Pfaffnauer Gemeindepräsidentin Cellarius «Die Homeoffice-Diskussion war vor Corona ein rotes Tuch»

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Die Pfaffnauer Gemeindepräsidentin Sandra Cellarius. Bild: Philippe Pfister

Sandra Cellarius ist seit September 2020 Gemeindepräsidentin von Pfaffnau und Mitglied der FDP. Die studierte Juristin stammt ursprünglich aus Mühlethal und wurde im Februar zur Vizepräsidentin des Regionalverbandes ­zofingenregio gewählt. Cellarius betreibt beruflich ein Online-Weinhandelsunternehmen.

Frau Cellarius, Sie sind seit September als neue Gemeindepräsidentin im Amt. Was ist das Beste am Job?

Sandra Cellarius: Die Zusammenarbeit mit den Menschen hier und auch mein Gemeinderatsteam. Wir haben einen sehr jungen Gemeinderat, zwei Mitglieder sind ebenfalls im September dazugekommen. Es ist eine unglaublich engagierte Truppe – sowohl im Gemeinderat als auch in der Verwaltung. Ich durfte mit Gemeindeschreiberin Beatrice Kurmann beginnen; ich sage immer zum Spass: «Sie ist meine Formel 1». Wenn du den Überblick behalten willst, musst du jemanden haben, der das Tagesgeschäft und deine Termine im Griff hat. Das gefällt mir als Unternehmerin doppelt und dreifach. Ich bin natürlich froh, wenn ich einfach entscheiden kann – und sie mir den Rücken freihält.

Sie sind ja noch in einem anderen Job engagiert, in Ihrem Unternehmen.

Ja, das ist im Milizsystem für die meisten so und in den kommunalen Behörden üblich. Ich finde das auch gut. Die Menschen bringen ganz viele unterschiedliche Fähigkeiten mit, weil sie noch an einem anderen Ort Geld verdienen müssen.

Was ist das Schwierigste?

Wir hatten Corona-Zeit. Mir fehlt der Austausch. Ich hatte am 12. Juni den ersten Apéro seit einem Jahr.

Im privaten Rahmen?

Nein, im politischen Rahmen. Die WG Striterhof der Stiftung für Schwerbehinderte Luzern (SSBL) feiert dieses Jahr ihr 20-Jahr-Jubiläum. Ich konnte ein wenig den Puls fühlen. Sonst wird uns Politikern ein wenig nachgesagt, wir reden zu viel. Jetzt habe ich den Eindruck, es fehlt tendenziell der Austausch untereinander.

Sind Sie von etwas total überrascht worden, als Sie Ihr Amt angetreten haben?

Vom Riesenschritt, den wir in der Digitalisierung gemacht haben. Nicht nur hier im Gemeindehaus, sondern auch bei Veranstaltungen, wo jetzt Workshops mit 60 Menschen möglich sind. Alle sitzen irgendwo vor ihrem PC, und es entstehen wirklich tolle Dinge. Das ist für die Zukunft ein Zeichen, dass man nicht mehr immer für jede Sitzung nach Luzern fahren muss; für uns Politiker aus dem Luzerner Hinterland ist das ziemlich mühsam. Der negative Aspekt ist, wie abhängig wir von diesen Internet-Leitungen sind und – wie soll ich das politisch sensibel sagen – diesbezüglich auf dem Land noch viel Nachholbedarf haben.

Sie sind in grosse Fussstapfen getreten, Ihr Vorgänger Thomas Grüter war 20 Jahre Gemeindepräsident. Fühlen Sie sich akzeptiert im neuen Amt?

Ja. Mir war das schon bewusst. Als Thomas mich zum ersten Mal fragte, ob ich mir eine Nachfolge vorstellen könnte, habe ich erst einmal leer geschluckt. Wir sind ja auch nicht in derselben Partei. Ich brauchte den Rückhalt der CVP im Dorf. Und als das klar war, war für mich entschieden, dass ich das wagen möchte. Auch, weil ich mit Thomas einen Vorgänger habe, der mich sehr unterstützt. Ich kann ihn anrufen, wenn ich irgendeine Frage habe. Ich weiss aber auch: Ihm ist es wichtig, dass nicht der Eindruck entsteht, er sei ein «Schatten-Gemeindepräsident». Ich bin ja generell ein Fan davon, dass man einander hilft, auch unter den Gemeinden, und Thomas Grüter hat mir das vorgelebt.

