Die höchste Aargauer Lehrerin zur Corona-Lage an den Schulen: «Ich mache mir Sorgen»

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Lehrerverbandspräsidentin Kathrin Scholl, ALV, Aargauischer Lehrerinnen- und Lehrerverband, Aarau, 19. August 2021. Bild: Alex Spichale / AGR

Wir treffen Kathrin Scholl in den Räumlichkeiten des Aargauischen Lehrerinnen- und Lehrerverbands (ALV) in der Francke-Villa in Aarau. Scholl arbeitet hier seit 15 Jahren in verschiedenen Funktionen, im August 2020 hat sie das ALV-Präsidium von Elisabeth Abbassi übernommen. Der Start, mitten in der Pandemie, war für sie nicht einfach, und aufatmen kann die höchste Aargauer Lehrerin auch vorläufig nicht. Denn jetzt, ein Jahr später, ist die Corona-Lage an den Aargauer Schulen so angespannt wie seit Monaten nicht mehr.

Seit zwei Wochen sind die Sommerferien zu Ende, die Maskenpflicht in den Schulen gilt nicht mehr, die repetitiven Tests können erst seit einer Woche wieder gemacht werden, und jetzt zeigt sich ein so starker Anstieg der Fallzahlen an den Schulen, dass sich der Regierungsrat wieder die Maskenpflicht überlegt. Macht Ihnen das Sorgen?

Ja, ich mache mir Sorgen. Bereits nach zwei Tagen musste eine Klasse in Quarantäne, weitere kamen dazu. Ich erhalte Anrufe von Lehrpersonen, die positive Fälle in der Klasse haben und nicht wissen, wie sie handeln müssen. Vor Schulstart haben wir eine Umfrage gemacht, ein Grossteil der Lehrpersonen ist verunsichert ins Schuljahr gestartet. Anstatt dass endlich Ruhe einkehrt, wird’s wieder kompliziert.

Hätte man auf die veränderte Lage anders reagieren müssen?

In Krisensituationen muss klarer geführt und kommuniziert werden. Die Masken sind jetzt freiwillig, etliche Schulleitungen wollten keine Vorgaben mehr machen, also müssen sich die Lehrpersonen, etwa an Elternabenden, dafür wehren, dass diese in einem vollen Raum ohne Abstandsmöglichkeiten getragen werden. Aber das kann doch nicht ihre Aufgabe sein, denn Masken tragen zum Schutz des ganzen Systems bei. Ein grosser Teil der Lehrpersonen ist inzwischen geimpft, aber auch Kinder und ihre Familien müssen geschützt werden.

Braucht es wieder eine Maskenpflicht in den Schulen?

Wenn die Masken dazu beitragen, die Pandemie zu verlangsamen, spricht nichts dagegen. Uns wäre es lieber gewesen, mit Masken zu starten und erst nach dem ersten Massentest zur Freiwilligkeit überzugehen. Gesamtgesellschaftlich gesehen, ist die Maske das kleinste Übel, sie tut niemandem weh.

Das sehen nicht alle so, gegen die Maskenpflicht an Schulen gab es Widerstand …

… Mit Blick auf die aktuelle Entwicklung ist es dennoch eine Frage der Zeit, bis sie wieder eingeführt wird.

Wie sieht es aus, wenn dereinst ein Impfstoff für die unter 12-Jährigen freigegeben wird?

Ob Kinder sich impfen lassen, ist ein Entscheid der Eltern. Ich finde es aber gut, wenn die Schule genutzt wird, um die Impfung niederschwellig anzubieten, wie es jetzt bei Gymnasien und Berufsschulen getan wird. Man könnte an den Schulen auch Fachleute objektiv über die Impfung informieren lassen.

Wird Fernunterricht wieder ein Thema?

Höchstens, wenn die Ansteckungen noch einmal massiv zunehmen. Im Gegensatz zu anderen Ländern mussten die Schulen in der Schweiz nur einige Wochen schliessen. Dennoch sind die Auswirkungen des Fernunterrichts offensichtlich, zu viele Kinder kämpfen mit den Folgen, die Jugendpsychiatrie ist überlastet. Schulschliessungen sollten darum das letzte Mittel sein. Vorher sehe ich Kanton und Gemeinden in der Pflicht, für gute Luftqualität in den Schulzimmern zu sorgen.

 

Diese Forderung ist in der Politik angekommen, die SP ist damit an den Regierungsrat gelangt. Sollen jetzt alle Schulen Luftfiltersysteme anschaffen?

Es bräuchte wenigstens CO2-Messgeräte, damit rechtzeitig gelüftet wird. Wo man nur ungenügend frische Luft reinlassen kann, wären Filtergeräte sinnvoll. Ich finde zudem, es müsste Vorschrift sein, dass bei Neubauten Lüftungssysteme eingebaut werden. Schlechte Schulzimmerluft ist nicht nur ein Pandemie-Problem, der Dachverband der Lehrerinnen und Lehrer sagt, es gebe etwa 60000 Schweizer Schulzimmer, die nicht richtig gelüftet werden können. Schüler und Lehrerinnen sind aber leistungsfähiger, wenn sie genügend Sauerstoff haben. Es ist also eine Investition, die sich auf lange Sicht lohnt.

