«Wenn wir Deutschen jetzt nicht alle Schweiz-Fans sind ...»: Warum die Deutschen an der EM jetzt für uns sind

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Deutsche Fans in München während des Spiels zwischen Deutschland und Portugal. Bild: Keystone

Dienstag, 18.45 Uhr. Es läuft die letzte Minute vor der Halbzeitpause im Spiel England gegen Deutschland. Ein taktisch geprägtes Match, kaum Torchancen. «Es ist noch kein grosses Offensivspektakel wie gestern. Die beiden Achtelfinale waren natürlich überragend», zieht der Kommentator der ARD, Florian Nass, eine erste Halbzeitbilanz.

Es ist eine Anspielung auf die Begegnungen vom Montag, als Kroatien und Spanien und am Abend Frankreich und die Schweiz ein Spektakel für die Geschichtsbücher auf den Rasen zauberten. «Wenn wir jetzt nicht alle Schweiz-Fans sind, dann verstehe ich die Welt nicht mehr», fährt Neiss schwärmerisch fort: «Das war sensationell.»

Die Schweizer Nationalmannschaft hat mit ihrem Auftritt am Montag die Fussball-Herzen unserer nördlichen Nachbarn erobert. Ein Underdog kegelt den Weltmeister mit beherztem, mutigen Auftritt aus dem Turnier, macht mit einer krassen Willensleistung einen 1:3-Rückstand wett. Die kleine Schweiz demütigt die Grande Nation, gegen deren Star-Ensemble selbst die deutsche Auswahl zur Zeit nominell keinen Stich hat. Und nun, da das Turnier für die Deutschen vorzeitig endet, wächst die Fangemeinde der Nati weiter an. «Im Viertelfinale sind wir alle Schweizer!», tönt es im Strassencafé.

Der Bonus des Underdogs kommt der Schweiz zugute

Das Team von Vladimir Petkovic geniesst in Deutschland den Bonus des Aussenseiters, der gegen Frankreich Tugenden wie Mut und Kampf und selbst Spielwitz an den Tag gelegt hat, alles Attribute, die viele Deutsche bei der eigenen Auswahl zuletzt vermisst haben.

Viele deutsche Herzen fliegen der Nati auch deshalb zu, weil bei den Rot-Weissen fast nur Kicker auflaufen, die aktuell in der Bundesliga ihr Geld verdienen oder dies in der Vergangenheit getan haben – die Nati als kleine deutsche Ersatzauswahl sozusagen. Der Support im Land des vierfachen Weltmeisters hat aber auch eine psychologische Komponente. Wenn es am Freitag mit den Spaniern den nächsten Grossen des Weltfussballs treffen würde, wäre die Schmach vom frühen deutschen Scheitern erträglicher.

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Yann Sommer beispielsweise ist Torhüter bei Mönchengladbach. Bild: Ina Fassbender / AP

 

Doch die Sympathien für die Schweizer Fussball-Auswahl stehen nicht unbedingt symbolisch für den Zustand des deutsch-schweizerischen Verhältnisses im Allgemeinen. Für viele Deutsche nördlich von Baden-Württemberg bleibt der südliche Nachbar immer etwas fremd. Das liegt auch am Schweizer Image, das in den letzten Jahren einige Kratzer abbekommen hat – durch Berichte über Bankgeheimnisse, EU-kritische Abstimmungen oder eine angebliche Deutschfeindlichkeit deutschen Einwanderern gegenüber.

Die Schweizer Demokratie ist schwer zu verstehen

Volksabstimmungen gegen Minarette oder Massenzuwanderung, eine restriktive Asylgesetzgebung, das Abkapseln vom Rest Europas, die im Vergleich zu Deutschland exorbitanten Preise, «haben hier den Eindruck verfestigt, dass sich die Schweizer in der Isolation wohler fühlen. Das Land strahlt etwas Anti-Globales aus», sagt der «Spiegel»-Autor und Historiker Michael Sontheimer. «In Deutschland versteht man das politische System der Schweiz nicht wirklich, das macht das gegenseitige Verständnis nicht leichter», analysiert Sontheimer.

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Ein Plakat, welches ein Minarettverbot in der Schweiz fordert. (26. Oktober 2009) Bild: Keystone

 

Der ehemalige Schweizer Botschafter in Berlin, Tim Guldimann, sagte kürzlich im Gespräch mit unserer Zeitung: «Die Positionen der beiden Staaten in Europa haben sich verändert.» Die Schweiz habe sich von der EU entfernt, während Deutschland global eine Führungsrolle übernommen habe. Politisch spielen die beiden Länder tatsächlich in unterschiedlichen Ligen. Eine Folge davon ist nicht zuletzt, dass die Schweiz auch medial in Deutschland eine Nebenrolle spielt, wohingegen etwa das von der Grösse her vergleichbare Österreich durch die EU-Mitgliedschaft und dank seines schillernden Kanzlers Sebastian Kurz in Deutschland weit präsenter ist.

Schafft es der Fussball, das Interesse Deutschlands an seinem Nachbarn wieder etwas stärker zu wecken? Sontheimer hält das nicht für ausgeschlossen. «Ich fand schon sehr toll, wie die Schweizer zusammen als Mannschaft gegen die Franzosen gekämpft haben», anerkennt Sontheimer. Er ist überzeugt: «Alleine das Spiel vom Montag rückt das Bild, das die Deutschen von der Schweiz haben, bereits wieder stärker ins Positive.»

Nicht zuletzt auch wegen unzähliger Videos jubelnder Menschen in Schweizer Public Viewings, die nach dem Viertelfinaleinzug viral gegangen sind. Menschen, die ausgelassen feiern, Hupkonzert und Gesang inklusive – solches assoziierte man bislang in Deutschland nicht mit den Bewohnern beim südlichen Nachbarn.

«Das Bild, das wir von den Schweizern haben, wird ja nicht durch Detailkenntnisse geprägt», erklärt Michael Sontheimer. Und fügt mit einem Lächeln hinzu: «Sondern von Eindrücken.» Und dieser Eindruck war zuletzt erfrischend. Dank Xhaka, Zuber und Co.

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