«Sexuelle Belästigung» in einem Fall: Jetzt ist klarer, weshalb der oberste Reformierte zurücktreten musste

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Im Mai 2020 trat Gottfried Locher als höchster Reformierter zurück. Martin Töngi (Basel, 16.9.2018)

Die reformierte Kirche der Schweiz wurde 2020 durchgeschüttelt: Im Fokus stand Gottfried Locher. Ende Mai 2020 musste der höchste Reformierte der Schweiz dann zurücktreten. Der Vorwurf damals: Locher soll seine Macht missbraucht haben, «um sich Frauen mehrfach ungebührlich zu nähern – auch gegen ihren Willen». Konkret wurden die Vorwürfe aber nie.

 

Jetzt herrscht mehr Klarheit: Am Mittwoch stellte die reformierte Kirche in Bern die Ergebnisse einer externen Untersuchung vor. Demnach hatte Locher in einem Fall eine Angestellte des damaligen Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes «in ihrer Persönlichkeit verletzt» - «zufolge sexueller Belästigung und Eingriffs in die geistige Integrität». Weitere Grenzverletzungen gegenüber anderen Angestellten seien der Kirche nicht bekannt.

Vorwürfe sind aus Sicht der Kirche «glaubwürdig»

Die betroffene Frau, eine ehemalige Mitarbeiterin der Kirche, hatte Mitglieder der Kirchenspitze Ende 2019 informiert. Die Vorwürfe seien «glaubwürdig», hält die nichtständige Untersuchungskommission der Kirche gestützt auf die externe Analyse fest. Es sei aber ausdrücklich keine strafrechtliche Untersuchung gewesen, sagte Evelyn Borer, die Präsidentin des Kirchenparlamentes. Locher hatte an der Untersuchung nicht teilgenommen. Es habe kein Kontakt zu ihm bestanden, sagte die Präsidentin der kircheneigenen Untersuchungskommission, Marie-Claude Ischer. «Man kann jemanden nicht zwingen.» Er antworte nicht auf Mails oder Anrufe. Strafrechtlich gilt für ihn nach wie vor die Unschuldsvermutung.

«Missbräuche aller Art» seien offensichtlich, sagte Kommissionspräsidentin Ischer. Die betroffene Person sei in ihrer persönlichen, psychischen und sexuellen Integrität verletzt worden. Die Einschüchterungsversuche, die Locher gegenüber der Kirchenspitze unternommen habe, um die Angelegenheit unter dem Deckel zu halten, sei seiner Funktion nicht angemessen gewesen und habe der Kirche geschadet.

Kirche will handeln und Missstände beheben

Die Kirche kritisiert auch ihre Organisation: «Teilweise sind die Versäumnisse auf damals fehlende Prozesse und Verfahren in der Institution zurückzuführen». Den Bericht der Anwaltskanzlei selbst will die Kirche nicht veröffentlichen, sondern nur eine eigene Beurteilung der innerkirchlichen Kommission.

Nun wurden mehr als ein Dutzend Änderungsvorschläge zuhanden der Kirche abgegeben, «institutioneller, rechtlicher, finanzrechtlicher Natur». Es gehe um «den guten Ruf» der Institution, sagte Ischer. So müsse man prüfen, ob der Kirchenpräsident nicht zu viel Macht trage. Gerade das Machtstreben war Locher immer wieder vorgeworfen worden. Auch das Krisenmanagement und die Kommunikation der Kirche müsse besser werden. Mit der betroffenen Frau solle eine Entschädigung ausgehandelt werden, rät die Kommission. Das Opfer selbst fordert eine Entschädigung von rund 140'000 Franken.

Auch die restliche Kirchenspitze wurde durchgeschüttelt

Öffentlich geworden waren die Vorwürfe gegen Locher im April 2020. Sie führten nicht nur zu Lochers Rücktritt, sondern schüttelten die Kirchenspitze auch sonst durch. Einerseits waren die Kirche und das Kirchenparlament mit der Aufarbeitung überfordert.

Andererseits ermittelten zwei Mitglieder der fünfköpfigen Kirchenspitze quasi auf eigene Faust und gaben dazu gegen mehrere Zehntausend Franken aus – ohne Wissen ihrer Kollegen. Das Vorgehen sei insofern richtig gewesen als man die Vorfälle ernst genommen habe und nicht vertuscht worden seien, sagte Lochers Nachfolgerin, die neue Kirchenratspräsidentin Rita Famos. Es sei richtig, die Vorwürfe auch gegen Leitungspersonen jederzeit nachzuverfolgen. «Die Ereignisse um Gottfried Locher haben unsere Kirche erschüttert.» Es sei Aufgabe der Kirche, für die Integrität ihrer Mitarbeitenden zu sorgen. Famos entschuldigte sich bei der Betroffenen, auch für den langen Weg, den sie gehen musste, bis die Vorfälle aufgeklärt wurden.

Was Locher zum Abgang erhielt, bleibt geheim

Auch eine Baselbieter Kirchenrätin trat in Zusammenhang mit der Causa Locher zurück. Sie hatte einst eine – geheim gehaltene – Affäre mit Locher, hatte dann aber an der Aufklärung der Vorfälle mitgearbeitet. Ihr Verhalten sei grundsätzlich professionell gewesen, so die Kommission.

Die Untersuchung kostete rund 400'000 Franken. Nicht öffentlich machen will die Kirche, wie viel Geld Locher als Abgangsentschädigung erhielt. Mit der Bezahlung sei das Prozessrisiko vermindert worden, so die Kirche.

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