Warum die Tanakas nicht an die Olympischen Spiele reisen können

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Michio Tanaka (l.) mit Ehefrau Anja, seinen Geschwistern Yuji (4. v.l.), Kenji (hinten), Naomi und Seiji (4. und 5. v.r.) sowie Mutter Esther (2. v.r.) und Vater Shinji auf «Heimaturlaub» 2007 in Tokio bei Cousine Chisato, Grossmutter Hisae und Tante Misao (vorne, v.l.). (Bild: zvg)
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Essen ist für Michio (l.) und Shinji Tanaka Teil der japanischen Kultur. (Bild: zvg)

Am Freitag sind die Olympischen Sommerspiele in Tokio eröffnet worden. Bis am 8. August kämpfen über 11 000 Athletinnen und Athleten in 33 Sportarten um Medaillen. Nur zu gerne hätte Michio Tanaka mit seinem Vater Shinji und seinen Geschwistern den einen oder anderen der insgesamt 339 Wettkämpfe in der japanischen Hauptstadt mitverfolgt. Die Coronapandemie hat ihnen jedoch einen Strich durch die Rechnung gemacht: Im März entschieden die Organisatoren, dass keine ausländischen Zuschauer zu den Spielen anreisen dürfen. «Wir wären morgen Dienstag nach Japan geflogen», sagt Michio Tanaka wehmütig, «zum Glück konnten wir unsere Eintrittstickets für eine kleine Gebühr zurückgeben.»

Um die Spiele live mitzuerleben, griff Familie Tanaka tief in die eigene Tasche: Für rund 5000 Franken haben sie vor zwei Jahren Eintrittskarten für verschiedene Disziplinen erworben. Vor allem in der zweiten Olympiawoche wären Volleyball, Turmspringen, Golf oder Badminton auf dem Plan gestanden. Am meisten fuchst Michio Tanaka, dass er die Leichtathletik-Abendsession mit dem 200-Meter-Final der Männer verpasst. «Wir hatten uns Plätze im Sektor A aus nächster Nähe ergattert. Das wäre ein absolutes Highlight gewesen», sagt er.

Auf der Suche nach Wissen die grosse Liebe gefunden

Für den 35-jährigen Zofinger hätte die Reise nach Tokio mehr als der blosse Besuch der Olympischen Spiele bedeutet. Sein Vater Shinji ist in der Metropole aufgewachsen, liess sich in einem Lokal mit westlicher Küche zum Koch ausbilden und kam 1974 in die Schweiz, um die europäische Gastronomie noch besser kennen zu lernen. Mit bruchstückhaftem Englisch und ohne ein Wort Deutsch zu sprechen, heuerte er in einem Betrieb in Schaffhausen an, mit dem Gedanken, anschliessend wieder nach Japan zurückzukehren. Das Schicksal hatte mit ihm aber andere Pläne: Shinji Tanaka lernte Esther kennen, die er ein Jahr darauf heiratete. Das Paar zog nach Bern, wo Tanaka die japanische Kochkunst erlernte. 1997 eröffnete er mit der ersten Sushi-Bar überhaupt in der Schweizer Hauptstadt sein eigenes Restaurant.

Inzwischen führt Tanaka senior in Kehrsatz das «Newstyle Restaurant Tanaka». Im Lokal hängt eine Auszeichnung der japanischen Regierung an der Wand als Anerkennung dafür, dass die Leute im Ausland dank seiner ausserordentlichen Leistung ein positives Bild von Japan erhalten. «Ich habe mich sehr über diese Auszeichnung gefreut. Sie ist ein gewisser Lohn für meine Arbeit», sagt der 69-jährige Shinji Tanaka, dessen Schwester nach wie vor in Tokio lebt. Obwohl er bald seit einem halben Jahrhundert in der Schweiz zuhause ist, ist die japanische Lebenskultur, die «Samurai-Mentalität» stark in seinem Alltag verankert. Perfektionismus oder Sauberkeit sind Dinge, auf die nicht nur er grossen Wert legt. «Japan ist ein sehr traditionsbewusstes, aber auch ein offenes und modernes Land. Gerne hätte das Volk die Olympischen Spiele dazu nützen wollen, um der Welt diese Gepflogenheiten zu vermitteln und zu zeigen, wie sauber Japan ist und wie gut man einen solchen Anlass organisieren kann», erklärt Michio Tanaka, der den Japaner «in sich» vor allem bei der peniblen Arbeitsweise oder in der Küche entdeckt. Corona stehe diesem Bestreben leider als Stolperstein im Weg.

Shinji Tanaka versteht das Zuschauerverbot der Regierung. «Ich finde diesen Entscheid sehr mutig», sagt er, «aber das Ansehen des Landes könnte unter den steigenden Coronazahlen bei den Olympischen Spielen leiden.» Tanaka weiss, dass dieser Schritt das gewachsene Misstrauen der japanischen Bevölkerung gegenüber dem Grossanlass verdeutlicht. Er sagt aber: «Ich bin überzeugt, dass viele Japanerinnen und Japaner den Spielen gegenüber sehr offen und willig sind. In den Medien wird oft nur über die negative Seite berichtet und nicht über jene Leute, die hinter den Spielen stehen.» Michio Tanaka vergleicht das Zuschauerverbot gar mit einem Schuss ins eigene Bein: «Man hatte die Zahlen im Griff und bei der Fussball-EM gesehen, was mit gewissen Regeln möglich ist», sagt er. Wenn das Volk nicht mehr ins Stadion dürfe, sei es logisch, dass die Unterstützung bröckelt. «Hinzu kommt, dass es für sie wegen der ausbleibenden Touristen keinen Profit gibt.»

Jetzt schaut er Olympia in der «Kälte» am Fernseher

Eine Absage der Olympischen Spiele wäre für Michio Tanaka aber das schlimmere Übel gewesen. «Der Event findet nur alle vier Jahre statt. 2024 in Paris wären viele Sportlerinnen und Sportler nicht mehr auf demselben Niveau wie jetzt», sagt er. Apropos: Wie die Athletinnen und Athleten bei der enormen Hitze und der hohen Luftfeuchtigkeit ohne die Emotionen von der Tribüne zurechtkommen, werde sich zeigen. «Nur schon das Zuschauen an sich ist anstrengend», weiss Tanaka. Statt in Tokio wird er nun zuhause vor dem Fernseher für die Schweiz mitfiebern. «Ich bin hier aufgewachsen, dieses Land kenne ich», erklärt er, betont aber: «In einem Rennen, bei dem die Schweiz und Japan am Start sind, hoffe ich, dass sie die ersten zwei Plätze belegen.»

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