Sie haben gerade ein Stichwort gegeben: Die Zusammenarbeit zwischen den Gemeinden wird immer wichtiger. Wo gibt es hier Potenzial?

Wo ich persönlich Handlungsmöglichkeiten sehe: Häufig wird in Verwaltungen eine neue Software eingeführt – wie jetzt zum Beispiel die elektronischen Geschäftsverwaltungen CMI-Axioma für Behörden. Da sind tausende von Seiten an Prozessflüssen geschrieben worden, und das haben alle Gemeinden für sich selbst gemacht, obwohl sie genau dasselbe System haben. Wir tauschen uns aus, damit man das nicht doppelt macht, denn die Ressourcen sind knapp. Es macht einfach Sinn, wenn man miteinander spricht. Das versuche ich voranzutreiben und auch den umliegenden Gemeinden beim Austausch klar zu sagen: «Fragt zuerst, bevor wir alle einfach irgendetwas selbst ‹chüechlen›.» 

Die Gemeindeverwaltungen haben während der Corona-Zeit viel im Homeoffice gearbeitet. Wie hat Pfaffnau das gelöst?

Bei uns in der Gemeindeverwaltung war diese Homeoffice-Diskussion vor Corona immer ein wenig ein rotes Tuch. Das hat sich in den letzten zwölf Monaten drastisch geändert. Heute merken wir, – das geht nicht nur den Gemeindeverwaltungen so, sondern auch vielen Firmen – dass die Produktivität absolut stimmt, auch zuhause. Aber du musst das natürlich strukturieren. Es müssen Regeln bestehen, was gilt. Wer stattet den Arbeitsplatz aus? Wie ist die Kinderbetreuung zu regeln? Das ist jetzt ein gutes Beispiel, wo vor allem grössere Verwaltungen uns voraus waren, weil sie solche zum Teil sensible Themen schon früher geregelt haben. Wir tauschen uns darüber aus.

Eine Frage zu den Gemeindefinanzen: Pfaffnau schrieb ein paar Jahre lang rote Zahlen, in der Rechnung 2020 erzielte die Gemeinde einen Gewinn. Denken Sie, dass das nachhaltig ist?

Da gibt es zwei Aspekte. Wir haben auf der einen Seite die Aufgaben- und Finanzreform im Kanton Luzern (AFR18). Dabei verschieben sich die gesamten Beiträge massiv. Der Bildungsteiler führt für eine Gemeinde wie Pfaffnau, die Kindergarten, Primar- und Sekundarschule hat, zu enormen Verschiebungen. Die sind relativ schwierig vorherzusagen, weil sie sich sehr dynamisch entwickeln. Der zweite Aspekt ist die Umstellung der Rechnungsmodelle, von HRM 1 auf HRM2, was vor rund vier Jahren geschah. Wir hatten keine Vergleichsmöglichkeiten. Jetzt kommen die ersten Jahre, in denen wir Vergleichszahlen haben, und jetzt können sich Kennzahlen entwickeln. Aber mit der AFR obendrauf wirbelt es die gesamten Kennzahlen noch einmal durcheinander. Der dritte Punkt ist Corona. Wir hatten, wie die meisten Gemeinden, schöne Steuereingänge, die nicht prognostizierbar waren. Wir werden die Situation nun weiter beobachten, um nachhaltige Entscheidungen treffen zu können. Wir waren ja eine von wenigen Gemeinden, die im Dezember 2020 den Steuerfuss noch moderat erhöht haben. Strategisch haben wir den Konsens, dass wir unsere Rechnung nachhaltig ausgeglichen gestalten wollen.

Pfaffnau hat auch ein schönes Eigenkapital.

Ja, das stimmt. Jetzt hat sich unsere Eigenkapitalbasis wieder etwas verbessert. Wir sind mit der Erhöhung um ein Steuerzehntel gekommen, weil wir das mussten. Wenn das Jahr 2020 so herausgekommen wäre, wie wir es budgetiert hatten, dann hätten wir das Eigenkapital aufgebraucht. Das haben wir auch dem Bürger immer gesagt. Wir wollen nicht das Geld des Bürgers horten, aber auch nicht in die roten Zahlen rutschen.

Was sind die grössten Investitionen in den nächsten Jahren?

