Fachnoten weg, zweite Fremdsprache weg: KV-Reform stösst im Aargau auf Widerstand

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Die Digitalisierung hat auch die Anforderungen an die kaufmännische Grundausbildung verändert. Dass die Reform nötig ist, ist unbestritten. Beim Inhalt ist man sich uneins. Symbolbild: Andrea Stalder

Das letzte Traktandum der Grossratssitzung vom Dienstag könnte für Diskussionen sorgen. Die SVP-Fraktion stellt einen Antrag auf Direktbeschluss für ihre am letzten Dienstag eingereichte Standesinitiative. Diese fordert den «sofortigen Marschhalt mit anschliessendem Neustart» der KV-Reform. Erklärt der Grosse Rat die Initiative für erheblich, müsste die Bildungskommission innert vier Monaten dem Parlament einen Bericht und Antrag dazu unterbreiten.

Staatssekretariat für Bildung führte Anhörung durch

Die KV-Reform ist eine nationale Angelegenheit. Das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) hat dazu von Januar bis April dieses Jahres eine Anhörung durchgeführt. Die KV-Ausbildung ist zuletzt 2004 angepasst worden – dass es wegen der Digitalisierung und neuen Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt eine Reform braucht, ist unbestritten. Doch während sich Teile der Branche – der Schweizerische Arbeitgeberverband, der Gewerbeverband und auch der kaufmännische Verband Schweiz – positiv zur Vorlage äussern, sehen das vorab die schulischen Akteure anders (siehe Text unten). Auch im Aargau.

Kritik von Bildungsdirektor Hürzeler

Alex Hürzeler, Bildungsdirektor.

Alex Hürzeler, Bildungsdirektor.

Britta Gut

«In Anbetracht der nun vorliegenden Eckwerte wecken die Tragweite und die Radikalität dieser KV-Reform grosse Besorgnis, die auch von Berufsfachschulen sowie Lehrbetrieben geteilt wird», schrieb Bildungsdirektor Alex Hürzeler in seinem Begleitbrief zur Anhörungs-Antwort des Bildungsdepartements vom 20. April. Der Kanton Aargau stellt daher vier Forderungen: Auf die Auflösung der bisherigen Unterrichtsfächer sei zu verzichten, die zweite obligatorische Fremdsprache sei beizubehalten, für die schulisch orientierte Grundbildung sei ein eigener Abschnitt in der Bildungsverordnung sowie ein eigener Bildungsplan zu erstellen. Und schliesslich sei die Reform um mindestens ein Jahr zu verschieben.

Der letzte Punkt ist inzwischen bereits erfüllt, die «KV-Reform 2022» tritt erst 2023 in Kraft. Weil die Abschaffung der obligatorischen zweiten Fremdsprache sehr umstritten ist, wurde dafür auch die Anhörung, mit zwei Varianten, bis Anfang Juni verlängert.

Würde sich der Aargau lächerlich machen?

SP-Grossrat Thomas Leitch.

SP-Grossrat Thomas Leitch.

Britta Gut

Doch trotz aller Kritik: Ob der Grosse Rat am Dienstag die Standesinitiative überweisen und damit die Reform stoppen will, ist unsicher. Ob diese überhaupt als Instrument taugt, um Druck aufzubauen, ebenso. «Bildungspläne und Bildungsverordnungen fallen nicht in die Zuständigkeit der Bundesversammlung, folglich bewirkt eine Standesinitiative nichts», sagt Sekundarlehrer und SP-Grossrat Thomas Leitch. Der Aargau würde sich gar lächerlich machen, wenn er damit an den Bund gelangen würde, sagt der langjährige Bildungspolitiker. Gemäss Bundesgesetz erlässt das Staatssekretariat für Bildung die Bildungsverordnungen bei der beruflichen Grundbildung. Es erlässt sie auf Antrag der Organisationen der Arbeitswelt oder bei Bedarf auch von sich aus.

Um zuständig zu sein, müsste das Parlament sich zuerst diese Kompetenz geben und das Bundesgesetz ändern, was kaum wahrscheinlich sei, so Leitch. Zudem komme die Initiative zu spät, da bereits die Vernehmlassung gelaufen ist. Er hat seine Kritik bei SVP-Grossrätin Maya Meier, der Sprecherin der Initiative, bereits deponiert.

SVP hält an Standesinitiative fest

Doch diese hält an ihrem Vorstoss fest. «Dass die Standesinitiative das falsche Instrument ist, ist eine mutlose Ausrede», schreibt Maya Meier auf Anfrage. Es könne nicht sein, dass sich alle über einen Missstand einig seien, dann aber niemand etwas unternehme. Sie stehe in Kontakt mit einigen Berufsverbänden, welche ihr bestätigten, dass der politische Weg die einzig verbliebene Möglichkeit sei. Maya Meier schreibt:

SVP-Grossrätin Maya Meier.

SVP-Grossrätin Maya Meier.

Chris Iseli
«Die Standesinitiative ist das einzige uns zur Verfügung stehende Instrument, um aus dem Aargau den nötigen politischen Druck aufzusetzen.»

Angesichts der Kosten, welche bei der Umsetzung der Reform für den Kanton anfallen, dürfe sich dieser hier auch wehren, findet Meyer.

Die nationalrätliche Bildungskommission habe einen Antrag für die Verschiebung der Reform um ein Jahr gutgeheissen. Somit fühle sich das Parlament sehr wohl zuständig in dieser Sache. «Ich bin überzeugt, dass eine Einführung auf keinen Fall gegen den Willen des nationalen Parlaments beschlossen würde, daher ist der Weg über die Standesinitiative goldrichtig», so Maya Meier. Vielleicht würden dem Aargauer Beispiel sogar weitere Kantone folgen.

