Pandemie verhindert die Bundesfeier

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Zwischen 20.30 und 20.45 Uhr läuteten am 1. August 1918 alle Kirchenglocken im Aargau, auch in Zofingen. Bild: lee (2016)

Heute steht der Tag der Bundesfeier an. Letztes Jahr, als wegen des Coronavirus sämtliche öffentlichen Feiern im Bezirk ausfielen, dachten alle, dass dies eine einmalige Sache sei. Nein, sagt nicht nur die aktuelle Lage (mehrere Gemeinden haben ihre Feiern wegen der Pandemie auch für 2021 abgesagt), sondern auch der Blick in die Geschichtsbücher.

«Alle Veranstaltungen, welche zur Ansammlung zahlreicher Personen am gleichen Ort oder im gleichen Raum führen können, sind bis auf weiteres verboten.» Ein Satz, der aus einer Zeitung vom Frühjahr 2020 stammen könnte. So ist es aber nicht. Er stand im Zofinger Tagblatt vom 20. Juli 1918. Zu einer Zeit also, als die sogenannte Spanische Grippe die Welt in Atem hielt. Diese Influenza-Pandemie forderte bei einer Weltbevölkerung von etwa 1,8 Milliarden laut WHO innerhalb von drei Jahren zwischen 20 und 50 Millionen Menschenleben. So steht es im Historischen Lexikon der Schweiz und auf Wikipedia zu lesen. Somit hat die Krankheit mehr Opfer gefordert als der vier Jahre dauernde Erste Weltkrieg (zirka 17 Millionen Tote). In der Schweiz starben zwischen Juli 1918 und Juni 1919 etwa 24 449 Menschen (das sind 0,62 Prozent der Bevölkerung von 1918). Gemäss dem Historischen Lexikon der Schweiz stellt die Spanische Grippe damit die grösste demographische Katastrophe der Schweiz im 20. Jahrhundert dar. 60 Prozent aller Toten waren jung, zwischen 20 und 40 Jahre alt, und männlich. Das könnte mit dem Krieg zusammenhängen, da es auch in der Schweiz sehr viele Opfer unter den Soldaten gab.

1. August 1918: Glockengeläut zum Bundesfeiertag

Gestützt auf den Bundesratsbeschluss vom 18. Juli 1918 ordnete der Regierungsrat des Kantons Aargau an, dass zur Feier des Schweizerbundes am 1. August von 20.30 bis 20.45 Uhr in sämtlichen Kirchen des Kantons mit allen Glocken geläutet werden soll. Wegen des Verbots öffentlicher Veranstaltungen beschloss auch der Aarburger Gemeinderat an seiner Sitzung vom 29. Juli, dass «von der Abhaltung der bisher üblich gewesenen öffentlichen Feier mit Rücksicht auf die herrschende Grippeepidemie für dieses Jahr Umgang genommen wird».

Weiter ermächtigte der Aargauer Regierungsrat die Sanitätsdirektion, die Schliessung der Schulen in denjenigen Gemeinden anzuordnen, in denen Fälle der Spanischen Grippe vorgekommen waren. Zudem wurde die Anzeigepflicht für Ärzte auch auf die Influenza ausgedehnt. Und die Sanitätsdirektion sollte zur Behandlung aller die Pandemie betreffenden Fragen eine Kommission aus Fachleuten bestellen.

Diese Massnahmen wurden in Kraft gesetzt, obwohl das ZT bereits am 19. Juli 1918 schrieb, dass «die schlimme Krankheit, die zurzeit unsere Armee, dann auch die Zivilbevölkerung so schwer betroffen, den Kulminationspunkt ihrer verheerenden Wirkung glücklicherweise überschritten» habe. Anscheinend war der Höhepunkt doch noch nicht erreicht, denn in der Zeitung vom 24. Juli ist zu lesen, dass die aargauische Sanitätsdirektion beschlossen habe, «alle Veranstaltungen, die grössere Menschenansammlungen zur Folge haben, zu verbieten, so auch den Gottesdienst, die Kinovorstellungen, Versammlungen und Konferenzen aller Art. Die Schulen werden geschlossen. Die Ärzte haben regelmässig über den Verlauf der Krankheitsfälle Bericht zu erstatten. Die Apotheker müssen bis 9 Uhr abends offen halten.» Und die Situation in den Spitälern schien dramatisch zu sein. Denn das ZT schreibt in derselben Ausgabe, dass die aargauische Regierung eine versandbereite amerikanische Kriegsbaracke in Frick habe beschlagnahmen lassen. Sie sollte in der Nähe von Aarau «als Ersatz für ein Absonderungshaus zur Entlastung der kantonalen Krankenanstalt» aufgestellt werden.

Am 1. August 1918 veröffentlichte das ZT eine Zusammenstellung der ärztlich behandelten Grippe-Erkrankungen während einer Woche: Im Zeitraum vom 21. bis 27. Juli wurden im Bezirk Aarau 224 Fälle in 12 Gemeinden festgestellt, Baden 296 Fälle (20 Gemeinden), Bremgarten 101 (15), Brugg 21 (11), Kulm 96 (12), Laufenburg 88 (15), Lenzburg 113 (10), Muri 53 (16), Rheinfelden 113 (8), Zofingen 228 (16) und Zurzach 290 (20). Der Artikel schliesst mit einer Mahnung an dieLeser: «Eine Abnahme der Verbreitung der Krankheit ist, wenn die Bevölkerung die Schutzmassnahmen strengbefolgt, für die nächste Zeit zu erwarten.»