In den letzten zwölf Monaten war die grosse Diskussion sicher der Neubau des Murhofs in St. Urban. Man kann dort aber nicht mehr von einem Gemeinde-Investment sprechen, denn investieren wird die neu gegründete Aktiengesellschaft. Nichtsdestotrotz ist es natürlich ein grosses Projekt, welches einfach die Gemeinderechnung nicht belastet, weil es ausgegliedert ist. Zudem wollen und müssen wir ein neues Gemeindehaus bauen.

Wie sieht der Zeitplan fürs neue Gemeindehaus aus?

Also wir sind jetzt im Wettbewerb. Wenn alles sehr gut läuft, liegt Ende 2021 ein Wettbewerbsergebnis vor, das heisst, Ende 2022 wäre die Baubewilligung möglich und der Spatenstich zirka Mitte 2023. Dann geht es noch mindestens ein Jahr bis zur Eröffnung. Ich würde mir wünschen, dass ich noch in dieser Legislatur zügeln kann, aber wir sind auf jeden Fall am Vorbereiten. Wir räumen das Archiv gerade auf.

Dann will man ja auch den Dorfkern attraktiver gestalten.

Wir wollen in erster Linie ein neues Gemeindehaus bauen, unseren Dorfkern attraktivieren und müssen eine neue Bushaltestelle bauen. In dem Moment, in dem wir wissen, wie das Gemeindehaus und wie diese Bushaltestelle aussieht und wo diese positioniert sind, können wir auch das Thema Dorfkern sinnvoll diskutieren. Leider ist eine Bushaltestelle heute nicht einfach eine Bushaltestelle – das ist ein NASA-Kontrollzentrum. Das ist eine komplexe Angelegenheit, vor allem, wenn die Strasse nicht unzählige Ausbuchtungen hat, wo man eine Bushaltestelle hineinbauen könnte. Wir müssen schauen, dass wir das Projekt nicht überladen und eine gute Lösung für das ganze Dorf entwickeln können, die auch den Anforderungen des Kantons entspricht.

Gibt es sonst noch grosse Brocken, die auf Pfaffnau zukommen?

Da ist die Sanierung der Kantonsstrasse K46 zwischen St. Urban und Pfaffnau. Das gibt eine grosse «Kiste», für die der Kanton zuständig ist. Die Strasse ist sehr alt. Wenn man so eine Kantonsstrasse ausbaut, wird sie erstens sehr viel breiter und zweitens wird es teuer. Die Planung ist weit fortgeschritten und es finden gerade Sondierbohrungen statt. Der genaue Zeitplan liegt in der Kompetenz des Kantons.

Befürchten Sie Mehrverkehr durch das neue Lidl-Verteilzentrum in Roggwil?

Am 13. Juni ist die Zonenänderung in Roggwil durchgekommen. Wir profitieren sehr von den Konzessionen, die Lidl der Gemeinde Roggwil gemacht hat, damit das Vorhaben durchkommt. Der Verkehr durch Roggwil ist massiv zurückbuchstabiert worden. Das hilft uns als Dorf hinter Roggwil, weil auch der Verkehr durch unser Dorf deutlich weniger ist. Nein sagen können wir im Moment nicht, wir haben jedoch gemeinsam mit unseren Partnergemeinden beim Regionalplanungsverband zofingenregio Einsprache erhoben. Verheerend wäre, wenn wir die K46 sanieren würden, wenn die ersten Lidl-Lastwagen kommen. Dann hätten unsere Nachbargemeinden keine Freude, weil dann der Umgehungsverkehr noch einmal grösser würde. Da müssen wir genau hinschauen.

Was halten Sie vom Projekt der Berghof Erlebnis AG in St. Urban? War die Gemeinde auch involviert?

Nein, der Berghof gehört ja dem Kanton. Es ist ein Projekt, bei dem es jemanden braucht, der das nötige Fachwissen und den finanziellen Background hat, um ein Projekt in dieser Grössenordnung zum Fliegen zu bringen. Einige Landwirte hätten sich vermutlich für das Land und den Hof interessiert. Aber für den Berghof hat der Kanton verständlicherweise nach einem Konzept gesucht, das auch die bereits bestehende Infrastruktur einbezieht und nicht zerfallen lässt. Es gibt nichts Schlimmeres für diese Gebäude, als wenn sie immer leer stehen, und man muss zuerst auch eine gute Idee haben. Ich glaube, das ist mit diesem Konzept gewährleistet. Für uns ist es natürlich toll, wir freuen uns darauf!

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