«Ein Patentrezept für Gewerbetreibende in der Altstadt gibt es keines»

In den Siebzigerjahren prägten noch Autos das Bild der Unteren Hauptgasse. Heute gehört Zofingen den Strassencafés und den Fussgängern. Bilder: zvg/lbr
In den Siebzigerjahren prägten noch Autos das Bild der Unteren Hauptgasse. Heute gehört Zofingen den Strassencafés und den Fussgängern. Bilder: zvg/lbr
Ein Blick auf die Untere Hauptgasse in der Altstadt von Zofingen etwa um 1900 – und im Jahr 2021.
Ein Blick auf die Untere Hauptgasse in der Altstadt von Zofingen etwa um 1900 – und im Jahr 2021.
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Walter Wülser: «Für eine florierende Altstadt braucht es nach wie vor einkaufsfreudige Konsumenten, einen guten Branchen-Mix und auch die Toleranz der Altstadtbewohner.»

Walter Wülser kennt Zofingen wie seine Westentasche. Als langjähriger Unternehmer und Mitglied des Gewerbevereins kennt er auch die Probleme der Stadt – und die des Gewerbes. «Früher», erinnert sich der 84-Jährige, «früher gab es in Zofingen acht Bäckereien, sieben Metzgereien und diverse Lebensmittelläden.» Heute ist davon nicht mehr viel übriggeblieben: Zwei Bäckereien, zwei Metzgereien und das Chäs-Lädeli. Der Früchte- und Gemüseladen in der Markthalle hat kürzlich ebenfalls geschlossen, Coop und Migros sind schon vor Jahren vor die Stadtmauern gezogen. Dafür gibt es unzählige Coiffeursalons und zahlreiche Büroräumlichkeiten. Kaum noch Lebensmittelläden in der Stadt, immer weniger Gewerbetreibende, diese Entwicklung tue der Stadt nicht gut, sagt Walter Wülser, der während rund 40 Jahren die Wülser AG in zweiter Generation geleitet hat.

Grösstes Einkaufszentrum der Schweiz

In den 70er- und 80er-Jahren war Walter Wülser im Vorstand des Gewerbevereins Zofingen. Damals, erzählt er, wurde erstmals die Tendenz festgestellt, dass Einkaufszentren auf der grünen Wiese, ausserhalb der Städte, errichtet worden sind. So auch in der Region Zofingen. Doch die Zofinger Gewerbetreibenden liessen sich nicht so leicht unterkriegen: «Zofingen ist das grösste Einkaufszentrum der Schweiz», sagte Hans Wyler, damaliges Vorstandsmitglied des Gewerbevereins. Entsprechend selbstbewusst traten die Gwerbler nach aussen auf, verteilten Werbekarten und versuchten sich und das Image der Stadt zu verkaufen. Auch der Verein Piazza habe dies in den letzten Jahren mit diversen Veranstaltungen in der Altstadt immer wieder versucht, sagt Wülser. Es war keine leichte Aufgabe. Damals nicht und auch heute nicht. «Wir Gwerbler haben keine Lobby», sagt Walter Wülser. «Wir sind alles, vom Ein-Mann-Betrieb bis zum Grossbetrieb. Da ist es nicht so einfach, alle Interessen unter einen Hut zu bringen.»

Genauso unterschiedlich sind darum auch die Ansichten, ob nun ein grosses Parking, beispielsweise unter dem Thutplatz, der Altstadt gutgetan hätte. Ein Foto aus dem Fundus von Walter Wülser zeigt die Vordere Hauptgasse wie sie früher war. Links und rechts der Strasse sind Autos parkiert, den Fussgängern bleibt nur das Trottoir – wenn dort nicht auch noch Autos abgestellt sind. Ganz anders ist es heute: Die Vordere Hauptgasse ist sozusagen verkehrsfrei und gehört ganz den Passanten. «Trotzdem wird das Städtchen tagsüber leider immer ruhiger», sagt Walter Wülser. Eben, weil man in den Einkaufszentren auf der grünen Wiese alles bekommt – und dort auch mit dem Auto hinfahren und parken kann. Die Gewerbebetriebe in der Altstadt rentieren immer weniger, die Geschäfte schliessen und somit kommen wieder weniger Leute in die Stadt. «Ein Teufelskreis», sagt Wülser und schüttelt den Kopf. Ein Pauschalrezept, wie dieser Teufelskreis unterbrochen werden kann, kenne er auch nicht, sagt er. «Auf jeden Fall entscheiden schlussendlich nur die Finanzen, ob ein Betrieb erhalten werden kann oder schliessen muss.»

Die Altstadt wird zur Flaniermeile

Ganz leer ist Zofingens Altstadt trotz immer weniger Läden nicht. Im Gegenteil. Bei schönem Wetter kommt über Mittag und am Abend Leben in die Strassen. «Dann wird die Stadt zur Flaniermeile, die vielen Restaurants haben mit ihren Vorplatzbestuhlungen Hochbetrieb.» Ob dies die Zukunft der Zofinger Altstadt ist? Walter Wülser ist nicht sicher. Gegen den Strom schwimmen, sich den gegen die aktuelle Entwicklung stemmen, das gehe nicht. «Aber für eine florierende Altstadt braucht es nach wie vor einkaufsfreudige Konsumenten, einen guten Branchen-Mix und auch die Toleranz der Altstadtbewohner», ist Wülser überzeugt.

Serie

ZT-Leser erzählen. Warum war die Friedau nie ein städtisches Altersheim? Wieso ist Zofingen nicht mehr das grösste Einkaufszentrum der Schweiz? Wie ist es, wenn elektrisches Licht nicht selbstverständlich ist? Wie fühlt es sich an, Weltgeschichte hautnah mitzuerleben?

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