftgeküsse mit Halbfremden, deren Wangen wir berühren, obwohl wir uns kaum ihre Namen merken können? Wenn wir uns schon wieder näher kommen dürfen, dann doch richtig, zumindest mit den Richtigen. Eine herzhafte Umarmung, ein leichter Drücker und gut ist. Und wen man nicht umarmen mag, für den reicht ein freundliches «Grüezi» völlig.

Abstand: Mindestens eine Armlänge bitte

Zumal das Bedürfnis nach Distanz ganz sicher noch eine Weile bestehen bleibt. Der Sicherheitsabstand von eineinhalb Metern hat sich in unser Hirn gebrannt. Instinktiv weichen wir zurück, kommt uns jemand zu nahe, sei es in der Gemüseabteilung oder am Kaffeeautomaten. Das dürfte noch aus einem anderen Grund so bleiben: Weil es schlicht unserem Wesen entspricht. Laut dem Anthropologen Edward T. Hall liegt die ideale Distanz für den Umgang mit Fremden bei 3,7 Meter. Alles andere löse bei den meisten Menschen Unbehagen aus.

Die coronakonformen eineinhalb Meter wären für enge Freunde und gute Bekannte reserviert. Weichen wir also weiterhin zurück, wo es der Platz erlaubt. Es ist nicht unfreundlich, sondern einfach menschlich.

Termine: Luft in der Agenda und im Kopf

Die Agenda war monatelang leer wie eine Seifenblase. Nun droht sie schon bald wieder zu platzen, überfüllt mit Aufgeschobenem, Dringendem und Verpflichtendem. Bevor man sich versieht, findet man sich von sozialer Interaktion ermattet auf dem Sofa wieder. So auf all das Wiedersehen gefreut und jetzt: alles ein bisschen viel. Das menschliche Gehirn neigt dazu, negative Erinnerungen schneller zu überschreiben als positive.

Darum haben wir vor lauter Vermissen und Klagen vergessen, dass gewisse Freunde, Verwandten oder Schulanlässe auch einfach nerven. Die Dosis macht auch hier das Gift. Wir sollten mehr Nein sagen und nicht das Gefühl haben, wir müssten jetzt auf jeden Anlass hüpfen, der sich einem im Umkreis von 20 Kilometern anbietet. Nur weil man wieder kann, muss man nicht. Wenn wir etwas gelernt haben in den vergangenen Monaten, dann, dass einfach zu Hause zu bleiben, nicht das Ende der Welt bedeutet.

Verbindlichkeit: Ja heisst Ja und Nein heisst Nein

«Wir kommen vielleicht, mal schauen, ist gerade viel los.» Diese Art von mühsamen Nicht-Zusagen waren für ein Jahr Tempi passati. Wenn man nur vier Personen einladen kann, dann kommen diese vier Personen auch. Und jene, die nicht wollten, behaupteten, sie seien wegen Corona noch etwas vorsichtig. Jetzt wird es wieder multioptional und damit unverbindlich und kompliziert. So muss es aber eigentlich nicht sein, wenn wir es so machen wie während der Pandemie: Sich vorher überlegen, mit wem man wo seine Freizeit verbringen will und alles andere lassen.

Bleibt die Frage, wie lange es dauern wird, bis wir nicht mehr zusammenzucken, wenn jemand in unserer Nähe niest. Mindestens ein «normaler» Grippewinter wird dafür wohl nötig sein.

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