Thomas Leitch kann sich nicht vorstellen, dass die noch offenen Kritikpunkte ungehört bleiben. Das Bildungs-Staatssekretariat werde diese in der Auswertung der Vernehmlassungsantworten gewichten und entsprechend berücksichtigen müssen. «Wichtig ist, dass nicht nur die Branchen, sondern auch die Berufsschulen mit der Reform abgeholt werden», sagt der Bildungspolitiker. Die Kritik aus der Bildung zeige, dass dies noch nicht ganz der Fall sei.

KV-Rektoren üben Kritik an der Reform – sie sind mit den Forderungen der Standesinitiative einverstanden

Jörg Pfister, Präsident der Aargauer KV-Rektorenkonferenz, Gesamtleiter und Rektor Grundbildung Zentrum Bildung – Wirtschaftsschule, KV Aargau Ost. Fotografiert am 14. Oktober 2020.

Jörg Pfister, Präsident der Aargauer KV-Rektorenkonferenz, Gesamtleiter und Rektor Grundbildung Zentrum Bildung – Wirtschaftsschule, KV Aargau Ost. Fotografiert am 14. Oktober 2020.

Sandra Ardizzone

Auch die Aargauer KV-Rektorenkonferenz hat zur Reform «Kaufleute 2022» in der Vernehmlassung eine Eingabe gemacht. «Es stecken viele gute Überlegungen in der Reform. Vieles aber ist nicht praktikabel, teilweise gar ein Rückschritt», sagt Jörg Pfister, Präsident der Konferenz. Dass es die Reform braucht, ist auch bei den KV-Rektoren unbestritten. Sich bis zur Umsetzung ein Jahr länger Zeit zu lassen, sei aber willkommen. «Im Sinne einer Weiterentwicklung könnten die umstrittenen Punkte noch einmal überarbeitet werden. Etwas Druck ist darum gut», so Pfister.

Zum politischen Instrument der Standesinitiative nimmt die KV-Rektorenkonferenz keine Stellung, inhaltlich ist sie mit der SVP aber einverstanden. Warum das so ist, erläutert Jörg Pfister im Namen seiner Aargauer KV-Rektorenkollegen anhand der vier Kritikpunkte der Initiative:

Forderung: Keine Aufhebung der Fächerstruktur mit gleichzeitiger Abschaffung der Fach-Noten

Statt der klassischen Fächer sollen «Handlungskompetenzen» bewertet werden. «Diese sind wichtig, ihnen mehr Gewicht zu geben, ist richtig. Um sie zu erwerben, braucht es aber zuerst die fachlichen Grundlagen. Hier unterscheidet sich das KV auch von anderen Berufsausbildungen», sagt Jörg Pfister. Zweitens sei das fachliche Wissen im Zeugnis schlecht ablesbar, wenn nur die Handlungskompetenzen ausgewiesen würden, «sinnvoll wäre eine Verknüpfung».

Forderung: Ein fundiertes wirtschaftliches Wissen – inklusive Finanz- und Rechnungswesen

Vorgesehen ist, dass das Fach Rechnungswesen nur noch im dritten Lehrjahr fundiert im schulischen Zug «Finanzen» unterrichtet wird. Im Rahmen der Branchenkunde können die Betriebe das Fach zusätzlich in die Ausbildung aufnehmen. «Die Grundlagen in der Buchhaltung als Teil der Betriebswirtschaft sollten früher und von allen erworben werden», sagt Jörg Pfister. Dies auch, weil nur damit die Anbindung an die Berufsmaturität gewährleistet sei. Dass die Branchen hier das Zepter übernehmen sollen, ist für die KV-Rektoren darum schwierig nachvollziehbar.

Forderung: Keine Streichung der Leistungszüge

Auch hier haben die KV-Rektoren eine Differenz. «Es gibt Betriebe, welche die jetzigen Leistungszüge überflüssig finden. Sie wären von der Abschaffung aber auch nicht betroffen», sagt Jörg Pfister, denn im Betrieb gilt für beide Leistungszüge die gleiche Ausbildung. Für die Schule würde die Aufhebung aber eine unnötige Erschwernis bedeuten, sagen die KV-Rektoren. «Wer heute im E-Profil Mühe mit den schulischen Anforderungen hat, kann im B-Profil noch immer einen Abschluss mit Eidgenössischem Fähigkeitszeugnis machen, das ginge dann nicht mehr.» Die Klassen würden viel heterogener, «das Resultat wären über- oder unterforderte Schülerinnen und Schüler», so Rektor Pfister. Sollte man an der Abschaffung der Leistungszüge festhalten, sollte dieses Problem mindestens mit Optionen bei den Wahlpflichtfächer angegangen werden. «Wenn die schulische Ausbildung zu einheitlich gestaltet wird, besteht die Gefahr, dass sich die Talentierten eine andere Herausforderung suchen.»

Forderung: Zwei Fremdsprachen sollen obligatorisch bleiben

«Wenn nur noch eine Fremdsprache obligatorisch ist, wird Französisch bei den Schülerinnen und Schülern einen schweren Stand haben», ist Jörg Pfister überzeugt. Das sei einerseits ein sprachpolitisches Problem, für die Schule bedeute es, dass der Anspruch an eine breite Ausbildung untergraben werde. «Fremdsprachenkenntnisse sind für den Arbeitsmarkt zentral. Auch hier geht man das Risiko ein, die Lehre abzuwerten.»

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