Das wäre mit hohen Kosten verbunden. Wer soll das bezahlen?

Für die Infrastruktur der Schulen sind die Gemeinden verantwortlich, die diesbezüglich nicht alle ihre Aufgaben gemacht haben. Wegen der Pandemie könnte der Kanton solche Systeme aber subventionieren und mit den Gemeinden zusammen Verantwortung übernehmen. Es ist illusorisch zu sagen, man stellt in jedes Schulzimmer ein Filtergerät. Wo es kritisch ist, muss man aber eine Lösung jetzt planen. Der Aargau könnte hier eine Vorreiterrolle übernehmen.

Sie haben das ALV-Präsidium im August 2020, mitten in der Pandemie, übernommen. Wie war das?

Es war ein happiger Einstieg. Die Erfahrungen mit einer Pandemie fehlten als Entscheidungsgrundlage. Im Herbst und Winter machten mir zudem sehr persönliche Anfeindungen zu schaffen. Ich bin seit 30 Jahren in der Politik und mir einiges gewohnt. Aber in einem solchen Ausmass und derart primitiv habe ich das noch nie erlebt.

Warum wurden Sie denn als höchste Aargauer Lehrerin angefeindet?

Das kam von Personen, die mit Aussagen von mir in den Medien nicht einverstanden waren. Auch wenn mir klar ist, wie das einzuordnen ist, so prallte es nicht an mir ab. Irgendwann hat es glücklicherweise aufgehört.

Die Lehrpersonen waren von Anfang an in der Pandemie gefordert. Gibt es dafür auch Wertschätzung?

Ja. Im Fernunterricht wurde der grosse Aufwand der Schulen sichtbar. Es war für die Schulen und die Lehrerinnen und Lehrer selbstverständlich, sich in dieser Zeit speziell um die Kinder und Jugendlichen zu kümmern. Ich finde, sie haben Grossartiges geleistet. Die Rückmeldungen der Eltern nach dem Fernunterricht waren positiv.

Und von den Behörden?

Von den Lehrpersonen wurde die priorisierte Impfung für jene ab 50 Jahre sehr geschätzt. Der Aargau war der erste Kanton, der das angeboten hat. Durch diesen Entscheid der Gesundheitsdirektion haben wir Wertschätzung gespürt.

Auch abseits der Pandemie gibt es an den Aargauer Volksschulen Problemfelder – der Lehrermangel ist ein Beispiel. Wird dieser mit der Einführung des neuen Entlöhnungssystems Vergangenheit?

Nein, sicher nicht. Aber ich gehe davon aus, dass die Abwanderung in andere Kantone abnehmen wird und junge Lehrpersonen im Aargau starten, wenn wir konkurrenzfähigere Löhne haben. Wir erheben die Austrittsgründe jeweils, häufig nehmen Lehrerinnen und Lehrer eine Anstellung in einem besser entlöhnenden Kanton an.

Ab Januar 2022, also noch in diesem Schuljahr, gilt das neue System. Wirkt es sich bereits auf Anstellungen aus?

Bei uns gehen dazu viele Anfragen und Rückmeldungen ein. Und ja, es gibt Lehrpersonen, die deswegen bereits zurückkommen.

Noch gravierender ist an Aargauer Schulen der Mangel an schulischen Heilpädagoginnen. Ist die inte­grierte Schule gescheitert?

So dezidiert würde ich es nicht sagen. Das neue Lohnsystem wird sicher auch hier helfen, dem Mangel entgegenzutreten, weil auch die schulischen Heilpädagogen höher entlöhnt werden. Andererseits ist die Rolle der Heilpädagogin im Team eine andere als die der Lehrperson. Es sind Fachpersonen, die nicht nur mit den Kindern arbeiten, sondern auch Schulleitungen und Lehrpersonen beraten. Es ist ein zweigeteilter Berufsauftrag, der noch nicht überall richtig umgesetzt wird.

Haben Sie einen Lösungsansatz?

Es gibt auch Heilpädagogen, die Stellen suchen. Das Problem ist, dass die Pensen zerstückelt sind und ständig neu angepasst werden. Stellen zusammenzukratzen, ist unattraktiv, es müssten grössere Pensen ausgeschrieben werden, da ist noch viel Arbeit zu leisten. Zudem muss der Kanton mittels Stellvertretungen dafür sorgen, dass die Ausbildung überhaupt gemacht werden kann. Dies war früher so und wurde dann weggespart.

Ebenfalls im Januar steht die Abschaffung der Schulpflege an. Ist das für die Lehrpersonen überhaupt ein Thema?

Die Frage für die Lehrpersonen ist, ob man eine gute oder eine schlechte Schulführung hat. Ob das der Gemeinderat oder die Schulpflege ist, spielt keine Rolle. Die direkte Führung, die Einfluss auf die Lehrpersonen hat, ist die Schulleitung. Und da gibt es noch Luft nach oben.