Patriotische Worte im ZT zur stillen Bundesfeier in Zofingen

In der Ausgabe vom 2. August 1918 berichtet das ZT unter dem Titel «Stille Bundesfeier» über ein Fest, das nicht stattgefunden hat: «Die Weltnot und die eigene Not haben dem gestrigen Vaterlandstag alles Geräuschvolle genommen. Weniger denn je war jetzt die Zeit zu hochtönenden Festreden, lauten Hymnen, um so der Liebe zum Vaterland Ausdruck zu geben. Die Woge von Unlust, Unzufriedenheit und Verärgerung, die durch das Land geht und die bereits zu Drohungen gegen den Staat geführt, mahnten alle ernsten Eidgenossen zur stillen Einkehr. Und es ist sehr wahrscheinlich, dass, als gestern Abend die Glocken von allen Türmen hallten und vereinzelte Feuerzeichen in der Nähe des Städtchens und aus dem Dunkel des Juramassivs leuchtend aufflammten, die Sprache der Zeitereignisse bei ungezählten Mitbürgern die Heimatliebe mächtiger aufgerüttelt hat als unpassende laute Veranstaltung zu tun vermocht hätte.

An die Not des eigenen Volkes zu denken; was lag näher beim mahnenden Ruf der Glocken. Und das Gelöbnis abzulegen, diese Not zu bekämpfen mit leidenschaftlicher Liebe für das Land, das unsere Väter frei und stark gemacht und das unsere Heimat ist, war der schönste Vaterlandsdienst. Wahre, opferfreudige Liebe zu üben, ohne Maske der Selbstsucht, das ist heute die Aufgabe aller aufrechten Schweizer. Alle demokratisch und vaterländisch-fortschrittlich gesinnten Volkselemente aufzumuntern, um einerseits unser Land vor den schweren Gefahren des Aufruhrs, der gewalttätigen Revolution zu bewahren, anderseits aber auch die Behörden zur tatkräftigen Unterstützung aller wirklich Bedürftigen immer wieder anzuregen, das tut heute mehr denn je not. Sie müssen zusammenstehen, alle die Männer, die den Glauben an eine segensreiche Zukunft der ältesten Republik Europas noch nicht aufgegeben haben und die noch imstande sind, über die Aspirationen der einzelnen Volksklassen das grosse, allgemeine Interesse des Landes zu setzen. Ein solcher Zukunftsglaube muss uns über die graue Not der Zeit hinübertragen in die hoffentlich bald anbrechenden Tage des Friedens. Mit der Losung ‹Für die Schweiz, für die Menschheit› wollen wir durch das Tor des 1. August den Gang ins fünfte Kriegsjahr antreten. Möge es das letzte Jahr der blutigen Völkerbefehdung und das erste einer besseren Welt sein.»

Dass der Wunsch nach einer «besseren Welt» Utopie blieb, zeigen die Berichte von Ende Oktober 1918: Das Bezirksspital Zofingen appelliert an die Gemeinden, dass sie Notspitäler für die Grippekranken einrichten sollen. Aarburg beispielsweise eröffnete in den Unterrichtszimmern im Parterre des Schulhauses Hofmatt ein Notspital. Von den ersten drei aus Oftringen eingelieferten Kranken starben am folgenden Tag zwei.

1919 waren Bundesfeiern möglich; doch 1920, dem dritten Jahr der Pandemie, entschied der Regierungsrat gerade mal zwei Tage vor dem 1. August, kein Versammlungsverbot zu erlassen. Die Bundesfeiern konnten somit stattfinden.

Ein Jahr später konnte gefeiert werden, wie Inserate vom Juli 1919 zeigen. Bilder: pmn
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Bertha Wilhelm wollte ihren an der Grippe erkrankten Bruder pflegen, erkrankte selber und starb. Über das Schicksal ihres Bruders ist nichts bekannt. Bild: pmn

Eines von unzähligen Schicksalen des Jahres 1918

Safenwil Im Zofinger Tagblatt vom 5. August 1918 erschien obenstehende Todesanzeige. Sie zeigt eines von unzähligen Schicksalen aus der Region. Im Textteil druckte das ZT folgende Meldung dazu ab: «Am Samstag starb in Bern als ein Opfer der Grippe Fräulein Bertha Wilhelm, Nachtwächters von hier. Sie machte es sich zur Pflicht, ihrem in Bern an der heimtückischen Krankheit darniederliegenden Bruder zu Hilfe zu eilen und ist nun selbst von der Grippe befallen und in kurzer Zeit dahingerafft worden. Hoffnungsvoll ist die Tochter, angefacht von der Bruderliebe, ausgezogen, um durch ihre Aufopferung ein Menschenleben zu retten und nun erlag sie selbst ihrer Pflichttreue. Als Leiche ist sie heimgekehrt ins Vaterhaus, in das sie mit Freude über den Erfolg ihres vorgesetzten Zieles heimzukehren hoffte. Das Schicksal hat es anders gewollt. An ihrem Sarge trauert neben ihrem Angehörigen auch der Bräutigam. Die harte Prüfung löst hier allgemeines Beileid aus.» (zt/pmn)

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