Der «Krieg der Sterne» als Wahlkampfschlager: Wie der Genderstern die Politik spaltet

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Der Bund lässt den Genderstern in amtlichen Texten nicht zu. Karikatur: Silvan Wegmann

Es ist ein Entscheid mit Signalwirkung: Der Bund will den Genderstern in amtlichen Verlautbarungen nicht zulassen. Kein «Bürger*innen» also. Solche oder ähnliche Formen seien für amtliche Dokumente «nicht geeignet», heisst es in einer eigens dafür erlassenen Weisung.

Zwar will sich die Bundeskanzlei explizit für eine Sprache einsetzen, die möglichst alle Menschen anspreche und niemanden diskriminiere, wie die Verantwortlichen betonen. Aber der Genderstern sei dafür der falsche Ansatz.

An den Richtlinien des Bundes orientieren sich zahlreiche staatliche Stellen – Gemeinden und Kantone ebenso wie Parlamente und Gerichte. So wollte etwa die Stadt Luzern erst mal abwarten, welche Richtung der Bund diesbezüglich einschlägt, bevor sie ihren eigenen Sprachleitfaden überarbeitet.

Aus Sicht der staatlichen Sprachhüter ist die öffentliche Debatte nicht so weit fortgeschritten, dass eine Einführung des Gendersterns gerechtfertigt wäre. Oder: noch nicht? Vorderhand jedenfalls halten sie die Schreibweise für den «Ausdruck einer bestimmten gesellschaftspolitischen Haltung».

Unabhängig vom amtlichen Genderstern-Verbot: Die geschlechtergerechte Sprache wird auch in der Schweiz mehr und mehr zu einem politischen Streitthema. Hierzulande fand das Thema erstmals vor fünf Jahren eine grössere Öffentlichkeit. Damals gaben die SP-Frauen bekannt, künftig einen Genderstern im Namen führen zu wollen – um für die «Befreiung aller Sexualitäten und Genderidentitäten einzustehen». Wer die Gleichheit der Geschlechter anstrebe, lautete die Message schon da, müsse dies auch sprachlich zeigen.

 
Die geschlechtergerechte Sprache ist ein Aufreger.

Die geschlechtergerechte Sprache ist ein Aufreger.

Imago

Spätestens seit Spitzenpolitiker wie Cédric Wermuth (SP) oder Balthasar Glättli (Grüne) ihre Tweets konsequent mit Sternchen absetzen, warnen Bürgerliche vor einer ideologisch motivierten «Verhunzung» der deutschen Sprache. Längst und selbstverständlich gendern Vertreterinnen und Vertreter linker Parteien auch in Vorstössen.

Verhärtete Fronten bei Politikern

Jüngst war es der Urner Mitte-Nationalrat Simon Stadler, der den Bundesrat dazu ermahnte, auf den Gebrauch des Gendersterns zu verzichten. Derweil sprach SVP-Nationalrat Roger Köppel in seiner «Weltwoche» von einem «Angriff auf die freie Gesellschaft». Mit dem Genderstern wolle man «den Leuten ein falsches Denken, eine erfundene Wirklichkeit einpflanzen», wetterte der Zürcher. Dieser sei das Feldzeichen eines «modernen Aberglaubens, der den Menschen zum Schöpfer und Gestalter seiner eigenen Biologie erhebt».

Roger Köppel hält den Genderstern für einen «Angriff auf die freie Gesellschaft».

Roger Köppel hält den Genderstern für einen «Angriff auf die freie Gesellschaft».

Keystone

Es klafft ein Graben zwischen links und rechts. Die Fronten sind so kompliziert wie vorhersehbar: Die einen verweisen auf die Gleichheit der Geschlechter und betreiben über das Sternchen gleich Identitätspolitik, die anderen trauern dem generischen Maskulinum nach und führen die gewachsenen grammatischen Strukturen an.

Gendern prägt deutschen Wahlkampf

Nicht zum ersten Mal wird im deutschsprachigen Raum über die Veränderung der Sprache gestritten. Nur waren es früher Rechtschreibreformen, die Entrüstung auslösten. Wie sehr das Gendern symbolisch aufgeladen ist, lässt sich derzeit in Deutschland beobachten, wo im September gewählt wird. «Sie mag nicht die wichtigste Frage unserer Zeit sein», stellte der «Spiegel» soeben fest, «hat aber trotzdem das Zeug, zum Renner im Bundestagswahlkampf zu werden.» Von einem «Krieg der Sterne» schrieb das Magazin gar.

Der deutsche CDU-Politiker Friedrich Merz rät zu Sprachkonservatismus.

Der deutsche CDU-Politiker Friedrich Merz rät zu Sprachkonservatismus.

EPA

Der führende CDU-Politiker Friedrich Merz polemisierte gegen den Genderstern und empfahl seiner Partei, im Wahlkampf auf Sprachkonservatismus zu setzen. Kreise der Partei verlangten überdies ein Genderverbot für staatliche Einrichtungen; diese Forderung könnte Teil ihres Regierungsprogramms werden.

SPD-Co-Chefin Saskia Esken riet der Partei zu Gelassenheit, «anstatt reflexartig Verbote zu fordern, weil sie vom gesellschaftlichen Wandel überfordert ist».

Positioniert sich gegen das Gendern: Die deutsche Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht.

Positioniert sich gegen das Gendern: Die deutsche Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht.

Laif

Emotional aufgeheizt hat die Debatte auch Deutschlands prominenteste Linke, Sahra Wagenknecht. Sie positioniert sich offensiv gegen das Gendern. Ihr aktuelles Buch «Die Selbstgerechten», angelegt als Abrechnung, ist ein Bestseller. Links sei heute für viele vor allem eine Lifestylefrage, kritisiert sie. Soziale Probleme blieben auf der Strecke, weil sich manche lieber auf das Gendersternchen konzentrierten.

Wagenknecht sieht das «Zusammengehörigkeitsgefühl der Bevölkerungsmehrheit» vernachlässigt. Damit arbeite man der politischen Rechten in die Hände. Just die rechtskonservative AfD freilich beklatschte Wagenknechts Buch mit am lautesten.

Glossar: Genderstern und Co.

Aktuell ist der Genderstern wohl die beliebteste Lösung, um die Vielfalt der Geschlechter in der Sprache deutlich zu machen. Gleichzeitig werden andere typografische Zeichen ausgetestet, und so gewinnt gerade der Gender-Doppelpunkt derzeit an Popularität. Eine nicht abschliessende Auswahl:

Genderstern: Bürger*in. Das Sternchen – der Asterisk – steht für die geschlechtliche Vielfalt. Wird zusehends von Behörden, Firmen und Organisationen genutzt.

Gender-Doppelpunkt: Bürger:in. Diese Schreibweise ist gerade für Seheingeschränkte angenehmer zu lesen. Ebenso soll der maskuline Wortstamm weniger im Vordergrund stehen.

Gendergap: Bürger_in. Die Lücke steht für geschlechtliche Variationen. Auch als kleine Pause beim Sprechen zu hören.

Schrägstrich-Schreibweise: Bürger/in. Hat sich namentlich bei amtlichen Stellen als Variante in Kurztexten etabliert.

Binnen-I: BürgerIn. Seit über 30 Jahren etabliert, um Frauen und Männer in einem Wort zu nennen.

Ausrufezeichen: Bürger!n. Wird von Luise F. Pusch, der Begründerin der feministischen Linguistik, als Übergangslösung vorgeschlagen. Soll weniger Lückenfüller sein als der Gendergap.

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