Müssen die Schulleiter besser ausgebildet werden?

Ja, dringend. Die Ausbildung muss qualitativ besser und länger sein.

Was ist denn das Problem?

Am verheerendsten am jetzigen System ist, dass die Schulleitungen die Ausbildung erst beginnen, wenn sie bereits im Beruf arbeiten. Es müsste umgekehrt sein: Zuerst macht man wenigstens einen Teil der Weiterbildung, dann wird man eingestellt. Der Kanton hat jetzt immerhin ein Anforderungsprofil definiert, bis jetzt wurden auch Leute eingestellt, die gar nicht die richtigen Voraussetzungen mit sich brachten. Als Schulleitung führt man ein Expertengremium, es braucht nicht das ganze Wissen einer Lehrperson, man muss es aber abholen können und die Autonomie der Lehrperson schützen.

Sie sind Ende 2018 aus dem Grossen Rat zurückgetreten. Sie haben also diese Geschäfte mitgestaltet. Wie ist es, das nicht mehr tun zu können?

Die Leute fehlen mir zwar, aber ich vermisse die Arbeit nicht. Ich war 14 Jahre im Grossen Rat. Jetzt sind andere, jüngere am Zug.

2012 wurden Sie einstimmig zur Grossratspräsidentin gewählt, das gab es seither nicht mehr. Sind Sie unter den Lehrpersonen so beliebt, wie Sie es im Parlament waren?

Ich glaube, ich werde geschätzt. Man kann es nie allen recht machen, aber ich spüre einen grossen Rückhalt. Wenn man präsidiert, ist man ein Stück weit einsam, und man muss es aushalten, wenn man mit einem Entscheid nicht alle glücklich macht.

Als SPlerin Lehrerin zu sein, ist ein Klischee. Eines, das stimmt?

Wer ins Lehramt will, sucht häufig eine sinnstiftende Arbeit, bei der das Geld nicht an vorderster Stelle stehen muss. Eher links eingestellten Personen sind diese Werte vielleicht näher. Aber es gibt glücklicherweise Lehrerinnen und Lehrer aller politischen Richtungen. Dass der ALV nur noch ein «linker Haufen» sei, wird zwar manchmal an mich herangetragen. Aber es ist nicht unsere Schuld, wenn die Parteien keine Personalpolitik mehr machen.

Wie viel Politik verträgt die Schule?

Es ist wichtig, dass die Politik die Rahmenbedingungen schafft und die Grundlagen vorgibt. Aber bei konkreten Inhalten soll sie nicht mitreden.

Wie soll die politische Bildung aussehen?

Politische Sachverhalte aufzuzeigen, sie in ein Verhältnis zu setzen und zu diskutieren, ist die Aufgabe der Schule. Politische Aktionen aber klar nicht.

Könnten Sie sich noch einmal für ein politisches Amt begeistern?

Dieser Zug ist abgefahren. Ich hatte mir noch überlegt, für den Regierungsrat zu kandidieren. Das wäre das einzige Amt, das mich noch gereizt hätte, ich habe mich dann aber für den ALV entschieden. Und ich bin ja auch nur ein Mensch, ausser Politik und Arbeit gibt es noch anderes im Leben. Ich habe jetzt beim ALV mein Pensum um 10 Prozent auf 60 Prozent reduziert. Ich nehme mir diesen Tag bewusst frei, das gibt eine andere Lebensqualität.

Ist Lehrerin Ihr Traumberuf?

Ja, immer. Schon als ich klein war, und ich habe es immer sehr gerne gemacht. Der Schulstart im August ist für mich auch jetzt noch ein sehr spezieller Moment.

Können Sie sich vorstellen, noch einmal zu unterrichten?

Ich weiss nicht, ob ich es noch könnte. Seit ich unterrichtet habe, ist enorm viel passiert. Ich kenne mich zwar aus, habe vieles aber selber nie angewendet. Ich sage nicht nie mehr. Aber ich hätte Respekt.

Was wünschen Sie sich für das Schuljahr?

Es wird kein normales Schuljahr. Ich wünsche mir, dass die Kinder trotzdem möglichst viel profitieren können, dass gescheite Massnahmen vorausdenkend getroffen werden und offensiv kommuniziert wird. Der Kanton hat in dieser Pandemie sehr viel gut gemacht, er war schnell und unkompliziert bei der Verteilung von Hilfsgeldern. Schnelles Handeln und Unterstützen wünsche ich mir auch für die Schule.

Zur Person

Kathrin Scholl (Jahrgang 1962) ist Primar- und Sekundarlehrerin mit Weiterbildung in der Erwachsenenbildung. Sie hat auf allen Stufen, ausser Gymnasium, unterrichtet. Von 2005 bis 2018 sass die Lenzburgerin für die SP im Aargauer Grossen Rat, davon drei Jahre als Fraktionspräsidentin. 2012/2013 war Scholl Grossratspräsidentin, die Wahl im Rat fiel einstimmig aus. Scholl ist Mutter zweier erwachsener Kinder. Beim ALV ist sie 2006 als politische Sekretärin gestartet. (eva)

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